Die Regenbogen-Flagge steht weltweit für Stolz und Selbstbewusstsein homosexueller Menschen, hier am 18. Juni 2017 im brasilianischen Sao Paulo. Foto: AP

Madrid feiert den World Pride, das internationale Fest des homo- und transsexuellen Stolzes. Erwartet werden mehr als zwei Millionen Besucher. Es gibt keinen besseren Ort dafür. Spanien hat den Ballast des Katholizismus abgeworfen.

Madrid - Nichts entsteht aus dem Nichts, aber wenn man irgendwo einen Anfangspunkt setzen will, dann war es die Eröffnung der Buchhandlung Berkana 1993 an der Plaza de Chueca. „Alle haben uns für verrückt erklärt“, sagt Mili Hernández, Gründerin und Besitzerin des Madrider Buchladens, der auf schwul-lesbische Literatur spezialisiert ist. Es gab kaum Bücher – „vielleicht 50 Titel“ – und kaum Kunden. Niemand wollte damals dabei gesehen werden, wenn er einen Laden für Homosexuelle betrat. Und niemand ging ausgerechnet nach Chueca zum Einkaufen. Das war ein Drogenviertel, heruntergekommen und gefährlich.

Alles hat sich geändert, mit einer Geschwindigkeit, dass man sich noch immer die Augen reiben muss. „Es hat eine profunden Wandel in nicht allzu langer Zeit gegeben“, sagt Miriam Guijarro vom Madrider Homo- und Transsexuellenverband Cogam. Guijarro ist 37 Jahre alt, sie ging noch zur Schule, als sich in Chueca plötzlich etwas zu ändern begann. „Da wurde mit großer Normalität darüber geredet: Das wird gerade zum Schwulenviertel, das bringt Farbe.“ Das ist wahrscheinlich das verblüffende: wie sich Chueca, wie sich Madrid, wie sich Spanien so tief greifend verändert haben – und während es geschah, merkte kaum jemand, wie radikal das eigentlich war.

Spanien hat den „Ballast des Katholizismus“ abgeworfen

Spanien haftet ja das Etikett eines katholischen Landes an, was historisch stimmt, als Beschreibung der Gegenwart aber verkehrt ist. Den „Ballast des Katholizismus“, nennt das Guijarro, den Spanien so schnell abgeschüttelt hat. Während 40 Jahren Franco-Diktatur blieb den Spaniern gar nichts anderes übrig, als katholisch zu sein, aber nach Francos Tod zerriss das alte Korsett. Vor vierzig Jahren, am 15. Juni 1977, beging Spanien seine ersten demokratischen Wahlen nach der Diktatur, und mit der Demokratisierung explodierte eine lange nicht gekannte Lebensfreude. „Movida“ nannte sich diese kreative Epoche in Madrid. Ihr berühmtester Protagonist war der Filmemacher Pedro Almodóvar, ein Schwuler, der in seinen Filmen Schwule und Transsexuelle mit nie gekannter Selbstverständlichkeit darstellte.

1986 gründete sich Cogam, das Madrider Schwulenkollektiv. Bei aller Freude an der Demokratie: Es gab noch viel zu tun. Im Oktober jenes Jahres wurden zwei junge Frauen festgenommen, weil sie sich auf der Puerta del Sol, dem Platz im Herzen der Stadt, geküsst hatten. Cogam antwortete mit Demonstrationen, die an der Puerta del Sol unter allgemeinem Küssen endeten.

Im Schwulenviertel Chueca boomen die Restaurants und Geschäfte

Und dann kam die Revolution nach Chueca. „Wir gingen hier abends nur zu dritt oder zu viert auf die Straße, um zu vermeiden, dass wir überfallen wurden“, erzählt Concha Ortega, die 65-jährige Besitzerin des „Bocaíto“, eine der besten Tapasbars in Chueca. Die Unsicherheit auf der Straße hatte einen einzigen Vorzug: „Hier standen viele Ladenlokale leer, niemand wollte in dieser Gegend ein Geschäft aufmachen“, erklärt Mili Hernández. Es war Platz da für Läden wie ihren, die Mieten waren niedrig.

Hernández und ihre Partnerin machten an der Plaza de Chueca zwei harte Jahre durch. Das Geschäft kümmerte vor sich hin. Sie hielten aus. Und animierten mit ihrem Beispiel andere: Restaurants, Kneipen, Läden, die sich ausdrücklich an ein homosexuelles Publikum wandten. Ein Boom. Nach fünf Jahren war Chueca nicht mehr wiederzuerkennen. Die Immobilienpreise schossen in die Höhe, weil sich immer mehr schwule und einige lesbische Paare eine Wohnung in Chueca suchten. Concha Ortega in ihrer Tapasbar „Bocaíto“ war begeistert: „Mit den Schwulen kam die Sicherheit.“

Auch in Spanien gibt es noch homophobe Attacken

Das Beste: „Chueca fing an, die ganze Stadt anzustecken.“ Schließlich auch die Politik. Die sozialistische Regierung unter José Luis Rodríguez Zapatero erweiterte 2005 das Recht zur Eheschließung auf Homosexuelle. Das hatten zuvor nur Belgien und die Niederlande getan. Es gab Proteste dagegen, aber nicht viele. Als im Jahr 2011 in Spanien wieder die Konservativen an die Regierung kamen, tasteten sie das Gesetz nicht an. Für einen solchen Rückschritt wäre das Land nicht mehr zu haben.

Jetzt kommt der World Pride nach Madrid, das große Weltfest des homo- und transsexuellen Stolzes, und das wurde auch Zeit. Es gibt keinen besseren Ort dafür. Deswegen wird vom 23. Juni bis zum 2. Juli in Madrid demonstriert und gefeiert. Die Stadt rechnet mit zwei, vielleicht auch zweieinhalb Millionen Besuchern. Das „Bocaíto“ feiert mit.

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