Erinnerungen und Anregungen: Siegfried Rapp hat den zweiten Teil seiner Biografie herausgebracht. Das Werk des schwer erkrankten Ludwigsburgers ist eine Mischung aus Reiseführer und Lebensratgeber, der Antworten sucht auf eine Frage: Was bedeutet gutes Leben?
Es ist nicht auszuschließen, dass es Menschen gibt, die den Job eines Honorarkonsuls für eine reichlich ehrenkäsige Angelegenheit halten. Ein bisschen Dokumente beglaubigen und ganz viel Nase zeigen – so angenehm kann Ehrenamt sein. Es ist nicht auszuschließen, dass es Honorarkonsuln gibt, die so arbeiten. Man denke an Hans-Hermann Weyer, den „schönen Konsul“, der einst Hunderte solcher Titel an zahlungskräftige Klienten verkauft hat.
Viele Einsätze in der Ferne
Auf den Honorarkonsul, der in Ludwigsburg seinen Sitz hat, passt diese Schablone allerdings nicht. Er nimmt seinen Job nicht nur sehr ernst, er macht ihn auch so, dass vor allem andere etwas davon haben. Sonst hätte wohl keine Gruppe aus Ludwigsburg ein riesiges Baumpflanzprojekt in Ambato begonnen. Die integrative Brenz-Band wäre kaum durch Ecuador getourt. Und eine Klimapartnerschaft zwischen Ludwigsburg und Ambato gäbe es vermutlich eher auch nicht.
Erinnerungen für alle
Dieser Honorarkonsul heißt Siegfried Rapp, das Land, das er vertritt, ist, man ahnt es, Ecuador, wo auch die Stadt Ambato liegt. Und würde er diesen Job nicht so ernst nehmen, hätte er ihn vor acht Jahren gar nicht erst bekommen. Der Botschafter von Ecuador war bei seinem Besuch in Baden-Württemberg nicht nur so beeindruckt vom Ländle, dass er beschloss, hier eine Auslandsvertretung einzurichten. Er war auch so beeindruckt vom fließend Spanisch sprechenden Rapp, dass er ihm die Leitung des künftigen Honorarkonsulats antrug.
Nachzulesen ist das im zweiten Band seiner, wenn man so will, Memoiren, denen er die Überschrift „Visionen leben“ gegeben hat. Der erste Band ist Ende des vergangenen Jahres erschienen, und auch wenn der dritte noch in Arbeit ist, weiß man schon jetzt, dass Siegfried Rapp einiges mehr kann, als fließend Spanisch zu sprechen – Fragen anregen zum Beispiel. Im aktuellen Buch zum Beispiel die, was gutes Leben bedeutet.
Ein Gewinner, viele Verlierer
Rapp, der früher als Lehrer gearbeitet hat und an der Volkshochschule und der heute als Mediator angesehen ist, hat viele Menschen um eine Antwort gebeten. Bekannte wie den Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und weniger bekannte wie den indigenen Präfekten von Ambato oder Schülerinnen. Bemerkenswerterweise definiert niemand von ihnen Erfolg und Glück über materielle Reichtümer. „Wir sind gemeinsam unterwegs, alles sollte für alle reichen, wenn einer gewinnt, verlieren alle“, formuliert sinngemäß einer der Gutes-Leben-Erfahrenen.
Eine böse Diagnose
Siegfried Rapp ist im Mai 70 Jahre geworden. Die Idee, seine Biografie zu schreiben, hegte er schon lange. Im vergangenen Jahr hatte er plötzlich auch die Zeit dazu. Nicht nur wegen Corona, das sämtliche Terminkalender leerte. Auch die Diagnose ALS bremste den Vielbeschäftigten brachial aus. Rapp kann dadurch nicht mehr sprechen, essen und trinken. Die Krankheit gilt als unheilbar, Rapp hat allerdings einen guten Umgang damit gefunden.
Man kann sich schön ausmalen, wie Siegfried Rapp in den vergangenen Monaten innerlich zurückgegangen ist und sein Leben betrachtet hat. Mit den vielen privaten Fotos und persönlichen Berichten von seinen Reisen und Stationen muten die beiden bisherigen Bände wie große Tagebücher an. Und dennoch steckt viel mehr als persönliche Erinnerungen darin. Zum Beispiel kann man schön lernen, was alles möglich ist, wenn man sein Herz in die Hand nimmt.
Ein besonderer Reiseführer
Der zweite Teil der Biografie ist zudem eine Art Reiseführer für Ecuador geworden. Der Betrachter reist ins Andenhochland, ins Amazonasbecken, auf die Galapagosinseln; sieht riesige Bäume, ungewohnte Tiere, bunte Trachten und erfährt viel über Land und Leute. „Ecuador mi Amor“ schreibt Rapp, der als ernsthafter Honorarkonsul auch für die schönen Seiten des Landes wirbt. Für Anfang Juli hat er einen Vortrag zum Thema Ökotourismus organisiert, bei dem nachhaltige Urlaubsunterkünfte im Urwald Ecuadors vorgestellt werden.
Überraschung in Ludwigsburg
Allerdings, auch das gehört zum Profil eines ernsthaften Honorarkonsuls: Seine Heimat zieht ebenfalls einen Nutzen aus seinem Engagement, also mehr als eine nobel klingende Adresse. Im Falle Ludwigsburg zum Beispiel jenen, dass auch viele Ecuadorianer hierherreisen. Mindestens schon mal jene aus Rheinland-Pfalz, Hessen, Bayern und Nordrhein-Westfalen, wo es kein eigenes Konsulat gibt. Die Besucher, hat Siegfried Rapp gelernt, wüssten oft nicht, wie attraktiv die Stadt ist. „Viele bleiben eine Nacht oder länger, um sich die Sehenswürdigkeiten anzusehen.“
Und künftig vielleicht auch, um sein neues Buch zu kaufen? Verfasst ist es auf jeden Fall auf Deutsch und Spanisch.
Der Weg zum Werk
Das Buch
Siegfried Rapp: Visionen leben 2. Von der Revolution zum Honorarkonsul. 19,95 Euro, zzgl. Porto, www.winwinverlag.de, Direktbestellung: info@likom.info.
Das Reiseziel
Der Vortrag „Öko-Tourismus in Ecuador“ findet am Donnerstag, 7. Juli, im Honorarkonsulat am Ludwigsburger Marktplatz statt. Er beginnt um 19 Uhr.