Wird am 3. Dezember als „Ort des historisch-politischen Lernens“ eröffnet: früheres Hotel Silber Foto: dpa

Untrennbar ist das ehemalige Hotel Silber in Stuttgart mit Folter und Mord in Hitler-Deutschland verbunden. Aktuell wird das Gebäude in einen „Ort des historisch-politischen Lernens“ umgebaut. Thomas Schnabel, Direktor des Hauses der Geschichte, kündigt „teilweise erschreckende und berührende Objekte“ an.

Stuttgart - Vom Abrissobjekt zu einem „Ort des historisch-politischen Lernens“, der an die Verbrechen Hitler-Deutschlands erinnert: Das Projekt Hotel Silber hat eine eigene Geschichte. Wie geht sie weiter? Thomas Schnabel, Direktor des Hauses der Geschichte, gibt Antworten.

Herr Schnabel, ursprünglich sollte das Hotel Silber 2017 eröffnet ­werden, dann gab man die zweite Jahreshälfte 2018 als Ziel aus. Der 3. Dezember ist geplant – können sie diesen Termin halten?
Angesichts der vielen Projektbeteiligten, der komplexen Finanzierungsfragen und des sehr zeitaufwendigen Bürgerbeteiligungsprozesses hat sich die Eröffnung leider immer wieder hinausgezögert. Dazu kommen die sehr schwierigen und komplexen Umbaumaßnahmen. Dabei ging es einerseits um die Ertüchtigung eines Bürogebäudes für eine museale Nutzung und andererseits um die Suche nach und den Erhalt von historischen Spuren aus früheren Zeiten. Das Ausstellungskonzept und die Ausstellungsvorbereitung durch das Haus der Geschichte ­Baden-Württemberg sind so rechtzeitig fertig, dass von unserer Seite einer Eröffnung am 3. Dezember nichts im Wege steht. Wir sind auf der Zielgeraden.
Was wird die Besucher erwarten?
Eine moderne Dauerausstellung, in deren Mittelpunkt die polizeiliche Nutzung des Hotels Silber von der Weimarer Republik bis in die 1980er Jahre der Bundesrepublik stehen wird. Es geht um die Täter und um ihre Opfer, um die Kontinuität von Verfolgungsschicksalen über die verschiedenen Systeme hinweg, aber auch um die Wandlung der Polizei. Es werden teilweise erschreckende und anrührende Objekte ebenso zu sehen sein wie viele bisher unbekannte Informationen zur polizeilichen Arbeit und zum ­Terror der Gestapo.
Das Projekt Hotel Silber wird offiziell in einem Dialog zwischen dem Haus der Geschichte und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. entwickelt. Wie sieht dieser Dialog aktuell aus?
Der Dialog zwischen Initiative und Haus der Geschichte spielt sich in sehr vielen und regelmäßigen Sitzungen und Besprechungen ab. Aktuell geht es vor allem um den letzten Feinschliff der Ausstellungstexte und die Planungen für das Programm in der ­Eröffnungswoche im Dezember und dann im ersten Halbjahr 2019.
Uns erreicht Kritik, dass es an unabhängigen Experten fehle. Wie sehen Sie dies?
Aus meiner Sicht sitzen die besten Experten zu diesem Thema nach jahrelangen wissenschaftlichen Recherchen im Haus der ­Geschichte Baden-Württemberg. Da wir in 30-jähriger Arbeit noch nie inhaltlich ­Weisungen erhalten ­haben, sind wir auch unabhängig.
Und wie sieht es mit externen Experten aus?
Bei allen Besprechungen sind neben der ­Initiative auch das Stadtmuseum/Stadt­palais, die Landeszentrale für politische ­Bildung und die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenk­stätteninitiativen vertreten. Außerdem gibt es eine vertraglich fixierte Zusammenarbeit mit der Polizeihochschule in Villingen-Schwenningen.
Und wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit externen Fachleuten und der Initiative nach der Eröffnung des Gedenkortes vor? Wird auch das für solche Orte ja besonders wichtige Begleitprogramm gemeinsam entwickelt?
Tatsächlich gibt es für die Entwicklung des weiteren Programms im Hotel Silber einen Programmbeirat, der sich aus Initiative, Stadt Stuttgart, Landeszentrale, Landesarbeitsgemeinschaft und Haus der Geschichte zusammensetzt. Hier werden die gemeinsamen Programme besprochen und vorbereitet. Es sind auch zukünftig mehrere Treffen im Jahr vertraglich festgelegt.
Das Hotel Silber war Sitz der politischen ­Polizei beziehungsweise der Gestapo. Wäre aber nicht gerade das Hotel Silber ein Ort, um auch für Württemberg die Rolle der Schutzpolizei zu beleuchten? Forschungen hierzu liegen ja mit eindringlichen Beispielen gerade auch aus der Region Stuttgart vor.
Zunächst gehen wir von der Geschichte des Hotel Silbers aus. Der Schwerpunkt liegt auf der politischen Polizei/Gestapo. Allerdings lässt sich zum Beispiel bei der ­Verfolgung der Sinti und Roma oder der Homosexuellen keine scharfe Trennung zwischen Kriminalpolizei, die überwiegend zuständig war, und der Gestapo machen, die für ­Deportationen oder Einweisungen in Konzentrationslager verantwortlich war. Zudem stammten viele Beamte der Gestapo aus der Kripo.
Es gab also eine untrennbare Verquickung?
Alle Bereiche der Polizei waren mehr oder minder in die Verbrechen im nationalsozialistischen Deutschland verwickelt. Insofern spricht vieles dafür, sich zukünftig auch mit anderen Bereichen der Polizei in Veran­staltungen, Projekten oder Ausstellungen zu ­beschäftigen. Da ich selbst im Beirat der Polizei-Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin mitarbeiten durfte, sind mir die vielfältigen Verstrickungen sehr ­bewusst.
Eine Einrichtung wie diese lebt auch von Materialien aus privater Hand. Materialien, die vielleicht erst später hinzukommen, Einzelschicksale beleuchten. Ist denn an so etwas wie eine offene Forschungswerkstatt gedacht?
Ohne private Unterstützung wäre die Ausstellung im Hotel Silber deutlich ärmer an Geschichten und Objekten. Insofern hoffen und wünschen wir, dass mit der Eröffnung des Hotels Silber und der entsprechenden ­Berichterstattung noch mehr Menschen auf dieses außergewöhnliche und besondere Projekt aufmerksam werden und uns neue Geschichten und vielleicht sogar noch das eine oder andere Objekt zur Verfügung ­stellen. Insofern ist das Hotel Silber, ebenso wie das Haus der Geschichte, weit offen für Neues. Auch das ist eine Art offene ­Forschungswerkstatt.
Der neue Ort ist eine Außenstelle des Hauses der Geschichte. Wie werden Sie diese Außenstelle führen – wie viel eigene Identität ist möglich und gewollt?
Jede Außenstelle, also jedes Zweigmuseum des Hauses, hat eine eigene Geschichte, und das Hotel Silber eine ganz besondere. Insofern bestimmt diese Geschichte auch die Arbeit an und mit dem Haus. Sie wird anders ­aussehen als auf dem Hohenasperg oder in ­Haigerloch, um nur zwei Beispiele zu ­nennen. Gleichzeitig ist das Hotel Silber ein Teil des Hauses der Geschichte. Die Politik hat entschieden, dass es keine selbstständige ­Einrichtung Hotel Silber geben soll, die zu sehr viel höheren Kosten geführt hätte, da es keine Synergieeffekte mit einer bereits ­vorhandenen Institution gegeben hätte. Insofern liegt die Trägerschaft beim Haus der Geschichte, und man darf dies, im positiv-kreativen Sinne, durchaus bemerken.
Ausstellungsplanungen im historischen Feld laufen lange – deshalb: Werden Sonderausstellungen Einzelaspekte beleuchten – und mit welchem Thema wollen Sie beginnen?
Im Moment bestimmt natürlich die Fertigstellung der Dauerausstellung im Hotel ­Silber ausschließlich die Arbeit sowie das Begleitprogramm ab Dezember 2018. Da wir einen schönen Wechselausstellungsbereich im Hotel Silber bekommen werden, streben wir auch an, 2019/20 eine erste Sonderausstellung zu zeigen. Allerdings muss neben der Themenfindung, den wissenschaftlichen und den Objektrecherchen, wie bei jeder Sonderausstellung auch die Finanzierung sichergestellt werden. Im derzeit geplanten Jahresetat sind keine Mittel für Sonderausstellungen vorgesehen.

Daten und Fakten zum Hotel Silber

1874 kauft Heinrich Silber das Gasthaus zum Bayerischen Hof und baut das Gebäude zum vornehmen Hotel Silber aus. Betrieben wird das Hotel Silber, unter anderem 1903 Gründungsort des ADAC, bis 1919. Dann wird das Gebäude Sitz der Oberpostdirektion der Reichspost für Württemberg.

1929 wird das Gebäude Sitz des Polizeipräsidiums samt dem Württembergischen Politischen Landespolizeiamt. 1936 wird mit Gründung der Geheimen Staatspolizei die Hoheit über die politische Polizei vom Land Württemberg auf die Reichsregierung in Berlin übertragen.

1937 wird das ehemalige Hotel Silber als „Staatspolizeileitstelle Stuttgart“ Gestapo-Landeszentrale für Württemberg und Hohenzollern. 1944 bei einem Luftangriff teilweise zerstört, wird das Gebäude im Untergeschoss dennoch ausgebaut und bis April 1945 als Ort für Folter und Mord ­genutzt.

1945 dient das Gebäude nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands am 8. Mai 1945 unter Besatzer-Aufsicht erneut als Zentrale der Polizei. 1946/47 werden zerstörte Bereiche neu aufgebaut. 1985 übernimmt das Innenministerium das Gebäude – bis 2013.

2007 stellt das Kaufhaus Breuninger Pläne für eine umfassende Neuordnung des Gesamtareals hin zum Karls-platz vor. Das ehemalige Hotel Silber soll abgerissen werden.

2009 gründet sich die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. mit dem Ziel des Erhalts des Gebäudes und seiner Umwandlung in einen Ort der Erinnerung an die Verbrechen Hitler-Deutschlands.

2011 beschließt die baden-württembergische Landesregierung (Koalition aus Grünen und SPD) den Erhalt des Gebäudes.

2015 wird ein Kooperationsvertrag zwischen dem Land Baden-Württemberg und der Stadt Stuttgart ausgehandelt, der auch die Zusammenarbeit mit der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V. regelt. Die Gesamtverantwortung für das Projekt hat das Haus der Geschichte Baden-Württemberg.

2018 soll das Hotel Silber am 3. Dezember als „Ort des historisch-politischen Lernens und der Begegnung“ eröffnet werden.

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