Schlagwörter in den Fenstern des Hotels Silber weisen schon von außen auf den Lern- und Gedenkort hin. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Lange sah es so aus, als würde das Hotel Silber, der ehemalige Sitz der Gestapo, abgerissen. Jetzt beherbergt es einen Lern- und Gedenkort. Ein großer Gewinn für die Stadt, findet Lokachef Jan Sellner.

Stuttgart - Dieses Hotel, obwohl seit Jahren Gegenstand öffentlichen Interesses, ist weder auf Booking.com noch auf irgendeinem anderen Reiseportal der Welt zu finden. Denn ein Beherbergungs- und Gastronomiebetrieb ist das Hotel Silber in der Dorotheenstraße schon seit fast 100 Jahren nicht mehr. Es heißt nur so, in Anlehnung an seine ursprüngliche Nutzung zwischen 1873 und 1919, als sich dort die besseren Stuttgarter Kreise trafen, darunter die Deutsche Motorradfahrer-Vereinigung, aus der später der ADAC hervorging.

In der Rückschau steht das Hotel Silber jedoch nicht für die feinere Gesellschaft, sondern in erster Linie für braunes Pack. Nach der Machtergreifung Hitlers hatte sich die Helferin des Terrors, die Geheime Staatspolizei, in dem repräsentativen Gebäude breitgemacht. Von hier aus organisierte die Gestapo – häufig in Komplizenschaft mit der Kriminalpolizei – die Verfolgung von Gegnern des Naziregimes in Württemberg und Hohenzollern ebenso wie die Deportation von Juden und Sinti und Roma. In diesem Gebäude wurden Menschen verhört, eingesperrt, erniedrigt und einige auch zu Tode gebracht. Hier begannen Karrieren von Massenmördern, die später etwa im Baltikum wüteten. Das Hotel Silber arbeitete und funktionierte als grausam-effektiv arbeitende Dependance des Unrechts im Herzen Stuttgarts.

„Die Nazis sind nicht einfach vom Himmel gefallen“

Man kann rückblickend nur den Kopf darüber schütteln, dass bis 2011 ernsthaft im Raum stand, das Gebäude für das neue Dorotheen-Quartier abzureißen. Originalreste davon sollten in dem geplanten Einkaufszentrum integriert werden. Es waren engagierte Bürger, die einen Bewusstseinswechsel eingeleitet haben. Sie sind dafür ausdrücklich zu loben – ebenso wie ihre weitsichtigen Vorgänger, die Stuttgarter Jusos, die schon 1979 gefordert hatten, in der ehemaligen Zentrale staatlichen Terrors einen Gedenkort einzurichten.

So ereilte das Hotel Silber nicht das Schicksal der Villa Bolz am Killesberg. Der Wohnsitz des von den Nazis verfolgten ersten württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz wurde im vergangenen Jahr von einem privaten Bauherrn abgerissen. Immerhin ist Eugen Bolz jetzt im Hotel Silber verewigt – dorthin war er einst zum Verhör gebracht worden. Grundsätzlich gilt, was Staatssekretärin Petra Olschowski anlässlich der Eröffnung herausstellte: dass Erinnerungsorte in dem Maße wichtiger werden, in dem die Zahl der Zeitzeugen schwindet. Jetzt ist der Lern- und Gedenkort fertig. Doch das stimmt so nur bedingt. Denn die Besonderheit dieses Ortes liegt gerade darin, dass er nicht fertig ist. Seinen Kern bildet eine sehenswerte Dauerausstellung, die Täter und Opfer aus der Nazizeit plastisch werden lässt. Sie dokumentiert zugleich die Rolle der Polizei im Übergang von der Weimarer Republik zur Diktatur und dann zur Bundesrepublik. Diese zeitliche Öffnung nach hinten und vorne ist wichtig, „denn die Nazis sind 1933 nicht einfach vom Himmel gefallen und mit Kriegsende nicht in die Hölle gefahren“, wie der Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel, betont.

Die Bürger sollen mitreden

Über diese Ausstellung hinaus steht das Hotel Silber für ein großes Bürgerbeteiligungsprojekt, was sich auch schon in der Struktur der Einrichtung abbildet: Träger ist das Haus der Geschichte, doch die Bürgerinitiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber ist neben anderen mitspracheberechtigter Partner. Sie will dazu beitragen, dass die ehemalige Zentrale der Gestapo eine Zentrale des Gesprächs wird, gerade auch über Fragen der Gegenwart, die denen der Vergangenheit nicht unverwandt sind. Das ist ganz im Sinne von Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger, die im Hotel Silber einen „historisch-politischen Ort“ sieht, an dem interessierte Bürger zusammenkommen – hoffentlich auch viele Lehrer und Schüler.

Die Eröffnungswoche vom 4. bis 9. Dezember ist dafür ein erster Testlauf. Die Bürger sind eingeladen, sich in der sogenannten Speakers’ Corner zu Fragen wie Menschenwürde, Überwachung, Widerstand und Ausgrenzung auszutauschen: ein Versuch, das Gespräch über das Gestern und Heute in Schwung zu bringen. Mal sehen, ob es gelingt. In jedem Fall rangiert das Hotel Silber ab sofort als geistige Herberge für Demokraten.

jan.sellner@stn.zgs.de

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