Beim Einkauf im Supermarkt steigen Kunden verschiedene Düfte in die Nase. Foto: Fotolia/Adisa

Experten kümmern sich darum, dass es in öffentlichen Gebäuden und Geschäften gut riecht. Viele Menschen beschäftigen sich mit der Frage, welcher Duftstoff zu welchem Gast oder Kunden passt? Gesund ist das laut Kritikerin allerdings nicht.

Liebe geht durch die Nase. Ob es einem in einem Hotel, Restaurant oder Geschäft gefällt oder ob man den Raum sofort wieder verlassen will, hängt auch davon ab, wie es dort riecht. Damit Kunden möglichst lange verweilen – und damit auch mehr konsumieren –, arbeiten mittlerweile zahlreiche Hotelketten, Unternehmen und Geschäfte mit Beduftungssystemen und platzieren sogenannte Duftsäulen verborgen hinter Blumenvasen oder Regalen. Die daraus entweichenden Aromen sollen die Menschen in ihrem Kaufverhalten beeinflussen. „Wir sind alle duftgesteuert, aber keiner weiß das, weil es im Verborgenen geschieht“, sagt Claus-Peter Hutter, Buchautor und Leiter der baden-württembergischen Umweltakademie in Stuttgart. „Das ist fast schon eine Zwangsbeduftung, durch die der Mensch beeinflusst und seiner Sinne beraubt wird“, kritisiert er.

So komme zum Beispiel der frische Geruch, der durch viele Hotellobbys weht, in den wenigsten Fällen vom Lüften. „Zahlreiche Hotels arbeiten mit Aromen, die dem Gast suggerieren: Hier bist du zu Hause, hier kannst du dich wohlfühlen“, sagt Hutter. Ziel der Duftdesigner sei, dass der Kunde möglichst gar nichts rieche. Deshalb sorgten sie dafür, dass die Konzentration der Duftstoffe unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liege, damit niemand irritiert sei.

Doch nach was genau riecht es in bestimmten Gebäuden? Welcher Duftstoff passt zu welchem Gast oder Kunden? Welches Ambiente verlangt nach welcher Note? Tatsächlich stecken hinter diesen Entscheidungen umfangreiche Studien und Überlegungen. Während in Hotelbars häufig der Geruch von Pampelmusen zum Einsatz kommt, liegt in Restaurants oftmals ein leichter, appetitanregender Schokoduft in der Luft. Durch Reisebüros wabert eine dezente Meeresbrise, beim Gebrauchtwagenhändler werden Neuwagensprays zur Manipulation des potenziellen Käufers eingesetzt. Und im Supermarkt strömt zum Beispiel aus einer verborgenen Duftsäule in der Obstabteilung der intensive Geruch frischer Erdbeeren – während die echten, in Plastik verpackt, nach gar nichts mehr riechen.

Umsatzsteigerung bis zu 15 Prozent

Auch Bekleidungsgeschäfte arbeiten mit solcherlei Methoden, weiß Hutter. „Sie setzen professionelle Duftdesigner und Marketingexperten ein, die sich um die richtige Duft-Nuance kümmern sollen, damit der Kunde länger im Laden bleibt und letztlich mehr kauft als ursprünglich geplant.“ Studien haben ergeben, dass die Kommunikationsbereitschaft von Kunden durch das richtige Lüftchen um 19 Prozent und die Aufenthaltsdauer im Laden um 16 Prozent steigen kann. Und das wiederum bringe je nach Produktpalette und Dienstleistung eine Umsatzsteigerung zwischen sechs und 15 Prozent, so der Experte.

Doch ist ein guter – nicht natürlicher – Duft auch gesund? „Die Menschen verlieren durch die Beduftung ihren Sinn für den echten und natürlichen Geschmack“, warnt Sonja Lämmel vom Deutschen Allergie- und Asthmabund (DAAB) in Mönchengladbach. Ganz abgesehen davon berge künstliche Beduftung ein gesundheitliches Risiko. „Immer mehr Menschen leiden unter Duftstoff-Allergien“, betont Lämmel. So zeigten etwa die Zahlen des Umweltbundesamts, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen auf Duftstoffe und Duftstoff-Mischungen allergisch reagieren.

„Bei Reaktionen auf Düfte in Räumen sprechen wir von einer Befindlichkeitsstörung“, erklärt Lämmel. Die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus reichen von Kopfschmerzen über tränende Augen, Hautirritationen, Konzentrationsschwierigkeiten, Übelkeit und Schwindel bis hin zu ernsthaften Asthma- oder Ohnmachtsanfällen. Zudem würden die Bronchien teilweise extrem gereizt.

Verbot des Einsatzes von Duftstoffen gefordert

Eine Studie des Umweltbundesamts habe ergeben, dass der Einsatz der besonders stark allergiefördernden Stoffe wie Eichenmoos und Isoeugenol (riecht nach Gewürznelke) in öffentlichen Räumen zum Schutz der Allgemeinheit deutlich zu begrenzen sei, sagt Lämmel. „Besser wäre es eigentlich, sie ganz vom Markt zu nehmen.“

Der DAAB fordert seit Jahren ein Verbot des Einsatzes von Duftstoffen in öffentlichen Räumen. „Natürlich ist jedem klar, der ins Theater oder ins Kino geht, dass sich viele andere Besucher einparfümiert haben und dass man für einen begrenzten Zeitraum einem Duft-Gemenge ausgesetzt ist“, sagt Lämmel. Ganz anders sehe es im Fall von Transportmitteln wie der Bahn oder dem Flugzeug aus, in denen man sich aufhalten muss. Für solche Räume, aber auch etwa für Kaufhäuser oder Hotels, fordert der DAAB bei entsprechender Beduftung eine Kennzeichnungspflicht.

Auch Hutter fordert eine solche Kennzeichnungspflicht beziehungsweise ein Verbot. Doch die Politik habe das Problem offenbar noch nicht erkannt, sagt der Umweltexperte, der zu dem Thema ein Buch geschrieben hat. Als er dafür auch die Haltungen der großen Parteien einholen wollte, reagierten die „mehr als zurückhaltend“.

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