Hotel Marquard Wo der Bayernkönig Richard Wagner vor der Pleite rettete

Von Joe Bauer 

Der Marquardt-Bau vor dem Zweiten Weltkrieg Foto: privat
Der Marquardt-Bau vor dem Zweiten Weltkrieg Foto: privat

Die große Vergangenheit des Marquard-Baus: Ein Kellner erinnert sich an berühmte Gäste.

Stuttgart - Das Marquardt war bis zum Zweiten Weltkrieg eine internationale TopAdresse. Im Hotel wohnten Künstler und Sportstars, Politiker und Ganoven. Fritz Wagner, heute 88, hat hier 1939 als Kellnerlehrling gearbeitet.

Am 2. Juli 1939 steigt in der Adolf-Hitler-Kampfbahn in Bad Cannstatt ein Jahrhundertspektakel. Der deutsche Profiboxer Max Schmeling tritt zum letzten Mal um den Titel des Europameisters an. Als ehemaliger Weltmeister im Schwergewicht, nach großen Kämpfen wie gegen den "braunen Bomber" Joe Louis, ist er bereits eine lebende Legende. Sein Gegner ist diesmal Adolf Heuser aus Bonn, und in Stuttgart feiert man einen Rekord: 80.000 Zuschauer sind im Stadion, so viele wie nie zuvor bei einem Boxkampf.

Im Juli 1939 arbeitet Fritz Wagner, 15, als Kellnerlehrling im Stuttgarter Hotel Marquardt am Schlossplatz. Die goldenen Knöpfe seines Fracks sind in diesen Tagen besonders gut poliert, und der Oberkellner hat die Fingernägel sorgfältiger als sonst kontrolliert. Der Champion Max Schmeling hat sich mit seiner Entourage im besten Salon des Hauses einquartiert. Am Tag des Kampfes wird Fritz als diensttuender Kellnerlehrling in den Salon bestellt. Als er eintritt, spielt Schmeling mit ein paar Freunden Poker. Die Herren haben auf dem Tisch Münzen zu kleinen Türmen gehäuft, und weil sie Sportsmänner sind, bitten sie nur um Tee. Als Fritz die Bestellung aufgenommen hat und nach einer Weile mit dem Teewagen wieder kommt, fragt er, ob er die Getränke auf die Rechnung schreiben dürfe. Schmeling, von seinen Freunden "Maxe" genannt, nimmt ein paar Münzen vom Stapel und drückt sie dem Jungen in die Hand. Der fällt fast in Ohnmacht: Es sind drei Fünfreichsmarkstücke, für Fritz ein Haufen Geld.

Bald ist das Marquardt weltberühmt

Im Juli 1939 sind die großen Tage des Hotel Marquardt bereits gezählt. Zwei Monate später überfällt Hitlers Wehrmacht Polen. Die Lehrjahre von Fritz gehen dem Ende zu. Anfang 1940 verlässt er das beste Haus am Platz, das Hotel steckt in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Der Hoteldirektor Fischer schreibt in sein Zeugnis, der Kellnerlehrling Wagner scheide auf eigenen Wunsch aus, das Haus könne ihn "bestens empfehlen". Fritz ist ein guter Mann, beim Reichsberufswettkampf der Kellner hat man ihn zum Zweitbesten aus dem Großraum Württemberg-Hohenzollern gekürt.

Herr Wagner ist heute 88 Jahre alt und der vielleicht letzte Zeuge, der die Endphase des großen Hotels im Marquardt-Bau erlebt hat. Er wohnt außerhalb von Stuttgart und bittet mich bei unserem Treffen, nicht zu viel über ihn zu erzählen. Womöglich würden ihn alte Bekannte ansprechen, sagt er, er wolle im Hintergrund bleiben. Eher zufällig bin ich auf ihn gestoßen, der Tipp kam aus dem heutigen Café Schlossblick im Marquardt-Bau, Bolzstraße. Ich durfte Herrn W. besuchen und versprach ihm, seinen Namen leicht zu verändern.

Fritz Wagner hat nach Max Schmelings Kampf noch ein halbes Jahr im Hotel Marquardt gearbeitet. Seine erste Lehrstelle, das christlich orientierte Hotel Herzog Christoph in der Christophstraße, hatte man Anfang 1939 verkauft, vermutlich nicht freiwillig. Der Nazi-Terror herrschte.

Herr Wagner hat ein gutes Gedächtnis, allein seine Erinnerungen würden ausreichen für einen Grand-Hotel-Roman. Von den noch älteren Geschichten ganz zu schweigen. Das erste Hotel Marquardt wird 1838 von dem Gasthofbesitzer Wilhelm Marquardt in der Königstraße eröffnet. Der Eisenbahnverkehr boomt, Marquardt braucht ein Hotel in unmittelbarer Nähe des ersten Stuttgarter Bahnhofs in der Schlossstraße (heute Bolzstraße) und kauft weitere Gebäude hinzu. 1857 wird das Hotel als erste Adresse der Stadt eingeweiht. Bald ist das Marquardt weltberühmt, im Haus wohnen Prominente wie der Politiker Otto von Bismarck und der Musiker Franz Liszt; 1860 gibt der Komponist und Klaviervirtuose im Marquardt-Festsaal ein Konzert.

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