Ursprünglich war angepeilt, die Gedenkstätte am 8. Mai 2015 zu eröffnen. Dieser Termin „ist nicht mehr zu halten“, sagt der Leiter des Hauses der Geschichte. Foto: Achim Zweygarth

Das Konzept für die Gedenkstätte Hotel Silber ist fast fertig, Finanzierung und Eröffnungstermin sind offen.

S-Mitte - Der Antrag dürfte taktisch gewesen sein. Grüne, SPD und die Gemeinschaft von SÖS und Linken formulierten gemeinsam die Frage, ob das Hotel Silber vergessen sei – die lange umstrittene Gedenkstätte an der Dorotheenstraße 10, in der damals die hiesige Gestapo ihr Hauptquartier hatte. Im Juni 2012 tagten diverse Beteiligte von Stadt und Land. Seither, ist in dem Antrag zu lesen, wurden ein Folgetermin abgesagt und ein Beirat im Rathaus aufgelöst. So beklagt es die rot-rot-grüne Gemeinschaft und will wissen, warum nichts geschieht.

Dass durchaus etwas geschehen ist, dürfte den Stadträten kaum verborgen geblieben sein. Ein Arbeitskreis, in dem der Gedenkort vorbereitet wird, trifft sich regelmäßig. Unstimmigkeiten über die Trägerschaft sind beigelegt. Das Haus der Geschichte soll den Betrieb übernehmen. Ursprünglich hatte die ehrenamtliche Initiative Hotel Silber dagegen Einwände. In der Initiative sind mehr als 20 Vereinigungen zusammengeschlossen, vom Arbeitskreis Euthanasie bis zur Zukunftswerkstatt Zuffenhausen. Zwischenzeitlich gab es Zwist über das inhaltliche Konzept. Gerüchte kursierten, dass konservative Kreise versuchten, das Projekt zu verhindern. Diese Annahme schien aus früheren Erfahrungen nicht abwegig. Bis in die Achtziger wurden in Stuttgart Versuche, an die NS-Vergangenheit zu erinnern, ausgehebelt.

„Es wird ein aktives Haus“

Hingegen gab es – nach der Grundsatzentscheidung – gegen die Gedenkstätte Hotel Silber „keinen Widerstand, im Gegenteil“, sagt Thomas Schnabel, der das Haus der Geschichte leitet. Ungeachtet dessen habe tatsächlich „die Zeit des Nationalsozialismus in Stuttgart überraschend wenig Resonanz“. Das Konzept, wie eben dies zu ändern wäre, ist nahezu fertig. Ungeachtet von Meinungsverschiedenheiten im Detail „gibt es in der großen Linie keinen Dissens“, sagt Schnabel. Was der Initiativensprecher Harald Stingele bestätigt: „Zur Konzeption ist eine gemeinsame Lösung in Sicht“, sagt er. „Es wird ein aktives Haus.“

Das Hotel Silber soll kein klassisches Museum sein. Projekte, Pädagogik, Veranstaltungsreihen, organisierte Gruppenbesuche sind unstrittig. „Altersheim trifft Klassenzimmer“, umschreibt Schnabel die Ideensammlung. Zu den weiteren Gedanken gehört, dass sich im Haus Initiativen beraten lassen können, die an die Nazi-Vergangenheit erinnern wollen, und dass die Gedenkstätte Teil der Berufsausbildung der Polizei werden soll. Diese nutzte das Haus sowohl vor als auch nach der Gestapo-Zeit. Hitlers Diktatur „ist nicht vom Himmel gefallen und nach 1945 nicht zur Hölle gefahren“, sagt Schnabel. „Wir denken relativ weit und werden vielleicht Pionier sein.“ Wie Rassen- oder auch Schwulenhass entstand und bis heute entsteht oder mit welchen Mitteln Diktatoren ihr Volk unterdrücken, soll ebenfalls erklärt werden.

Unklar ist, ab wann. Ursprünglich war die Eröffnung am 8. Mai 2015 angepeilt, an dem sich das Kriegsende zum 70. Mal jährt. Dieser Termin „ist nicht mehr zu halten“, sagt Schnabel. „Wir haben das Unsrige getan, der Ball liegt bei der Politik.“ Damit bei jenen, die angefragt haben, wie es um die Zukunft des Projektes steht.

1,9 Millionen Euro Betriebskosten im Jahr

Die entscheidet sich schlicht am Gelde. Die Hälfte der Kosten will das Land übernehmen, wenn die Stadt die andere Hälfte zahlt. Dazu gibt es zwar einen Grundsatzbeschluss, hinter dem steht allerdings keine Summe. Allein die jährliche Miete für das Haus, das der Baden-Württemberg-Stiftung gehört, schätzt Schnabel auf einen sechsstelligen Betrag. Gewiss ist: Günstig wird das Hotel Silber nicht. Beispielsweise betreibt die Stadt Köln ein NS-Gedenkzentrum mit vergleichbarem Konzept. Die Betriebskosten summieren sich auf 1,9 Millionen Euro im Jahr. Knapp 90 Prozent davon sind Fixkosten. „Man soll Äpfel nicht mit Birnen vergleichen“, sagt der Direktor des Kölner Zentrums, Werner Jung. „Aber eine solche Einrichtung mit ein paar hunderttausend Euro betreiben zu wollen, wäre illusorisch“.

Jenen Antrag haben die drei Parteien tatsächlich formuliert, um das Gedenken ins Gedächtnis zu rufen. „Wir wollten Bewegung reinbringen“, sagt der Grüne Andreas Winter. Sowohl seine Fraktion als auch die SPD will für den nächsten Haushalt Geld für die Gedenkstätte beantragen, und „es wird eine Mehrheit dafür geben“, sagt Winter. „Aber die Summe ist sicher nicht nach oben offen.“ Womöglich müsse das Vorhaben stufenweise verwirklicht werden, über Personal und Öffnungszeiten sei noch zu diskutieren.

„Wir stehen zu dem Projekt, aber es steht unter den Vorbehalt, unter dem Haushaltsberatungen immer stehen“, sagt die SPD-Fraktionschefin Roswitha Blind. Was heißt: Falls kein Geld da ist, muss das Projekt in die ferne Zukunft verschoben oder das Konzept abgespeckt werden.

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