Kati Safwat aus Stuttgart ist Expertin für Human Design, einem Astrotrend, der immer beliebter wird. Befragungen zeigen, gerade Jüngere glauben wieder mehr an Astrologie. Warum – und was hat es damit auf sich?
In einem kleinen Café im Stuttgarter Osten sitzt Kati Safwat vor ihrem Laptop, arbeitet an einem Beitrag für Instagram: „Du hast einen wichtigen Termin vor dir – hier kommt ein Human Design Hack, wie du entspannt bist und gar nicht mehr so aufgeregt“, schreibt sie. Safwat, 32, hat langes rotes Haar und ein verschmitztes Lachen, wirkt herzlich. Sie ist Mutter eines Babys und eines Zweijährigen, gelernte Veranstaltungsfachwirtin und verdient ihr Geld als selbst ernannte Expertin für Human Design. Bei dem esoterischen Konzept errechnet man über das Geburtsdatum eine Körpergrafik, aus der sich Charaktertypen und vieles mehr ergeben sollen.
Der Trend ist beliebt: Influencer in sozialen Netzwerken, die sich mit Human Design befassen, erreichen Tausende. Der Instagram-Account „myHD“ etwa hat knapp 300 000 Follower und verspricht: „Discover EXACTLY who you came here to be“. In diesem Satz steckt vieles, woran die Anhänger dieser Astrologievariante glauben: Man soll exakt herausfinden können, wozu man ausersehen ist – denn jeder sei dazu auserwählt, eine ganz bestimmte Persönlichkeit zu entwickeln. Das ist in der Human-Design-Lehre vermeintlich über den Zeitpunkt der Geburt und einem Zeitpunkt drei Monate vor der Geburt vorherbestimmt. Human-Design-Theorien verarbeiten Elemente aus der Astrologie, dem I Ging, der Chakrenlehre und der Kabbala, entstanden sind sie Ende der 80er Jahre. Ein Kanadier namens Alan Krakower will eine Eingebung gehabt haben, nannte sich fortan Ra Uru Hu und schrieb ein Buch, das sich sehr gut verkaufte.
Wer das durchdringen möchte, muss sich stundenlang damit befassen
Kati Safwat fragt uns nach Geburtstag, Uhrzeit, Ort, in wenigen Sekunden errechnet der Computer den Chart. Eine Großgrafik, die durch Zahlen, Farben, Linien und geometrische Formen für den Laien rätselhaft wirkt. Als würde man das Periodensystem der Chemie in eine umgedreht gezeichnete Gebärmutter eintragen. Dabei tauchen rätselhafte Worte und Begriffe auf. Die Autorin dieses Textes hat demnach das Profil des ketzerischen Märtyrers, sie ist ein Projektor – nicht wie die meisten Menschen ein Generator. Und ihr Inkarnationskreuz ist das rechte Kreuz der Durchdringung.
Wer das durchdringen möchte, muss sich augenscheinlich stundenlang damit befassen – oder jemanden wie Kati Safwat fragen. Ein geniales Geschäftsmodell. Die Kunden sind begeistert, Onlineposts loben Safwat. Daniela R. schreibt: „Ich habe bei Kati das Master Reading gebucht. Ich bin wirklich sehr begeistert. Eine absolute Herzensempfehlung für alle, die auf dem Weg zu sich selbst sind.“ Nefe Nefe schreibt: „Vielen Dank, liebe Kati, für diesen wunderbaren Ausflug in die Welt der Variablen. Ich habe an dem ersten Kurs teilgenommen, um einen Einblick in die Welt der Verdauung, sowohl essenstechnisch, als auch die Verdauung von Informationen zu bekommen.“ Eveline schreibt: „In kurzer Zeit konnte Kati mir helfen, wichtige Leitplanken aufzuzeigen, an denen ich mich orientieren kann, um mich nicht mehr wie auf rohen Eiern zu fühlen.“
Das klingt erstaunlich. Mindestens einmal die Woche, sagt Safwat, lese sie jemandem den Chart, wie sie es nennt. Die Kosten dafür fangen bei 440 Euro für zwei bis drei Stunden Beratung an. Doch üblich sei es, ein großes „Reading“ zu buchen, das dann 15 bis 17 Stunden Beratung umfasst.
Große Verunsicherungen – großes Bedürfnis nach Beratung
Was ist so faszinierend an dieser Lehre, dass Leute bereit sind, viel Geld zu investieren? Was suchen sie?
Für Diplom-Psychologin Felicitas Heyne aus Heidelberg sind Erklärungen wie die der Onlinenutzerin Eveline typisch: „Es gibt wieder mehr Unsicherheiten, da sind auch wieder mehr Menschen auf der Suche nach Leitplanken im Leben – in einer Zeit, in der nichts mehr gesichert ist, es keine Orientierung gibt. Alles ist frei wählbar, sogar das Geschlecht.“ Genau wie es Eveline schreibt, fühlten sich viele „wie auf rohen Eiern“. Felicitas Heyne hat selbst einen auf den Theorien von Carl Gustav Jung basierenden, wissenschaftlichen Persönlichkeitstest entwickelt, auf den Patienten für eine erste Orientierung online zugreifen können. Heynes Test gibt es schon seit 2006 – in den vergangenen Jahren hat sie aber eine deutliche Zunahme der Zugriffe auf das Portal bemerkt. Für sie ist das ein Indiz dafür, dass sich viele verunsichert fühlten und nach Orientierung und Erklärungen suchten. Auch in ihrer Praxis behandle sie zunehmend Fälle gerade jüngerer Patienten, die mit Angststörungen zu kämpfen hätten, erzählt Felicitas Heyne. „Das ist die Kehrseite all der gesellschaftlichen Öffnungen.“
Manche finden dann Halt in deterministischen Theorien wie der, dass das Selbst durch Zeit und Ort des Geburtstags bestimmt wird. Obwohl es bis heute keinen wissenschaftlichen Beleg für einen Zusammenhang zwischen der Persönlichkeit und dem Geburtszeitpunkt gibt, glaubt etwa die Hälfte der Bevölkerung an Horoskope. Zu diesem Ergebnis kam eine Befragung von 2089 Versuchspersonen im Jahr 2021 durch Statista und YouGov. Der höchste Prozentsatz an Menschen, die an Horoskope glauben, findet sich demnach bei den 18- bis 24-Jährigen sowie den 35- bis 44-Jährigen. In diesen Altersgruppen sind sogar 61 Prozent der Meinung, dass an Horoskopen etwas dran ist. Verglichen mit einer Statista-Umfrage aus dem Jahr 2017 sind die Menschen 2021 sogar noch etwas weniger skeptisch gegenüber Horoskopen als in den Jahren zuvor. An den Einfluss des Sternzeichens auf die Persönlichkeit glauben außerdem Frauen den Befragungen zufolge deutlich häufiger als Männer.
Die Wissenschaft spricht bei Horoskopen vom Barnum-Effekt
Das ist auch Safwats Erfahrung. Zu ihr kämen oft junge Mütter, die das System nutzten wollten, um ihre Kinder besser zu verstehen, erzählt sie. In ihrer Beratung befragt sie ihr Gegenüber auch eindringlich: „Wie geht es so? Was belastet dich? Was erhoffst du dir? Wo stehst du gerade?“ Offizielle Begriffe der Lehre seien ihr nicht so wichtig, sagt sie. Sie lerne aus den Zahlen und Verbindungen der Zentren. Die könne sie lesen wie eine Landkarte. Spezialisiert hat sie sich auf die sogenannten Variablen, die Auskunft über die individuelle Energie geben sollen.
Safwat wirft Punkt für Punkt Blicke auf die Körpergrafik und teilt ihre Beobachtungen mit. Wer dann gesagt bekommt, er sei ein Überlebenskünstler, habe ein starkes Selbst und eine gute Intuition, hört und glaubt das gern. Das nennt die Wissenschaft Barnum-Effekt, erklärt die Psychologin Felicitas Heyne. Wenn Menschen Zeitungshoroskope lesen, identifizieren sie sich immer zu einem gewissen Grad mit dem Beschriebenen. Die Beschreibung des Effekts geht auf ein Experiment des Wissenschaftlers Bertram R. Forer im Jahr 1948 zurück, der zeigte, dass Persönlichkeitsanalysen immer zutreffend erscheinen, solange sie allgemein genug formuliert sind. Was unangenehm oder wenig zutreffend wirkt, wird ausgeblendet.
Kati Safwat gelingt es, charmant ins Gespräch zu kommen und selbst viele Fragen zu stellen: „Deine Stärke ist es, den Karren aus dem Dreck zu ziehen – stimmt das? Denk mal darüber nach.“ Ihre Beratungen sind auch Gesprächstherapie – können für manche vielleicht ein Anstoß für Selbstreflexion sein, Anregungen liefern, um andere Blickwinkel einzunehmen. Kati nennt es „eine Sprache für die Dinge finden“.
Das findet die Psychologin Felicitas Heyne positiv, solche Gespräche könnten motivieren. „Der Wunsch, die Welt erklärt zu bekommen oder von jemandem zu hören, dass man sich nicht zu fürchten braucht, ist menschlich, er existiert seit der Antike“, sagt sie. Doch mit Coaches und Beratern sollte niemand in ein Abhängigkeitsverhältnis rutschen: „Wenn ich keine Entscheidungen mehr treffen kann, ohne den Berater zu fragen, wird es schwierig.“ Auch Kati Safwat plädiert dafür, offen zu bleiben, sie nennt das „dem ganzen noch einen Atmer lassen.“