Sie helfen Verschütteten und dokumentieren die Angriffe – syrische Weißhelme. Foto: AFP

Israel hilft hunderten syrischen Weißhelmen bei der Flucht vor Assad. Doch nicht alle entkommen.

Tunis - In einer dramatischen Rettungsaktion hat Israel in der Nacht zu Sonntag rund einhundert Weißhelme zusammen mit 320 Familienangehörigen aus dem syrischen Grenzgebiet evakuiert und anschließend von den Golanhöhen aus mit Bussen nach Jordanien gebracht. Ursprünglich geplant war die Aufnahme 800 Personen. Wie der jordanische Außenminister Ayman al-Safadi jedoch mitteilte, kamen bisher lediglich 422 Menschen auf jordanischem Territorium an. Sie sollen in den kommenden drei Monaten nach Deutschland, Kanada und Großbritannien umgesiedelt werden. Man habe auf Bitten der USA, Kanada und der EU gehandelt, erklärte die israelische Armee und nannte die Aktion „eine ausnahmsweise erfolgte humanitäre Geste“. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums sagte dem Evangelischen Pressedienst in Berlin, Deutschland werde acht Weißhelm-Mitarbeiter und ihre Familien aufnehmen. Die Aufnahme, über die Bundesinnenminister Horst Seehofer entschieden habe, sei ein humanitärer Akt. Nach Informationen der „Bild“-Zeitung werden insgesamt rund 50 Gerettete nach Deutschland geholt. Den Angaben des Chefs der Weißhelme, Raed Saleh, zufolge waren die Mitglieder seiner Organisation von heranrückenden russischen und syrischen Truppen nahezu umzingelt.

Eine zweite Gruppe ist bisher nicht aufgetaucht

Nach Darstellung israelischer Sicherheitskreise wurden die Weißhelme und ihre Familien über geheime Kanäle zu zwei Sammelpunkten auf der syrischen Seite dirigiert, der eine auf den nördlichen Golanhöhen nahe Quneitra, der andere auf den südlichen Golanhöhen nahe dem von Syrien, Israel und Jordanien gebildeten Dreiländereck, das sich teilweise noch in der Hand des „Islamischen Staates“ befindet. Dort sollten sich die Flüchtlinge am Samstagabend einfinden, am besten zu Fuß, um kein Aufsehen zu erregen. Gegen 23 Uhr öffnete Israel seine Grenztore. Nach Angaben der BBC jedoch gelang es der zweiten Gruppe aus dem IS-Gebiet im ersten Anlauf nicht, sich in Sicherheit zu bringen. Ihr Schicksal blieb den ganzen Sonntag über unklar. Die über Quneitra eingelassene Gruppe dagegen fuhr im Buskonvoi und unter strenger Bewachung ohne Zwischenstopp zum nördlichen Übergang Sheikh Hussein zwischen Israel und Jordanien, wo die Evakuierten von Vertretern des haschemitischen Königreiches in Empfang genommen und zu einer speziell abgeschirmten Unterkunft gebracht wurden.

Für die meisten gibt es kein Entrinnen

Seit Mitte Juni läuft die Großoffensive des Assad-Regimes und seiner russischen und iranischen Verbündeten gegen die südliche Rebellenenklave von Daraa und Quneitra. Nach heftigen Bombenangriffen stimmten in den letzten beiden Wochen nahezu alle Rebellenkommandeure einer Übergabe ihrer schweren Waffen und einer kampflosen Kapitulation zu. Einige tausend Bewaffnete wurden mit ihren Familien in die letzte noch verbliebene Rebellenenklave im Norden, der Provinz Idlib, transportiert. Für die meisten kommunalen Aktivisten und zivilen Assad-Gegner im Süden dagegen gibt es kein Entrinnen vor den Schergen des Diktators, da Jordanien und Israel ihre Grenzen für syrische Flüchtlinge komplett abgeriegelt halten.

Die syrischen Weißhelme wurden 2013 gegründet und von westlichen Geldgebern für ihre Rettungsarbeit geschult, finanziert und ausgerüstet. Die etwa 3000 Mitarbeiter der Organisation, die in der Regel ein kleines Gehalt bekommen, haben nach Luftangriffen abertausende verschüttete Frauen, Männer und Kindern aus den Trümmern geborgen. Mindestens 200 von ihnen verloren bei diesen Einsätzen an Orten wie Aleppo, Homs, Ost-Ghouta und Daraa ihr Leben, 600 wurden verletzt. Mehrfach griffen russische Jets gezielt Stützpunkte der Weißhelme an, um deren Mitglieder zu töten und deren Ausrüstung zu zerstören. Seit Jahren läuft eine von Russland gesteuerte Hetzkampagne im Internet gegen die freiwilligen Ersthelfer, die 2016 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet worden sind.

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