Hülya Marquardt steht mitten im Leben – auch ohne Beine. In Holzgerlingen hat sie nun ihr Buch über ihre Lebensgeschichte vorgestellt – und mit ihrer Offenheit beeindruckt.
„Entweder kann ich jammern und mir leidtun und alles schrecklich finden und mich verkriechen – oder ich stehe auf und mache weiter.“
Diese Passage, die Hülya Marquardt aus ihrer Biografie „Läuft.: Eine Liebeserklärung an mein perfekt-unperfektes Leben“ in der Holzgerlinger Alpha-Buchhandlung vorliest, ist eine der Stellen, an denen die weit mehr als 100 Interessierten ihr lebensbejahendes Wesen, ihren Mut und ihre Stärke eindrücklich spüren.
Innerhalb weniger Wochen verliert Hülya Marquardt beide Beine
Denn mit diesen beiden Optionen wird die heute 42-Jährige, die aufgrund des Gendefekts Dysmelie mit Fehlbildungen an Händen und Beinen geboren wird, mit 18 Jahren konfrontiert: Bei einer Operation wird ihr – wenige Wochen nach dem ersten Bein – auch ihr „gutes“, wie sie selbst beschreibt – amputiert. Hülya Marquardt wählt die zweite Option, sie fühlt sich „deutlich besser“ an.
Davon, wie gut sie ihr Leben seitdem mit Prothesen, im Rollstuhl, auf Skateboards oder auf Händen gehend meistert – je nachdem, was am praktischsten ist – geben bereits etliche Bilder, die vor Veranstaltungsbeginn an die Wand projiziert werden, einen Eindruck. Dieser verstärkt sich beim „Sofa-Gespräch“, in dem Dorothee Dengel, Event-Managerin der christlichen SCM-Verlagsgruppe, die im gleichen Haus Gebäude wie die Buchhandlung beheimatet ist, mit Hülya Marquardt tiefer in deren Lebensgeschichte eintaucht. In das Talk-Format fließen dabei immer wieder Abschnitte aus dem Buch ein.
Das Publikum erfährt, wie ihr Großvater väterlicherseits als einer der ersten Gastarbeiter aus der Türkei ins Ruhrgebiet kam und dass ihr Vater ähnliche Einschränkungen wie sie hatte, allerdings nur an den Beinen. Für ihre Mutter, die ihr Vater in der Heimat seiner Eltern getroffen hat, als diese 15 Jahre alt war, sei mit ihrer Geburt eine Welt zusammengebrochen. „Kein Wunder, wenn ich darüber nachdenke“, blickt Hülya Marquardt in ihrem Biografie zurück: „Ein junges Mädchen, das gegen seinen Willen verheiratet wurde, ohne Sprachkenntnisse, bekommt in einem fremden Land ein Kind, das offensichtlich eine Behinderung hat.“
Den Großteil ihrer Kindheit verbringt Hülya Marquardt im Krankenhaus
Hülya Marquardt verbringt den Großteil ihrer Kindheit im Krankenhaus. Dass sie, wie sie berichtet, unbedingt dorthin zurückwollte, wenn sie zu Hause bei ihren Eltern war, zeigt eindrücklich, dass die familiäre Situation daheim für sie herausfordernder war als ihre körperliche.
Sie habe in ihrem Leben „viele tolle Begleiter“ gehabt, im Krankenhaus wie in der Schule, berichtet sie. Als ihre Eltern sich scheiden lassen, geht sie sie auf ein Internat für körperbehinderte Kinder, das von einer evangelischen Stiftung betrieben wurde, und macht dort auch eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation. Danach arbeitete sie mehrere Jahre in einem Seniorenheim an der Rezeption und in der Aufnahme. Dass eine Kollegin von dort sie zu einer Seminarreihe mitgenommen hat, hat sich im Nachhinein als Meilenstein in ihrem Leben erwiesen.
Die dort durchgeführten Aufstellungen, die Dynamiken und Probleme in Familien zeigten, hätten einen Prozess angestoßen, der letztlich zur Vergebung geführt habe. Dass sie dies lernen durfte und sich dadurch frei fühlt, nennt Hülya Marquardt, die heute als Seminarmanagerin arbeitet, eine Modeboutique betreibt und sich für Inklusion einsetzt, als „unglaubliches Geschenk“. Sie lebe ohne Groll auf ihre Eltern und habe Frieden mit ihrer Vergangenheit gemacht.
Hülya Marquardt berichtet, dass das Thema Vergebung für sie stark mit Jesus verbunden ist. „Immer wieder kam die Sprache auf Jesus“ in den Seminaren, auch wenn der Kulturkreis, aus dem die Teilnehmenden und was diese glaubten oder auch nicht, keine Rollen gespielt hätten. Gerade dass sie dabei nie das Gefühl gehabt habe, dass ihr jemand etwas einreden wolle und es auch nicht darum gegangen sei, dass sie einen anderen Glauben annehme, habe dazu geführt, dass „nach und nach eine wirkliche Beziehung zu Jesus gewachsen“ sei.
Auf ihren Glauben in der abschließenden Fragerunde angesprochen, sagt die muslimisch erzogene Frau, sie definiere ihn für sich nicht als Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion: „Irgendwie ist von allem was in mir drin, aber ich habe keinen Namen dafür“. Sie glaube an Gott und dass dieser alle Menschen liebe. Für sie sei es grundsätzlich sehr wichtig, dass der Glaube vereint und nicht trennt.
Vater, Mutter, Kind – Hülya Marquardts ganz normale Familie
Wie sie 2014 mit ihrem Mann Dennis, mit dem sie heute, gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn, in Weissach im Tal in der Nähe von Backnang lebt, zum ersten Mal „auf halbem Weg“ in Frankfurt zusammentraf, erzählt sie ebenfalls. Kaum, dass sie sich getroffen hätten, hätten sie schon Händchen gehalten, berichtete sie – „weil ich nicht so gut laufen konnte und er mich einfach festgehalten hat“.
Sonst gehen die beiden gemeinsam durchs Leben wie andere Paare auch, meint Dennis Marquardt, der zu Beginn neben seiner Frau auf dem Sofa Platz genommen hat. Aber manchmal macht es seine Unterstützung doch leichter, Barrieren zu überwinden – wie bei der Lesung, als er sie die Stufe auf die Bühne hochgetragen hat.
Ein öffentliches Leben
Buch
„Läuft.: Eine Liebeserklärung an mein perfekt-unperfektes Leben“, erschienen im März dieses Jahres im Adeo Verlag, ist im Buchhandel als gebundene Version für 22 Euro und als E-Book für 16,99 Euro erhältlich.
Social Media
Hülya Marquardt und ihr Mann Dennis geben auf ihrem gemeinsamen Instagram-Account @huelya_dennis Einblicke in ihr Leben. Mehr als 350 000 Nutzer folgen dem Paar.