Beim CSD gibt sich Stuttgart jedes Jahr offen und queerfreundlich – den Rest des Jahres erleben das manche auch anders. Foto: /imago/Arnulf Hettrich

Ein Paar zieht nach Stuttgart und wird in den ersten Wochen gleich vier Mal homophob angegangen. Liegt das auch an ihrem Wohnort Zuffenhausen – oder gibt es Orte, die queere Menschen in Stuttgart bewusst meiden?

Seit zwei Jahren hatte Jay regelmäßig die Tagesschau angeschaut, um sich auf Deutschland vorzubereiten. Er hat die Sprache gelernt und in den vergangenen Jahren zwei Mal das Land bereist. Deutschland, das ist für ihn als Opernmusiker eine Art Sehnsuchtsort, der Studienplatz in Stuttgart Teil dieses Lebenstraumes. „Ich bin in der Absicht hergekommen, diesen Ort zu lieben“, sagt der 27-Jährige. Aber der Start nach dem Umzug von Kapstadt in Südafrika nach Stuttgart im September machte das denkbar schwierig. Auch deswegen will er hier nicht mit seinem echten Namen genannt werden.

 

Ein Junge spuckt sie an

Es begann auf der Königstraße: Ein etwa zehnjähriger Junge habe in die Richtung von ihm und seinem Partner gespuckt, sich dann zu seinem Eltern umgedreht, und ein zweites Mal gespuckt, nachdem diese nicht eingeschritten seien. Es folgten drei weitere Vorfälle: Dem Paar sei vor die Füße gespuckt und es sei schwulenfeindlich beschimpft worden, erzählt Jay. Zwei Mal an ihrem Wohnort Zuffenhausen, ein weiteres Mal in der Königstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs. Allein drei Vorfälle hätten sich in ihrer ersten Woche in Stuttgart ereignet, sagt Jay. Er will die Debatte nicht auf Menschen mit Migrationsgeschichte verkürzt wissen – eine solche sei nur in einem Fall erkennbar im Spiel gewesen.

Jay und sein Partner seien jeweils einfach weitergegangen, erzählen sie. Aber: „Wie würde das eskalieren, wenn man es nicht nur ignoriert?“, fragt Jay. Und es führt auch zu der Frage: Ist Stuttgart ein schwieriges, gar gefährliches Pflaster für queere Menschen?

Das Polizeipräsidium Stuttgart schreibt auf Anfrage, in den vergangenen Jahren seien nur Einzelfälle zur Anzeige gebracht worden. Eine auffällige Entwicklung sei nicht zu beobachten, teilt eine Sprecherin mit. Aber: Zu berücksichtigen sei, dass Straftaten, die aufgrund der sexuellen Orientierung begangen worden seien, „nicht immer als solche erkannt und zur Anzeige gebracht werden“, so die Sprecherin weiter. Bundesweit stieg dagegen die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit sexueller Orientierung und geschlechtsbezogener Diversität in den vergangenen 15 Jahren von einem niedrigen dreistelligen Bereich auf 2353 im Vorjahr. Das belegen Zahlen aus dem Bundesinnenministerium. 405 davon waren Gewaltdelikte.

Belebte Orte seien oft gefährlich

Aber trotz der geringen Fallzahlen in der Stuttgarter Polizeistatistik scheint es ein ausgeprägtes Gefühl der Unsicherheit zu geben. Jay hat seine Erfahrungen auf dem sozialen Medium Reddit geteilt. Unter dem Posting beschreiben mehrere User, sie hätten aufgrund negativer Erfahrungen aufgehört, in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Vor allem Zuffenhausen kommt hier schlecht weg, aber teils auch andere Gegenden wie etwa der Marienplatz in Stuttgart-Süd, der eigentlich als offen und queerfreundlich gilt.

Ein Mann, der das queere Leben in Stuttgart seit Jahrzehnten kennt, sagt gegenüber unserer Zeitung: „Ich denke, dass queere Menschen in der ganzen Stadt achtsam unterwegs sein müssen.“ Und: Nicht in dunklen, einsamen Gassen sei es heikel, sondern dort, wo viele Menschen aufeinandertreffen würden: „Dort fühlt sich immer einer angegriffen“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte.

Für queere Menschen wird es überall unangenehmer

Auch Holger Edmaier von dem Stuttgarter Projekt 100 % Mensch, das sich für die Rechte queerer Menschen einsetzt, sagt: „Bei dem derzeitigen gesellschaftlichen Klima müssen wir überall aufpassen. Das hat weniger mit der Stadt zu tun. Du kannst überall eins auf die Fresse kriegen“, sagt Edmaier. Mit dem gesellschaftlichen Klima meint er eine bundesweite Stimmung, die sich zunehmend auch gegen queere Menschen richtet. Die Hemmschwelle für entsprechende Taten sinke. Als queer gelesene Person überlege man sich derzeit sehr genau, wann und wo man sich zu erkennen gebe.

Jay und seinem Freund ist es wichtig, nicht nur über die negativen Erfahrungen zu sprechen. Ihre alte Heimat Kapstadt sei zwar sehr queer geprägt. Zugleich halte sich niemand draußen auf, sobald es dunkel werde, die Angst vor Kriminalität sei hoch. Jay liebe die Freiheit, hier anders leben zu können, sagt er. „Als wir angekommen sind, dachten wir: Was für ein reizender Ort“, sagt Jay. Im Bezug auf seine queerfeindlichen Erfahrungen sagt er: „Wir wissen, dass nicht die ganze Stadt so ist. Wir wollen, dass es hier klappt.“ Jay und sein Partner haben sich nun eine neue Wohnung gesucht – sie ziehen nun von Zuffenhausen nach Kaltental.