Einträchtig hängt die chinesische Fahne neben dem Banner Hongkongs in der ehemaligen Kolonie. Foto: AP

Vor 20 Jahren hat Großbritannien seine Kronkolonie Hongkong an China zurückgegeben. Viele der alten Errungenschaften blieben erhalten, trotzdem wird Hongkong chinesischer. Ob ihnen das gefällt wurden die Hongkonger nie gefragt. Ddas wird sich nicht ändern, kommentiert Politik-Redakteur Christian Gottschalk.

Stuttgart - Wenn Theresa May die Brexit-Verhandlungen plant, dann tut die britische Premierministerin gut daran, einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Auf dass es ihr nicht so ergehe wie einst ihrer Vorgängerin Margret Thatcher. Die reiste 1982 nach Peking, um die Zukunft der Kronkolonie Hongkong zu sichern – und erlebte eine ihrer größten politischen Niederlagen. Denn anstelle einer Bestätigung des Status quo begannen die Übergabeverhandlungen. 1997 fiel die Stadt an China zurück. An diesem Samstag jährt sich der Tag, an dem der Union Jack eingeholt wurde, zum 20. Mal. Der 1. Juli ist zudem Hongkongs Nationalfeiertag, Jubelfeiern und Proteste inklusive.

Für Großbritannien ist die Übergabe der 263 Inseln nur ein weiteres Kapitel gewesen auf der Abschiedstour als einstige Weltmacht. Für China war es der erste, gewaltige Schritt auf dem Weg hin zum Global Player. „Ein Land – zwei Systeme“, das ist die Formel, auf die sich Briten und Chinesen geeinigt hatten. Wobei die Frage, ob der Schwerpunkt auf „ein Land“ oder auf „zwei Systeme“ gelegt wird, unterschiedlich beantwortet wird. Daran, dass Hongkong aus völkerrechtlicher Sicht ein Teil Chinas ist, gibt es keinerlei Zweifel – daran, dass die „zwei Systeme“ auch in Zukunft Bestand haben werden, hingegen schon.

Doppeldeckerbusse und Pferderennen bleiben

Britische Stromstecker und Tee mit Milch, Doppeldeckerbusse und jeden Mittwoch ein Pferderennen – vieles erinnert in Hongkong noch heute an die Zeit, als das Konterfei der Queen auf den Geldscheinen prangte. Neben diesen Äußerlichkeiten existieren Errungenschaften, auf die viele Hongkonger stolz sind: Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, eine unabhängige Justiz. Wahrscheinlich wird nirgendwo auf der Welt so viel und so eifrig gegen die Politik Pekings protestiert wie in Hongkong. Wahrscheinlich werden nirgendwo so viele kritische Geschichten publiziert wie dort. Doch auf den Glanz der Freiheit fallen Schatten. Chinesen, die in Hongkong Zuflucht gesucht hatten, sind von dort auf wundersame Weise verschwunden und in der Volksrepublik aufgetaucht. Offiziell darf es keinen Zugriff chinesischer Sicherheitskräfte in der Sonderverwaltungszone geben. An eine freiwillige Heimkehr der Gesuchten glaubt aber kaum einer.

Es gibt nicht wenige, die in Hongkong den zunehmenden Einfluss Pekings fürchten. Doch es gibt – in den Tagen des Übergabejubiläums besonders – viele verklärte Rückblicke. Verglichen mit ihren Brüdern und Schwestern in der Volksrepublik hatten die Hongkonger zwar politische Freiheiten, aber eine Demokratie hatten sie nie. Und mit den Menschenrechten hat es das Kolonialregime auch nicht immer so genau genommen. Chinesen, die unberechtigt in die Kronkolonie geflohen waren, wurden in aller Regel zurückgeschafft, gegen den Willen der Betroffenen. Gefragt, zu wem sie gehören wollen, wurden die Hongkonger auch nie – weder von London noch von Peking. Daran wird sich wohl nichts ändern.

Peking stellt klar: Keine Chance auf Unabhängigkeit

In 30 Jahren, am 1. Juli 2047, verliert Hongkong den Status der Sonderverwaltungszone, die 7,5-Millionen-Einwohner-Stadt wird dann ein Teil Chinas. Vereinzelt sind in Hongkong Stimmen zu hören, die nach Unabhängigkeit rufen. Denen hat Chinas Premier auf dem Volkskongress im März erstmals erklärt, dass dies keine Chance hat. Wie sich Hongkong entwickelt, wird maßgeblich von den Veränderungen in der Volksrepublik abhängen. Mehr Offenheit dort wird sich in der Sonderverwaltungszone potenzieren. Mehr Restriktionen werden sich aber ebenso auswirken.

Es gibt inzwischen einige, die Hongkong verlassen, weil sie in China bessere Geschäfte machen können. Nach Großbritannien können die meisten jedoch nicht. Die britische Einwanderungsgesetzgebung ist den ehemaligen Freunden gegenüber alles andere als freundlich gesinnt. Theresa May und der Brexit lassen grüßen.

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