In der Stuttgarter Innenstadt wird es ungemütlich für Dirnen und Zuhälter Foto: dpa

Die Situation hat sich beruhigt. Die Straßenprostitution ist im Bereich des Rotlichtviertels in Stuttgarts Altstadt zurückgegangen, Bordelle haben dicht­-gemacht. Den Kampf gegen die illegale Prostitution haben die Ordnungsbehörden damit aber noch nicht gewonnen.

Stuttgart - Noch vor wenigen Monaten standen sie fast rund um die Uhr an der Straße. Mittlerweile sind die Frauen, die mit obszönen Gesten und Sprüchen im Leonhards- und Bohnenviertel Sex anbieten, so gut wie verschwunden. Und die Freier halten sich seltener auf den Straßen in dem Revier auf. „Es ist ein Wunder. Die Situation hat sich extrem entspannt“, sagt Sebastian Erdle. Er ist Bezirksbeirat in Stuttgart-Mitte, wohnt im Bohnenviertel und beobachtet die Szene sorgfältig.

Vergangenes Jahr hatte er mit einer Unterschriftenaktion gegen die Straßenprostitution protestiert. Denn Freier haben Anwohnerinnen belästigt und Prostituierte Passanten zum Sex animiert. Die Lage hatte sich so zugespitzt, dass viele Ladenbesitzer, Wirte und Bewohner nur noch eins wollten: weg aus ihrem Viertel.

Anwalt Kugler: „Meine Mandanten sind begeistert“

Die Stuttgarter Nachrichten haben die Zustände im Bereich des Rotlichtviertels aufgegriffen und in ihrer Reihe „Mittendrin“ eine Podiumsdiskussion zu dem Thema veranstaltet. „Dass sich danach so viel tut, hätte ich nicht erwartet“, sagt Erdle. Rechtsanwalt Roland Kugler, der im Auftrag von Anwohnern gegen die Stadt klagen wollte, weil sie die illegale Anbahnung von Sexgeschäften auf der Straße nicht effektiv unterbinde, bestätigt: „Meine Mandanten sind begeistert, dass sich die Dinge so zum Besseren gewendet haben.“

Was ist passiert? Ordnungsbürgermeister Martin Schairer (CDU) legt mit hochgekrempelten Hemdsärmeln die Fakten auf den Tisch: Obwohl die Zahl der Prostituierten in der Altstadt von 151 im Vorjahr auf 100 gesunken ist, sind mehr Vergehen registriert worden. Bis zum 31. August gab es in diesem Jahr 211 Strafanzeigen gegen Prostituierte. Im gesamten Jahr 2014 waren es nur 92. Außerdem wurden 218-mal Bußgelder gegen sie verhängt. Im gesamten Vorjahr gab es nur 117 Bußgeldbescheide. Aufenthaltsverbote wurden 59-mal ausgesprochen. Im Vorjahr 78-mal. Freier, die auf der Straße Prostituierte ansprechen, kommen jetzt auch seltener ungeschoren davon: Während es in den vergangenen vier Jahren kein einziges Aufenthaltsverbot gab, sind es in diesem Jahr neun. Außerdem gab es bisher 225 Bußgeldbescheide – gegenüber 56 im Vorjahr.

Die Zahlen zeigen laut Schairer, dass Freier und Prostituierte sehr viel stärker als bisher im Visier der Polizei stehen und sich die Kontrollen verschärft haben. Außerdem ist der Vollzugsdienst seit vergangenem Herbst bei den Kontrollen mit im Boot.

Behörden arbeiten Hand in Hand

Hand in Hand mit den Aktionen von Polizei und Ordnungsamt gehen die Maßnahmen des städtischen Baurechtsamts. Der vom Ordnungsamt angedrohte Entzug der Gaststättenkonzession für den Fall, dass die Bordellbetreiber die Frauen zum Anschaffen auf die Straße schicken, wird vom Baurechtsamt durch Nutzungsuntersagungen ergänzt. Der Effekt ist, dass die Bordellbetreiber vorsichtig sind und die Frauen von der Straße zurückpfeifen – wie zum Beispiel vor dem Hotel Türmle. Die Nutzungsuntersagung für den Bordellbetrieb dort wurde laut Baurechtsamt vom Regierungspräsidium bestätigt. Da der Betreiber dagegen geklagt hat, läuft der Betrieb zwar weiter. „Aber eben nicht mehr auf der Straße“, sagt die Leiterin des Baurechtsamts, Kirsten Rickes. Das­ ­Hotel Dieter hat laut Rickes nach der ­Nutzungsuntersagung dichtgemacht. Nutzungsuntersagungen gibt es auch gegen den Betrieb in der Nonne und im Eros in der Leonhardstraße. Die Entscheidung darüber liegt noch beim Regierungspräsidium.

Der Nutzungsuntersagung zuvorgekommen ist der Eigentümer der Häuser Nummer 8 und 18 in der Leonhardstraße: Der hat laut Rickes einen Bauantrag auf Legalisierung des laufenden Bordellbetriebs gestellt. Das wurde zwar abgelehnt. Da der Eigentümer beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim aber gegen die Stadt klagt, können die Häuser vorerst nicht geschlossen werden. Dicht ist dafür das Bordell in der Leonhardstraße 16.

Bürgermeister Schairer: „Prostituierte und Zuhälter wandern ab“

Davon, wie das Regierungspräsidium in Sachen Nutzungsuntersagung entscheidet, hängt das weitere Vorgehen der Stadt ab. Bestätigt sie das Regierungspräsidium, müssen alle übrigen Bordellbetriebe mit Nutzungsuntersagungen rechnen. Denn die Experten der Baurechtsbehörde gehen davon aus, dass im und rund ums Leonhardsviertel keins der etwa zwölf Bordell legal ist und auch der Bestandsschutz nicht greift: Bislang fühlten sich die Bordellbetreiber, deren Betriebe bereits vor 1985 existierten, auf der sicheren Seite. „Die Rechtsprechung beim Verwaltungsgerichtshof in Mannheim ändert sich aber gerade“, sagt Rickes.

Dass die Prostitution in andere Stadtteile ausweicht, schließt Bürgermeister Schairer aus: „In Stuttgart wird es für Prostituierte und Zuhälter so ungemütlich, dass sie in andere Städte abwandern“, sagt er und hofft, dass sich die Partyszene von der Theodor-Heuss-Straße Richtung Altstadt bewegt und sich so ein Nebeneinander von Rotlicht, Gastro-Szene und Wohnen entwickelt.