Der damalige Bundespräsident Horst Köhler im November 2004 bei einem Wiedersehen mit Mitgliedern des Gesangsvereins Herrenberg-Mönchberg Foto: AP/THOMAS KIENZLE

Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler begann seine Karriere in Herrenberg. Dort hat er mit Erfolg protestiert.

Sollte das Leben tatsächlich in Ringen oder Kreisen verlaufen, dann hat der ehemalige Bundespräsident Hörst Köhler gut zehn Monate vor seinem Tod über ein Thema gesprochen, das ihn schon zu Anfang seiner Karriere begleitet hat, in Herrenberg, wo seine politische Tätigkeit begann. In seinem wahrscheinlich letzten Interview sprach er in unserer Zeitung über globale Gerechtigkeit und globale Solidarität. Der Anlass war das 50-jährige Bestehen des Herrenberger Weltladens.

 

1970 war er mit seiner Frau Eva Luise in die Herrenberger Wilhelmstraße gezogen und 1973 in den Herrenberger Ortsteil Mönchberg. Als er 1977 den Ort verließ, hatte er nicht nur eine riesige Mülldeponie verhindert, sondern auch den Dritte-Welt-Laden gründen helfen.

Horst Köhler im Jahr 2012 vor seinem Porträt im Rathaus Berlin-Tiergarten, in dem eine Galerie aller Bundespräsidenten hängt. Foto: imago stock&people

Diese Gründung bezeichnete er als Vorschule für seine spätere politische Tätigkeit. Er habe lernen müssen, sagte er im Interview, dass es bei der praktischen Umsetzung einer Idee bisweilen überraschende Hürden zu überwinden gelte, und dass gutes Zuhören und Geduld Wege zu Lösungen öffne.

Sachargumente kennzeichneten den Protest

Zivilen Widerstand erlebte Köhler im Jahr 1974. Damals wollte der Landkreis Böblingen im Gewann Schweingrube rund 500 Meter vom Mönchberger Ortsrand eine gigantische, 20 Hektar große Müllkippe bauen. Mit Briefen und Flugblättern protestierten die Einwohner von Mönchberg und Rohrau gegen die Landkreispläne – und hatten letztlich damit Erfolg. 1976 begrub der damalige Landrat Reiner Heeb die Pläne.

Jetzt gibt es dort ein 20 Hektar großes Baumfeld und eine Gedenktafel an den Widerstand der IG Mönchberg, die 2014 enthüllt wurde. Zu dieser Veranstaltung kam Horst Köhler extra angereist. Beeindruckend fand der damalige Oberbürgermeister Thomas Sprißler damals, „dass nicht Polemik, Lautstärke und die Anzahl der Unterschriften, sondern Sachargumente den damaligen Protest kennzeichneten.“

Zuerst in die akademische Laufbahn

Auch den Dritte-Welt-Laden gibt es noch, auch wenn er nicht mehr so heißt, sondern unter dem Namen Weltladen bis heute am Herrenberger Marktplatz zu finden ist. Besonders bemerkenswert in einer Zeit, in der die Geschäfte mit fair gehandelten Waren immer weniger werden.

Köhler hatte zunächst eine akademische Laufbahn eingeschlagen. Er studierte bis 1969 Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Tübingen und wurde dort 1977 promoviert. Seine Frau arbeitete in dieser Zeit als Lehrerin an der Herrenberger Pfalzgraf-Rudolf-Schule. Das Geld war damals knapp bei den beiden Jung-Akademikern, die viel Eigenleistung in ihr Eigenheim steckten. Doch man half sich auf dem Dorf, und wenn es nur ein Vesper mit Most und Hefezopf war, das die Nachbarn vorbei brachten.

Die Köhlers wollten sich integrieren, das war auch ein Grund, warum er mit „mäßigem Talent“, wie er sich erinnerte, im Mönchberger Männergesangsverein den zweiten Tenor verstärkte. Als es Abschied nehmen hieß, war es ihm eine besondere Genugtuung, dass ihn die Mönchberger mit etlichen Flaschen Schnaps von den Streuobstwiesen in der Schweingrube beschenkten, die er mit seinen Mitstreitern gerettet hat.

Kampf gegen Hunger und Armut

Im Jahr 1976 wechselte er in das Bundeswirtschaftsministerium, trat 1981 in die CDU ein und wurde später ein enger Mitarbeiter des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Im Jahr 2000 dann wurde er Chef des Internationalen Währungsfonds und 2004 zum Bundespräsidenten gewählt. Ein Amt, das er 2010 aufgab, nach heftiger Kritik an einem Interview, das er zum Afghanistan-Krieg gegeben hatte. Damals hatte er Auslandseinsätze der Bundeswehr gut geheißen, wenn sie freie Handelswege garantierten oder Instabilitäten in ganzen Weltregionen verhinderten.

Seine letzte Flasche Mönchberger Obstschnaps öffnete er im Jahr 2002 in Washington, als er mit hochrangigen Amerikanern über den drohenden Irakkrieg diskutierte. Der Schnaps half, so schilderte er später, den Amerikanern die deutsche Neutralität plausibel zu machen.

Ein Leben für alle Menschen auf unserem Planeten in Würde

Eine tiefe innere Überzeugung ließ ihn für den weltweiten Ausgleich eintreten: „Entwicklungshilfe allein ist kein Garant für eine gerechtere Welt, aber sie ist ein wichtiger Beitrag, die notwendigen Eigenanstrengungen des globalen Südens im Kampf gegen Hunger, Armut und die Folgen des Klimawandels zu unterstützen. Darüber hinaus sollten die Industriestaaten auf den noch immer vorherrschenden moralisch-belehrenden Ton in ihrer Entwicklungspolitik verzichten“, sagte er in erwähntem Interview vergangenen März.

Und auf die Frage nach den Zielen der deutschen Außenpolitik antwortete er: „Die Politik sollte sich als unbeugsamer Anwalt für nachhaltige Entwicklung und den Pariser Klimabeschluss beweisen. Deren geistige Grundlage ist ein Weltethos, das für alle Menschen auf unserem Planeten ein Leben in Würde anstrebt.“

Vielleicht waren diese Sätze schon damals weniger ein Interview als ein humanistische Plädoyer. Heute, wenige Tage nach seinem Tod, klingen sie wie ein Vermächtnis.