Die sintflutartigen Regenfälle, die der Wirbelsturm Irma mit sich bringt, könnten in dem Land Haiti schlimme Folgen haben: Hilfsorganisationen befürchten neben Überschwemmungen und Erdrutschen, dass die Frischwasserversorgung zum Erliegen kommen wird. Foto: AFP

Hurrikan „Irma“ hat nach ersten Einschätzungen von Hilfsorganisationen weniger Schäden verursacht als befürchtet. Sabine Wilke, Pressesprecherin von Care Deutschland-Luxemburg, befürchtet Notfälle vor allem im Norden des Landes.

Berlin - Der inzwischen von der höchsten Stärke 5 auf 4 herabgestufte Wirbelsturm „Irma“ hatte in der Nacht zum Freitag Haiti passiert. Zwei Menschen wurden dem britischen „Guardian“ zufolge in der Hafenstadt Cap-Haïtien verletzt, als ein Baum auf ihr Haus stürzte. Außerdem zerstörte der Sturm eine Brücke zum Nachbarland. Eine komplette Entwarnung für die Region wollen Hilfsorganisationen nicht geben: Vor allem der tiefer gelegene Norden Haitis wird erheblich unter den Folgen zu leiden haben, sagt Sabine Wilke, Pressesprecherin von Care Deutschland-Luxemburg.

Wie können sich die Menschen in Haiti auf eine solche Naturkatastrophe vorbereiten?
Natürlich können sich die Menschen vor Ort nur bedingt auf eine solche Naturkatastrophe vorbereiten. Denn wie die Nachrichten aus besser entwickelten Regionen wie den Karibikinseln Saint-Barthélémy und Saint-Martin gezeigt haben: Trotz gut organisierter Schutzmaßnahmen, hat der Sturm eine unglaubliche Zerstörungskraft. Aber auch Haiti ist aufgrund seiner geografischen Lage Hurrikan-erfahren und es wurde in den vergangenen Jahren auch viel in die Vorsorge investiert. So gibt es seitens der Regierung Notfallpläne. Die Menschen wissen, was zu tun ist – ob es beispielsweise Evakuierungspläne gibt, wo sie sich informieren können, ob sie Lebensmittel lagern sollen oder ob sie zu einem Evakuierungszentrum gehen müssen. Die Regierung hat für solche Fälle ebenfalls vorgesorgt – beispielsweise mit einem Vorrat an Wasserreinigungstabletten oder Zeltplanen, die einigermaßen Sturm und Regen abhalten können. Aber natürlich ist noch nicht alles perfekt: So werden die Leidtragenden des Wirbelsturms die ärmeren Bevölkerungsgruppen des Landes sein – oft haben sie keinen Zugang zu Sturmwarnungen und Evakuierungsplänen.
Welche Szenarien drohen typischerweise nach einer solchen Naturkatastrophe?
Ein Wirbelsturm ist eine Katastrophe, die sich über Etappen erstreckt: Die direkte Gefahr äußert sich in sintflutartigen Regenfällen, die alles unter Wasser setzen und Überschwemmungen verursachen. Hinzu kommen die starken Windböen, die die Gebäude beschädigen oder auch komplett zerstören. Die Küstengebiete werden zudem von Flutwellen bedroht. Das viele Wasser kann auch die Erde ins Rutschen bringen, so sind in den Bergregionen Schlammlawinen möglich. In der zweiten Phase nach dem Wirbelsturm haben die Menschen weiter mit dem nicht abfließenden Wasser in den Häusern und auf den Straßen zu kämpfen. In solchen Situationen ist die Frischwasserversorgung zusammengebrochen – sprich: Es droht dann auch die Ausbreitung typischer Durchfallerkrankungen. Manche Regionen werden nicht zugänglich sein, weil die wenigen Zufahrtswege aufgrund von Erdrutschen, Trümmern oder Überflutungen nicht mehr befahrbar sind.
Gibt es geschulte Leute vor Ort?
Die Regierung von Haiti hat in den vergangenen Jahren schon eine Art Zivilen Katastrophenschutz eingerichtet, also eine Behörde, die in solchen Fällen die Koordination der Hilfsmaßnahmen übernimmt. Natürlich ist vieles immer noch verbesserungswürdig, aber die Grundstrukturen sind vorhanden: Inzwischen haben sich unter deren Leitung sämtliche Nichtregierungsorganisationen an einen Tisch gesetzt, um die Aufgaben zu verteilen und keine Parallelstrukturen aufgebaut werden. Wir selbst haben in Haiti derzeit 400 geschulte Helfer lokaler Organisationen, die wir nun in den Norden des Landes, der von Irma am meisten getroffen wurde, ausgesandt haben. Sie versuchen einen Überblick über die Lage dort zu bekommen und werden dann erste Maßnahmen einleiten wie beispielsweise die Verteilung von Hilfsgütern und Lebensmitteln. Ob das reichen wird, wird sich zeigen.
In welchen Bereichen werden die Menschen Unterstützung aus dem Ausland benötigen?
Wir als Hilfsorganisation haben natürlich ein starkes Interesse daran, dass lokale Strukturen genutzt werden und nicht Experten etwa aus Deutschland eingeflogen werden müssen. Allerdings wird es bestimmte Anfragen an das Ausland sicher geben – das war auch schon im vergangenen Jahr nach dem Wirbelsturm „Matthew“ der Fall, der die Karibikinsel schwer verwüstet hat. Da wurden beispielsweise bestimmte Gerätschaften aus Mexiko und Panama angefragt, um die Trümmer zu beseitigen. Bei dem Erdbeben im Jahr 2010 wurde die USA gebeten, den Flugverkehr zu regeln. So etwas in der Art wird sicher auch nach Irma gefragt sein. Und natürlich wird es Geld brauchen. Ich denke, dass das Auswärtige Amt im Falle massiver Schäden recht schnell die Höhe der Summe der Hilfsgelder bekannt geben wird, die nach Haiti fließen werden.

Zur Person:

Sabine Wilke ist die Pressesprecherin der Hilfsorganisation Care, die 1945 in den USA gegründet wurde, um vor allem im Nachkriegseuropa Erste Hilfe zu leisten – etwa mit den typischen Care-Paketen (mit Schmalz, Milch und Kaffee). In der deutschen Hauptgeschäftsstelle in Bonn wird die Umsetzung von Projekten, die Spenderwerbung und die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit gesteuert. 2016 setzte Care Deutschland-Luxemburg 125 Projekte in 37 Ländern um. Auch in Haiti ist Care seit Jahren dauerhaft vertreten – unter anderem mit Katastrophenschutz- und Bildungsprogrammen.

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