Premiere: Swing-Abend in der ehemaligen Gestapo-Zentrale Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Sind Swing-Abende in der ehemaligen Gestapo-Zentrale pietätlos? Nein, findet Lokalchef Jan Sellner. Vielmehr wird damit ein historisches Thema souverän aufgegriffen. Bitte mehr davon!

Stuttgart - Helmut Baumann liebte den Swing. Das grenzte in diesem Land einmal an ein Verbrechen. Die Nazis vertraten die irre Ansicht, die schwingende Musik aus Amerika gefährde die „Volksgemeinschaft“. Jugendliche, die dazu tanzten, führten ihrem Urteil nach „Neger-“ oder „Affentänze“ auf. Diese Swing-Kids galten als subversiv. Ihnen sollte die Lust am ungezwungenen Leben und der freien Bewegung gründlich vergehen. Dafür sorgte die Geheime Staatspolizei.

Einer dieser Swing-Kids war Helmut Baumann aus Cannstatt. Zusammen mit anderen jungen Leuten hatte er in den 30er Jahren einen Swing-Club gegründet. Als Zeichen ihrer Zugehörigkeit trugen sie Anstecknadeln – verdeckt unter dem Revers. Es war eine Art musikalischer Geheimbund. Allerdings fielen die Swing-Kids schon durch ihre lässigen Kleidung und ihrer Frisuren aus dem braunen Rahmen. Alte Fotografien vermitteln einen Eindruck davon. Sie sind in der Ausstellung des Lern- und Gedenkorts zu sehen – gleich neben einer Anstecknadel mit der Aufschrift „Swing“.

Man erfährt dort auch, wie es Helmut Baumann ergangen ist: 1943 verhaftete die Gestapo den damals 18-Jährigen und verhörte ihn – in eben jenem Hotel Silber. Es folgten drei Wochen Einzelhaft. Auch die anderen Swing-Kids wurden bestraft und teils an die Front geschickt. Die kleine, schwingende Gegenbewegung zu den NS-Marschkolonnen war zerschlagen.

Ein Ausrufzeichen des Lebens

In Erinnerung an die lebensfrohen Swing-Kids haben das Haus der Geschichte und die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber jetzt einen Swing-Abend in der früheren Gestapo-Zentrale veranstaltet. Es gab Jazz vom Band und Livemusik auf der Bühne – gespielt vom Trio Guttenberger, dessen Mitglieder zu den von den Nazis verfolgten Sinti und Roma gehören. Dazu wurde munter getanzt, speziell die damals verfemten „Neger-“ und „Affentänze“. Eine Swing-Party an diesem Ort. Darf man das?

Und wie man das darf! „Alle, die von Freiheit träumen/sollen’s Feiern nicht versäumen/sollen tanzen auch auf Gräbern“, schrieb der Liedermacher Marius Müller-Westernhagen in seinem Lied „Freiheit“. Das ist kein Aufruf zur Pietätlosigkeit, sondern ein Ausrufezeichen des Lebens, auch eines lebendigen Gedenkens. Das gilt besonders für das Hotel Silber. Dass der Ort, an dem der junge Helmut Baumann schlimme Demütigungen erlitten hat, heute, 75 Jahre später, mit „seiner“ Musik beschallt wird, ist ein kleiner, später Triumph über die NS-Unrechtsherrschaft. Tatsächlich haben alle, die der Einladung zu „Let’s swing“ ins Hotel Silber gefolgt sind, den Nazis eine lange Nase gezogen. Zu begrüßen ist deshalb die Idee, den Lern- und Gedenkort künftig regelmäßig für Swing-Abende zu öffnen – in schwingender Erinnerung an Helmut Baumann und um den Nazis hinterherzurufen: stocksteifes Gesindel!

Helmut Baumann und die anderen Swing-Kids kamen nach dem Krieg nicht mehr zusammen. Er ist inzwischen gestorben. Leute, die sich mit seinem Leben beschäftigt haben, meinen: Hätte er die Eröffnung des Lern- und Gedenkortes noch miterlebt, hätte er die alte Gestapo-Zentrale als Swing-Oldie gerockt.

jan.sellner@stzn.de

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