Nichts ist so schwer zu finden wie eine perfekt sitzende Hose. Doch weiter und schlackernder als jetzt können die Hosen kaum noch werden. Was hat das zu bedeuten und wo führt es hin?
Mit falschen Hosen ist es so: Man zieht sie nicht an, sondern steckt in ihnen drin. Wie Blumen in einer Vase. Leider oft in einer unpassenden, zu schmalen oder opulent lächerlichen. Als wehrloses Opfer. Die Hosen werden zum Gefängnis nicht nur der Beine, sondern des gesamten Körpers, der in ihnen navigiert werden muss. Unten schauen zwei Füße heraus. Sie wirken, als hätten sie resigniert.
Kaum ein Kleidungsstück prägt das modische Erscheinungsbild so maßgeblich wie die Hose. Und kaum eines sitzt so selten perfekt wie sie. „There is no place to hide in a bad-fitting pair of pants“, schrieb kürzlich die „New York Times“ – was sinngemäß heißt: Wenn eine Hose nicht richtig passt, dann kann man das nicht so einfach kaschieren.
Fast 20 Jahre lang dominierten jetzt sehr enge Hosen
Hosenkauf kann demütigend sein. Nur wenigen Menschen ist es vergönnt, in ihren Hosen so auszusehen, als seien sie darin geboren. „Tatort“-Kommissarin Maria Furtwängler mit ellenlangen Beinen in den Bootcut-Jeans etwa, die zarte Schauspielerin Winona Ryder in den 90er-Levi’s-501 oder das spindeldürre Model Kate Moss, als sie Anfang der Nullerjahre die Skinny Jeans berühmt machte.
Zu Beginn der Begeisterung für die Röhrenhosen hieß es allenthalben, derart wurstpellige Jeans könnten nur sehr schlanke Damen tragen. Doch schon bald war die gesamte deutsche Fußgängerzonenpopulation offenbar der Meinung, zum Kreise der Auserwählten zu gehören. So ging das jetzt fast 20 Jahre lang. Bis die Pandemie kam und alle zu Hause saßen. Seit 2021 werden laut Marktforschungsinstituten wieder mehr weite Hosen als Skinny Jeans verkauft. Die Modewissenschaftlerin Barbara Vinken schrieb kürzlich über den Wandel: „Dahinter verbirgt sich eine grundsätzliche Veränderung der Silhouette, wie sie höchstens alle zwölf Jahre passiert.“
Im Videotelefonat während Home Office und Quarantäne sah man einander bauchnabelabwärts gar nicht mehr. Und schien wieder zu bemerken, wie unbequem die engen Hosen sein können, trotz ihres hohen Elasthan- und Polyesteranteils. Beim Sitzen schneiden sie in die Kniekehle, beim Aufstehen rutschen sie nach oben und hängen an der Wade wie in der Kindheit zu klein gewordene Pyjamahosen. Den Bauch drücken sie zusammen, als wären sie Förmchen an einem Muffin. Ab einem bestimmten Alter quillt der Teig oben drüber.
In Skinny Jeans laufen heute mehrheitlich noch Väter und Mütter am Spielfeldrand der Fußball-E-Jugend auf. Der Journalist Tillmann Prüfer, 50, schrieb in der „Zeit“: „Männer meiner Altersklasse sind offenbar die Einzigen, die diesen Schnitt noch tragen.“ Frauen in einem bestimmten Alter tun es auch. Jüngere eher selten. Carl Tillessen vom Deutschen Modeinstitut erklärt: „Genauso wie den Jugendlichen in den 1980er Jahren sind den Jugendlichen heute die körperbetonten Hosen ihrer Eltern und Lehrer unangenehm.“ Sie müssten, so der Trendanalyst, dann daran denken, dass die Alten vielleicht auch ein Sexleben haben – schrecklich! „Insofern sind die weiten Hosen von ihrem Ursprung eine Form von Prüderie“, sagt Tillessen.
Das Erstaunliche ist, wie schnell man gestrig aussehen kann
In allen Gesellschaftsschichten gibt es immer diejenigen, die an aus der Mode gekommenen Hosen länger als andere festhalten. Nicht nur aus modischem Desinteresse, oft, weil das Modell ihnen besonders gut stand. Journalist Prüfer schreibt über die Röhrenjeans: „Ich war einer von denen, die in diese Hose passten, ich war plötzlich nicht mehr zu dünn, sondern genau richtig.“ Das Erstaunliche ist, wie schnell man dann aber nicht mehr cool, sondern einfach gestrig aussieht. Wie ein Politiker, der sich an die Macht klammert, obwohl jeder weiß, seine besten Zeiten liegen hinter ihm.
Das ist so interessant an der Mode: Was offenkundig zum Ausdruck gebracht werden soll, wird manchmal gerade konterkariert. Wer mit Markenkleidung wertvoll und edel wirken will, demonstriert oft vor allem, dass er nicht glaubt, es zu sein. Die wirklich Geld haben, müssen das meist nicht offensiv zeigen: Quiet Luxury nennt sich ein dezenter, teurer Trend ohne sichtbare Labels.
Die Schauen vergangenes Jahr und zuletzt die Fashion Show in Paris Anfang März entblößten nun mehrheitlich geradezu ballonartig aufgegangene Hosen im XXL-Format. Palazzo- oder Marleneschnitte, Wide-Leg-Jeans, Flared, Bootcut oder Boyfriend, der Hosenrock als Culotte, die Paperbag Hose, Jogginghosen mit weitem Bein und Männer, die extrem weite Anzughosen mit Bundfalten tragen – die Reihe ist endlos, aber auf jeden Fall schlackert es ums Bein und schleift verschwenderisch auf dem Boden.
Der Körper wird ständig bewertet – kein Wunder will man ihn schützen und verbergen
Sind diese weiten Schnitte wirklich nur Abgrenzung und eine vorübergehende Korrektur der viel zu engen Hosen der Vorjahre – oder steckt mehr dahinter? Die Art Direktorin des „Zeit Magazins“, Claire Beermann, schrieb kürzlich: „In weiter Kleidung kann man etwas von sich für sich behalten. Zumindest mein Körper gehört darin mir allein.“ Sängerin Billie Eilish trug so viele Jahre lang nur XXL-Klamotten, dass man lange Zeit überhaupt nicht wusste, wie sie darunter eigentlich aussah. Körper, vor allem weibliche, werden ständig bewertet und abgewertet. Kein Wunder möchte man sich dem entziehen. Das trifft im Social-Media-Zeitalter nicht nur Berühmtheiten, längst auch alle anderen. Das Private ist öffentlich. Da kann das Gefühl entstehen, sich schützen zu müssen mit einem Panzer, etwas zurück zu halten. Der Körper als Insel des Intimen.
Die disruptiven Zeiten haben einem Teil der Mode generell eine widerspenstige Abwehrhaltung abverlangt. Die Sohlen vieler Schuhe wurden höher und die Profile tiefer. Man könnte mit diesen Combatboots und den weiten Hosen mehr tun als nur zu dm rüber laufen – zum Beispiel heldenhaft unwegsames Geröll an Kriegsschauplätzen durchschreiten. Die Mode wirkt retro-futuristisch, wie bei den aktuellen motocrossartigen Bikerboots aus Kalbsleder für Herren von Balenciaga. So hat man sich zu Beginn des Jahrtausends in Filmen wie „Matrix“ die Zukunft vorgestellt: Düster, cool, alles Schein. Eine Dystopie, in der man heute angekommen scheint.
Ist heute in der Mode alles zugleich möglich?
Am Schnitt der Hosen, heißt es, lässt sich meist sehr gut eine bestimmte Zeit ablesen. Gilt das überhaupt noch? Heute scheint vieles zugleich möglich, ein Trend immer den Anti-Trend in der gleichen Saison zu provozieren. Miu Miu zeigte in Paris schon wieder einige Models in Skinny Jeans mit Low-Rise-Schnitt. Und nach den bunten Mustern der vergangenen postpandemischen Jahre präsentierte Valentino erstmals eine ganze Kollektion in einer einzigen Farbe: Schwarz. Onlinehändler wie das chinesische Label Shein tragen zu einer akuten Beschleunigung der Mode bei. Manche meinen, vielleicht sogar zum Verschwinden von dem, was wir bisher unter Mode und Trends verstanden haben. Die Fast-Fashion-Hersteller aktualisieren im Laufe eines einzigen Tages Angebote mehrfach, laden immer neue Outfits hoch, die alle nebeneinander stehen.
Melanie Haller, Professorin für Geschichte und Theorie von Mode, Design und Ästhetik in Hamburg, erklärt, seit 20 Jahren spreche man von Moden eher in der Mehrzahl: „Bekleidungskultur hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts ausdifferenziert.“ Es gebe immer verschiedene soziale Bewegungen und ästhetische Gegenkulturen. Carl Tillessen vom Deutschen Modeinstitut meint dennoch: „Der Eindruck eines ,anything goes’ entsteht nur aus einem Mangel an Distanz. Im Rückblick ist dann doch immer ganz klar, welcher Look für welche Zeit typisch war.“ Tillessen glaubt, die neue, weitere Silhouette werde nun noch etwas länger erhalten bleiben.