Hubert Rüdenauer gibt seinen Senf dazu, wenn ihn ein Thema interessiert. Foto: Judith A. Sägesser

Hubert Rüdenauer war 42 Jahre bei der Stadt Waldenbuch in leitender Funktion. In seinem Ruhestand macht er weiter – allerdings in einer völlig anderen Rolle.

Waldenbuch - Hubert Rüdenauer hat im Rücken, worum es ihm geht. Die pure Natur. Von seinem Haus in Waldenbuch aus hat der 67-Jährige einen atemberaubenden Blick rüber aufs Landschaftsschutzgebiet im Südosten der Stadt. Ein Raubvogel gleitet gerade vorbei, sein Gefieder glänzt golden in der Mittagssonne. Die Optik hat etwas von Allgäu.

„Die wichtigste Frage für eine Gemeinde ist, wie sie sich in Zukunft entwickeln soll“, sagt Hubert Rüdenauer. Er meint damit vor allem das bauliche Wachstum: Wo darf Gewerbe ansiedeln, wo dürfen Wohnhäuser hochgezogen werden? Der drahtige Mann mit der Derrick-Brille hat eine klare Meinung: Die Natur, die Landschaft dürfen nicht drunter leiden.

Hubert Rüdenauer gehört zu den Waldenbuchern, die sich gegen das Neubaugebiet mit dem sperrigen Namen Liebenau VII auflehnen. Wenn er zeigen will, worum es geht, muss er nur aus dem Haus, die Treppe runterhüpfen und dem Feldweg am Ende der Sackgasse folgen. Wo derzeit knorrige Bäume stehen, Büsche wuchern und sich eine Hangwiese erstreckt, da sollen neue Häuser hin. Und Rüdenauer ist dagegen. „Aber ich bin ja nicht allein.“ Er kennt die Vorwürfe seiner Kritiker. „Wir seien egoistisch“, gibt er wieder, was man ihm vorhalte. Weil er eben gleich nebenan wohnt und außerdem selbst vor Jahrzehnten in den Hang gebaut hat. Warum er anderen die Bauplätze in bester Lage nicht gönne? Hubert Rüdenauer sagt, das sei nicht sein Anliegen. Er wehre sich gegen die zunehmende Betonierung der Landschaft. Vor vier Jahrzehnten, als er sein Haus gebaut habe, seien das andere Zeiten gewesen. Die Dinge hätten sich geändert, wie sich eben vieles ändere. Heute gingen Schüler fürs Klima auf die Straße. Als er ein Schulbub war, „wäre das undenkbar gewesen, undenkbar“.

Es war lange undenkbar, dass er ein kritisches Wort sagt

Undenkbar war lange Zeit auch, dass Hubert Rüdenauer überhaupt ein kritisches Wort erhebt in Waldenbuch. Fast auf den Tag genau 42 Jahre hat er das Hauptamt der Stadt geleitet. Sein Job war es, umzusetzen, was der Gemeinderat will, nicht, sich politisch dazu zu äußern. Die Verwaltung hat keine Meinung zu haben. „Daran habe ich mich immer gehalten.“ Seit er im Ruhestand ist, sieht er das lockerer. Ist er ein Seitenwechsler? Er nennt es nicht so, aber es dürfte in etwa hinkommen.

2015 hat er aufgehört im Rathaus. Ein Jahr früher. „Im Nachhinein gesehen war das genau die richtige Entscheidung“, sagt er. 2014 hat er den Beschluss gefasst, das Jahr 2015 lief dann gar nicht gut für ihn. Im Februar hatte er einen Schlaganfall. Und er verunglückte mit dem Rad und mit den Skiern. „Der Übergang, den man sich wünscht, war das nicht, es ging Knall auf Fall“, sagt er über seinen beruflichen Abgang.

Er stammt aus einer Handwerker-Familie aus dem kleinen, aber bekannten Berlichingen im Jagsttal. Schon in der Schule wusste Hubert Rüdenauer, dass er in die Verwaltung will. In die Kommunalverwaltung. „Das ist hautnah an den Menschen“, sagt er. „Mich hat das schon angemacht.“ Über den Berufswunsch des Knaben haben sich damals viele gewundert. Selbst der Klassenlehrer hat ihn gefragt, ob das sein Ernst sei. War es. Nach Ausbildung und Studium hat er seinen ersten Job in Waldenbuch angetreten – und dort nie mehr aufgehört, bis 2015. Und selbst jetzt macht er irgendwie trotzdem weiter, wenn auch in einer ganz anderen Rolle.

Er genießt die neue Beinfreiheit im Ruhestand

„Ich sage immer: Wo wird gemeckert? Ich will auch mitmeckern!“, sagt er und grinst. Als müsste er nun ausleben, was ihm über 40 Jahre lang nicht möglich war. Er sagt, er genieße die neue Beinfreiheit. Vom ersten Tag an als Ruheständler habe er seinen Senf zu Themen gegeben, die ihn interessierten. Beispiel Bürgerbus. Er habe geahnt, dass der Bus nicht funktionieren würde, sagt er. Bisher hat er recht behalten, die Sitze sind meist leer. Der Bus finanziere sich jedoch aus Steuergeldern – Geld, das verpufft. „Aber es gibt noch viel wichtigere Dinge“, sagt er. Damit meint er natürlich Liebenau VII gleich nebenan. Vor ihm liegen ein Flyer der Bürgerinitiative und Fotos von Wiesen und Bäumen.

Wenn er all das, trotz seines unbändigen Elans, doch einmal für eine Zeit hinter sich lassen will, dann steigt Hubert Rüdenauer aufs Fahrrad. Denn anders als die Skier hat er das nach seinen Unfällen im Jahr 2015 nicht für immer eingemottet. Im Winter fährt er, wenn es nicht glatt ist, Mountainbike, durch den Schönbuch oder sonst wo hin. Im Sommer legt er auf dem Rennradsattel schon mal 100 Kilometer am Tag zurück. „Man erlebt, was um einen herum passiert“, sagt er. „Die Landschaft, die Natur, den Wald.“ Das, wofür er bereit ist, zu kämpfen.

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