Laternenumzüge bringen Kinderaugen zum Leuchten – egal, welchem Martin sie gewidmet sind. Foto: IMAGO/Rüdiger Wölk

Dass Martini nicht gleich Martini ist, musste unsere Redakteurin feststellen, als sie aus Ostfriesland in den Kreis Böblingen zog. Was es damit auf sich hat.

Darauf, wie groß Kulturschocks sein können, wenn man im eigenen Land umzieht, bereitet einen auch keiner vor. Erlebt hat die Schreiberin dieser Zeilen – gebürtige Ostfriesin, seit 2019 im Kreis Böblingen – davon zu Beginn ihrer Zeit in Baden-Württemberg so einige. Einer davon hängt mit ihrem liebsten Fest im Jahresreigen zusammen: Martini.

 

Laternen, Lieder, Geselligkeit und Lichterschein, die Kälte und Dunkelheit vertreiben – was kann es Schöneres geben? Dass es Martini im Süden auch gibt, hatte die Autorin schnell gemerkt, und doch kamen immer komische Reaktionen, wenn sie von den Bräuchen in der Heimat erzählte. „Hast du dich nicht im Tag geirrt?“, wurde da gefragt. Und: „Ich glaube, du meinst was anderes“.

Martin Luther oder St. Martin?

So ähnlich sich nämlich das nördliche und das südliche Martini sind, so unterscheiden sie sich doch grundlegend.

In Ostfriesland ist es üblich, dass Kinder am Abend des 10. November mit selbst gebastelten (gekauft geht natürlich auch) Laternen in der Nachbarschaft von Tür zu Tür gehen. Sie klingeln und singen ein Martinilied. Dafür bekommen sie Süßigkeiten oder Obst. In einigen Orten kann man sogar in der Innenstadt bei Geschäften singen.

Hier im Süden steht ein anderer Tag im Mittelpunkt: der 11. November. Auch hier gibt es Laternen und Laternenlieder. Es gibt Umzüge, aber keiner klingelt an den Türen der Nachbarn (das hat man ja schon an Halloween). Großer Unterschied: bei einigen Umzügen gibt es ein Schauspiel, bei dem ein römischer Soldat seinen Umhang mit einem Bettler teilt.

Annehmen können

Es gibt also zwei Martins, die an direkt aufeinanderfolgenden Tagen auf verwirrend ähnliche Weise geehrt werden. Im Süden ist das Martin von Tours, der später heilig gesprochen wurde. Der Tag seiner Beisetzung: 11. November. Im evangelisch-reformierten Norden der Republik dreht sich alles um Martin Luther (Wartburg, 95 Thesen). Sein Geburtstag: 10. November. Die Verehrung Luthers sei als Gegenakzent zur Heiligenverehrung im 18. Jahrhundert ins Leben gerufen worden, heißt es vom Evangelischen Bund.

So ähnlich und gleichzeitig so unterschiedlich sind also die beiden Martinis. Anfangs hat sich die zugezogene Neu-Böblingerin noch gegen den für sie neuen Brauch gesträubt – ist mit dem Kind schon am 10. November mit Laterne um die Häuser gezogen. Aber das hat nicht lange gehalten. Spätestens mit Eintritt des Kindes in die Kita hat die Wirkung des Kulturschocks nachgelassen. Für das Kind gibt es nur das eine Martini, das mit St. Martin. Es ist halt Böblinger.

Und da viele Martinilieder sowohl im Norden als auch im Süden gesungen werden, hat die Ostfriesin sich nun auf das „andere Martini“ eingelassen. Immerhin geht es ja um Laternen, Lieder, Geselligkeit und Lichterschein, die Kälte und Dunkelheit vertreiben. Was kann es Schöneres geben?