Abschied im Hospitalhof: Martin Klumpp (rechts), Pionier der Hospizarbeit, zieht sich zurück. Links: Peter Leibinger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von Trumpf und Förderer der Hospizarbeit. Foto: Lichtgut//Ines Rudel

Martin Klumpp hat die Hospiz-Arbeit in Stuttgart geprägt wie kein Zweiter. Nach mehr als 40 Jahren zieht er sich nun zurück. Sein Abschied wurde als großes Dankeschön gestaltet, das er mit „schüchternen Ohren“ genoss – nicht ohne noch ein paar Hausaufgaben zu verteilen.

 
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Von feierlichen Veranstaltungen nimmt man mal mehr an Eindrücken mit, mal weniger. In diesem Fall, der Verabschiedung von Martin Klumpp, einem Urgestein der Hospizbewegung, nimmt man außergewöhnlich viele Eindrücke mit. Zum Beispiel das Porträt eines Mannes, ohne den es das Hospiz in Stuttgart in der heutigen Form nicht geben würde. Sein Abschied nach 43 Jahren Hospizarbeit und mehr als 20 Jahren Vorsitz im Hospiz-Förderverein am Donnerstagabend im Hospitalhof geriet zu einer musikalisch umrahmten, fröhlichen Charakterstudie, aus der in Grundzügen hervorgeht, warum Martin Klumpp so vieles gelungen ist – nicht nur als evangelischer Dekan und Prälat in Stuttgart, sondern auch noch danach als Vorsitzender des Hospiz-Fördervereins, in dem die Fäden für das stetig gewachsene Hospizangebot zusammenlaufen.

Die Hospizarbeit in Stuttgart geht auf Klumpps Initiative zurück

Klumpp (Jahrgang 1940) stand am Anfang der Hospizbewegung in Stuttgart. Der Aufbau des Erwachsenenhospiz in der Stafflenbergstraße und des Kinder- und Jugendhospizes in der Diemershaldenstraße hoch über der Stadt geht auf seine Initiative zurück, wobei der Ausdruck Initiative noch untertrieben ist. Klumpp, so schildern es seine Weggefährten, Unterstützer und Mitstreiter, war der nie abzustellende Motor, der Fortbeweger, der ewige Netzwerker, der unverzagt neue Projekte anpackte, wenn er den Eindruck hatte, dass Bedarf an Zuwendung besteht. Er war der geduldige Zuhörer, der – wenn das Gehörte ihn bewegte und überzeugte – zum Trommler für die gute Sache wurde.

„Jemand, der Leid wie mit einem Schwamm von der Seele nimmt“

Die Würdigung fällt entsprechend überschwänglich aus. Oberbürgermeister Frank Nopper, Peter Leibinger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender und künftiger Aufsichtsratsvorsitzender von Trumpf, der Landesbischof der evangelischen Landeskirche in Württemberg, Ernst Wilhelm Gohl, Rolf Mühleisen, Architekt des Kinder- und Jugendhospizes, und Manfred Baumann, Gesamtleiter des Hospiz Stuttgart, und Dekan Eckart Schultz-Berg zeichnen im Hospitalhof das Bild eines durchsetzungsstarken Menschenfreundes, Trösters und Pioniers. Nopper nennt Klumpp einen „Haupt- und Prachtkerle“ – das höchste zu vergebende schwäbische Lob. Gohl hebt seine Leistung als Seelsorger hervor, der sich dem „Grenzbereich des Lebens“ gestellt habe. Charakteristisch für ihn sei es, Dinge nicht nur zu erkennen, sondern sie auch umzusetzen. Rolf Mühleisen, der Architekt, bewundert an Klumpp dessen „mitreißende Art“ und dass er es verstehe, „Leid wie mit einem Schwamm von der Seele zu nehmen“. Für Baumann ist er einfach nur „ein wunderbarer Hörender“.

An der Spitze des Fördervereins steht jetzt ein „starkes Frauenteam“

Besonders eindrücklich fällt die Rede von Peter Leibinger aus, der für sich persönlich, aber auch für die Familie Leibinger spricht, die die Hospizarbeit seit vielen Jahren tatkräftig unterstützt. Leibinger betont Klumpps Rolle „als Freund der Eltern“ (Doris und Berthold Leibinger), der den beiden eng verbunden gewesen sei und sie auch beim Sterben begleitet habe. Er lobt ihn als persönlichen Freund, als „Pfarrer und Unternehmer“ und als „Anführer mit großer Herzenskraft“, dessen Wirkungskraft und Freiheit auf seine Bindung an Jesus Christus zurückzuführen sei. „Meine Mutter wäre glücklich über den Geist in diesem Raum.“

Doris Leibinger war bis zu ihrem Tod (2021) die zweite Vorsitzendes des Hospiz-Fördervereins und hatte die Realisierung des Kinder- und Jugendhospizes maßgeblich ermöglicht. An ihre Stelle im Förderverein tritt ihre Schwiegertochter Dorothee Leibinger-Holbach. Zur neuen Vorsitzenden und damit zur Nachfolgerin Klumpps wurde Prälatin Gabriele Arnold gewählt. Zusammen mit Leibinger-Holbach will sie als „starkes Frauenteam“ die Hospizarbeit weiter voranbringen, die maßgeblich auch auf ehrenamtlichem Engagement beruht.

Das Schlüsselrerlebnis war eine Begegnung mit einer Frau, die ihr Kind verloren hatte

Martin Klumpp sieht das Feld, das er beackert hat, damit bestens bestellt. In seiner Abschiedsrede, einer Art Hospizvermächtnis, skizziert er ein Selbstporträt, das ihn als jemanden zeigt, der gelernt hat, zu hören, da zu sein und dazubleiben, wo es notwendig ist. Er erzählt von einem Schlüsselerlebnis in jungen Vikarsjahren, als er eine Frau besuchen sollte, deren Kind tot geboren worden war. Allein das Dasein half. „Wenn schon das pure Dasein hilft, dann wollte ich das Besser-Dasein lernen“, nahm Klumpp sich vor. Das ist ihm offenkundig gelungen, wie der große Zuspruch zu den von ihm initiierten Trauergruppen zeigt, die er weiterhin betreuen will. Zu seinem ideellen Nachlass gehört auch der Appell, in die Herzensbildung zu investieren und sich weniger auf das „Machen“ und mehr auf das „Bekommen“ zu konzentrieren, wenn es um Abschiede im Leben geht.

Klumpp wäre nicht Klumpp, wenn am Ende nicht gesungen würde („Der Mond ist aufgegangen“) und die Ehrengäste keine Hausaufgaben in Form von charmanten Bitten mitnähmen. Den Landesbischof bittet er, sich dafür einzusetzen, dass sich die Evangelische Kirche als Arbeitgeber auf für Nichtkirchenmitglieder öffnet (was bereits in Arbeit sei, wie Gohl versichert). Der Oberbürgermeister wiederum nimmt die Bitte mit, die städtischen Juristen mögen das Anliegen für ein angedachtes Tageshospiz in der Nähe der Stafflenbergstraße gnädig prüfen. Spitzbübisch, ja, das ist er auch.

Hospize in Stuttgart

Evangelisches Hospiz
Gründung einer Sitzwache (1984) und Gründung eines ambulanten Erwachsenenhospizes (1987) – das waren die ersten Meilensteine der Hospizarbeit in Stuttgart. Das stationäre Angebot in der Stafflenbergstraße 22 mit acht Betten für Erwachsene besteht seit 1994. Das Kinder- und Jugendhospiz in der Diemershaldenstraße kam 2017 dazu; es verfügt ebenfalls über acht stationäre Betten und ein umfangreiches Angebot für Familien. Getragen wird die Hospiz-Arbeit vom Kirchenkreis Stuttgart und unterstützt von 350 Ehrenamtlichen. Der Hospiz-Trägerverein kümmert sich unter anderem um Spenden. Das Hospiz steht allen Betroffenen offen, unabhängig von Herkunft oder Konfession.

Katholisches Hospiz
Das Katholische Hospiz St. Martin in der Jahnstraße 44 – 46 verfügt aktuell über keine stationären Angebote. ; der stationäre Bereich ist wegen Personalmangels geschlossen. Ambulante Sterbebegleitung und Trauerbegleitung werden weiterhin angeboten. (jse)

Weitere
Informationen

finden Sie unter:
www.hospiz-stuttgart.de und www.hospiz-st-martin.de.