Die baden-württembergische Polizeihubschrauber suchen Vermisste, seilen Spezialkräfte ab und retten Flutopfer. Wir haben die Basis der fliegenden Polizisten besucht.
Mit einem sirrenden Pfeifton beginnt der Rotor von Bussard 812 sich zu drehen. Eile ist geboten, denn in einem Waldstück bei Offenburg an der deutsch-französischen Grenze ist an diesem Vormittag ein mutmaßlicher Sextäter auf der Flucht. Das Pfeifen der Turbinen wird zum Dröhnen, kurz darauf genügt ein vorsichtiges Anziehen des Pitchhebels, und schon steht der Polizeihubschrauber in der Luft. Die Startfreigabe vom Tower kommt, der Pilot dreht die Maschine in Richtung Südwesten.
Nach Offenburg sind es 100 Kilometer Luftlinie, etwa 20 Flugminuten. Das Rheintal gehört zum Einsatzgebiet der baden-württembergischen Hubschrauberstaffel. Damit die Helis auf dem Weg dorthin bei schlechtem Wetter nicht die Gipfel des Schwarzwalds überqueren müssen, betreibt das Land am Baden-Airpark eine Außenstelle, wo ständig ein Hubschrauber stationiert ist. Doch weil der gerade im Einsatz und keine Wolke am Himmel ist, übernimmt die Basiscrew hier am Flughafen Stuttgart.
Noch vor zehn Jahren waren Polizeihubschrauber auch regelmäßig zu sehen, wenn sie Autobahnen abflogen, um die Verkehrslage zu kontrollieren. Diese Zeiten sind vorbei. Es gibt bessere, billigere Mittel, um Staus zu erkennen. Unverzichtbar sind die Helikopter dagegen, wenn es darum geht, Gebiete abzusuchen. Vor allem nach Vermissten und Verbrechern halten die Besatzungen der blau-silbernen Maschinen immer wieder Ausschau. Gebüsche, Hecken, Mauern – was einem Ganoven am Boden gegen Verfolger zu Fuß Deckung geben mag, muss für das fliegende Auge kein Hindernis sein.
Flir sieht alles
Das liegt an der Kugel, die an der rechten Kufe des H 145 befestigt ist. Forward Looking Infrared, kurz Flir, heißt die Infrarottechnologie, die auch von Präzisionsbombern oder Kampfhubschraubern eingesetzt wird. Doch statt Raketen ins Ziel zu leiten, dienen die Sensoren am Polizeihelikopter dazu, wichtige Informationen zu gewinnen. Je nach Situation kann der Hubschrauber ein Livebild in HD-Qualität übertragen, etwa an ein Lagezentrum oder an einen Einsatzleiter mit mobilem Empfangsgerät.
Martin Landgraf, Kriminaldirektor und Vizechef der Hubschrauberstaffel, zeigt ein Video, das vor einigen Jahren per Flir aufgezeichnet wurde: Beamte verfolgen zu Fuß eine Einbrecherbande in einem Wertstoffhof. Es ist stockdunkel, die Polizisten am Boden erkennen trotz ihrer Taschenlampen und der Spürhunde nicht, dass sich unter einem der Container ein Mann versteckt hält. Doch Flir macht die Nacht zum Tage. Gelb leuchtend ist der warme Körper des Versteckten auf einem Bildschirm im Helikopter zu sehen. Die Besatzung lotst ihre Kollegen zu dem Mann, die ihn schließlich festnehmen.
Eine andere Aufnahme zeigt die Flucht zweier Supermarkträuber. Nicht ahnend, dass er von oben beobachtet wird, steigt einer der Täter aus dem Wagen und versucht, sich als Spaziergänger auszugeben. Aber Flir hat den Überblick. Auch hier klicken kurz darauf die Handschellen.
„Wir sind in erster Linie Polizeibeamte, erst in zweiter Linie Piloten und Flieger“ , sagt Martin Landgraf. „Daher weiß jeder von uns, wie ein Such- und Fahndungseinsatz am Boden abläuft.“ Erst nach zwei bis drei Jahren Berufserfahrung am Boden werden Polizisten mit einer anspruchsvollen, zweijährigen Ausbildung zum Piloten gemacht. Dann fliegen sie für drei bis vier Jahre zunächst als Co-Pilot, bevor sie als Kommandant für eine Maschine nebst Besatzung verantwortlich sind. Landgraf macht kein Hehl daraus, dass er stolz ist auf seine „tollen und hoch motivierten Männer und Frauen“. Auch er selbst hat eine Pilotenlizenz, Einsätze fliegt der 49-Jährige nicht mehr.
„Man muss kritikfähig sein“
Mit ihren anthrazitfarbenen Kombis, den Abzeichen auf Brust und Schultern und den Helmen mit den getönten Visieren erinnern die Hubschrauberpiloten – und eine Pilotin – an die Hollywood-Helden aus „Top Gun 2“, die in diesem Sommer über die Leinwand geflimmert sind. Den Kinofilm haben bei der Hubschrauberstaffel wohl alle gesehen. Doch einen Satz wie „Wir sind die Besten, was wollen die uns denn noch beibringen“ würde hier sicher niemand von sich geben. „Man muss hier als Besatzung im Team arbeiten und in den Nachbesprechungen kritikfähig sein“, sagt Martin Landgraf.
Hinter den fliegenden Besatzungen stehen viele Menschen, etwa Techniker und Wartungspersonal, Einsatzplaner sowie ein internes Qualitäts- und Sicherheitsmanagement. Sogar das Reinigungspersonal muss mitspielen, wenn die Helikopter sicher abheben sollen. Fliegen ist Teamwork, dessen sind sich alle bewusst, die in dem grün-weiß gestrichenen Hanger und seinen Nebengebäuden Dienst tun.
Einer von ihnen ist Stephan Schmidt. Der 45-Jährige aus Allmersbach im Tal ist Polizeihauptkommissar und seit 2006 Pilot. Sein Herzensjob, wie er sagt: „Man hat die Faszination Fliegen – und oben draufgepackt noch die Polizeieinsätze.“ Kein Tag ist für ihn wie der andere.
Die Polizisten in der Luft sind zwar weit weg vom Geschehen, aber manches geht ihnen trotzdem nahe. Schmidt erinnert sich daran, wie er im Jahr 2007 nach den Polizistenmorden von Heilbronn in die Luft aufstieg. „Wir kreisten über dem Tatort – irgendwie hat man immer gehofft, dass sich dort noch irgendwer bewegt.“ Doch die Kollegen waren tot, daran konnte auch der Bussard nichts ändern.
Bei anderen Einsätzen konnten die Crews helfen. Schmidt erinnert sich noch, wie er und seine Besatzung einen vermissten Senioren nebst Rollator im unwegsamen Gelände entdeckten. „ Danach haben wir von den Angehörigen später ein sehr nettes Dankschreiben erhalten, in dem sie uns für das Auffinden des Großvaters, Vaters und Ehemanns gedankt haben.“ Oder nach der Ahrtal-Flut im vergangenen Jahr, als Polizeihubschrauber und Berufsfeuerwehrleute aus Stuttgart fast 40 Menschen retteten. „Das war ein grenzwertiger Einsatz – und am Limit dessen, was möglich ist“, erinnert sich Schmidts Chef Martin Landgraf.
Die fliegenden Polizisten verfügen über neues technisches Gerät. Der Typ H 145 vom Hersteller Airbus Helicopters ist modern – die Besatzung bekommt die wichtigsten Informationen auf riesigen Multifunktionsbildschirmen präsentiert, anstatt wie vor ein paar Jahren noch durch mechanische Instrumente mit Zeigern. Zwei Turbinen versprechen Sicherheit, auch wenn ein Triebwerk ausfällt. Ein Autopilot reduziert die Belastung bei den Einsätzen.
Polizeipiloten als Feuerlöscher
Doch die Zeit macht auch vor diesen Maschinen nicht halt. Aktuell stehen die Modifikation des Hauptgetriebes sowie Software-Upgrades an. Außerdem werden die Helikopter nach und nach von einem Vier- auf einen Fünfblattrotor umgerüstet. Eine der Maschinen steht gerade im Hangar – völlig demontiert ähnelt sie einem Skelett. Wenn sie wieder zusammengebaut ist, wird sie ruhiger fliegen, höhere Lasten tragen und weniger Lärm machen.
Jeden Tag steht auch eine der Maschinen zur Verfügung, um im Ernstfall Beamte des Spezialeinsatzkommandos (SEK) zu Einsätzen zu fliegen. „Auch jetzt steht gerade ein Hubschrauber in Göppingen bereit“, sagt Martin Landgraf. Die SEK-Leute können so selbst die entlegensten Orte schnell erreichen.
Die neueste Aufgabe im Portfolio der fliegenden Polizisten ist seit zwei Jahren das Feuerlöschen. Dafür lagern hier im Hangar sogenannte Bambi Buckets – orangerote, riesige Stoffeimer. Unter einen Helikopter geschnallt, fassen sie rund 900 Liter Wasser, die über Wald- und Flächenbränden abgeworfen werden können. Im August war dies zum ersten Mal gefragt: Ein Polizeihubschrauber aus Stuttgart warf bei einem Flächenbrand in Nordbaden Wasser ab. Martin Landgraf rechnet damit, dass solche Einsätze im Zuge der globalen Erwärmung durchaus häufiger werden.