Für viele bis heute eine Provokation: zwei Händchen haltende junge Männer Foto: dpa

Jethro Escobar Ventura ist Sprecher der schwulen Jugendgruppe Königskinder, die einmal wöchentlich in der Weißenburg tagt. Der Stuttgarter weiß: Homophobie, ob latent oder offen ausgesprochen, macht vielen das Leben schwer.

Stuttgart - „Schämt ihr euch nicht?“ Monate ist es her, dass Jethro Escobar Ventura aus einer Gruppe Jugendlicher heraus dieser Satz entgegengeschleudert wird, aber er klingt bis heute nach. Eigentlich ist es ein toller Tag mit Freunden, die auf dem Rasen auf dem Schlossplatz sitzen und den Sommer genießen. Vor einem nahen Café schlägt die Stimmung um, das Schubsen beginnt. Jethro Escobar Ventura hat die Hand eines Freundes gehalten. Das hat ihn zur Zielscheibe verbaler und körperlicher Attacken gemacht – mitten in Stuttgart.

Jethro Escobar Ventura ist zierlich. Er lacht viel, hält sich dabei eine Hand vor den Mund und zieht die Nase kraus. Manchen ist das zu unmännlich. Zu schwul. „Man kriegt Blicke, vor allem abends. Da kann es sein, dass einer was ruft“, sagt er. Dass seine sexuelle Orientierung, seine androgyne Figur und seine extrovertierte Kleidung andere interessieren, bisweilen reizen, hat er schon früh erfahren. „Du riskierst ein blaues Auge“, stellt er fest. Seit der Pubertät ist ihm klar, dass er auf Männer steht. Als Kind spielt der Bad Cannstatter mit Barbies und probiert gern Kleider an. Statt auf den Bolzplatz zieht es ihn mit neun zum Tanzverein Casino Club Cannstatt. Bis heute trainiert er Standard und Latein auf Turnierniveau. Als er sich mit 17 vor der Mutter outet, ist die konsterniert. Heute weiß er, dass sie Zeit gebraucht und sich insgeheim mit seiner Mitbewohnerin ausgetauscht hat. Das erste gemeinsame Essen mit dem Ex-Freund löst Blockaden. Der Vater, ein gläubiger Mann aus El Salvador, macht erst vor Monaten einen versöhnlichen Vorstoß. „Du bist etwas Besonderes. Pass auf dich auf“, sagt er zu seinem 21-jährigen Sohn.

Homosexuelle sind immer noch Anfeindungen ausgesetzt

Die Wege für homosexuelle Jugendliche sind steinig, und viele gehen sie allein. Seine Erfahrungen gibt Jethro Escobar Ventura im Ehrenamt weiter. Er engagiert sich als Sprecher der Königskinder. Der schwule Jugendtreff der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart kommt jeden Mittwoch in der Weißenburg zusammen, dem Zentrum der Regenbogen-Community. Bis zu 60 junge Männer zwischen zwölf und Mitte 20 kommen. Reden steht auf dem Programm, Kochen oder Partys. Für die Königskinder ist das mehr als ein Freizeittreff. Hier sind andere wie sie. Hier wird nicht geurteilt. Ein geschützter Raum. „Es gibt Menschen, die das brauchen“, sagt Jethro Escobar Ventura. Laut Margret Göth, Diplom-Psychologin beim Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg, haben Studien gezeigt, dass sich Homosexuelle im Schnitt fünf Jahre lang niemandem anvertrauen. „Das sind fünf Jahre Einsamkeit.“ Jethro Escobar Ventura hätte sich gern als Teenie mit Gleichgesinnten ausgetauscht. „Ich wusste nicht, wie schwules Leben aussieht“, sagt er.

Anfeindungen gibt es. Viele. Brigitte Aichele-Frölich aus dem Vorstand des LSVD, dem Lesben- und Schwulen-Landesverband, spricht vor allem von subtilen Diskriminierungen, von Tuscheleien, aber auch von Bedrohungen mit Waffen, von Discoverweisen, von Familienkarten in Freibädern, die Regenbogenfamilien verweigert werden. „Es ist gefühlt mehr, seit es einen Rechtsruck in der Gesellschaft gibt“, sagt sie. Ein Mitglied der Stuttgarter Königskinder ist kürzlich aus einem Auto heraus beworfen worden. Eine Umfrage in der Gruppe hat ergeben, dass kaum einer der Teenies sich traut, öffentlich Händchen zu halten. Die Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar hat jüngst unter dem Motto „Sicher out“ eine Befragung durchgeführt. 61 Prozent von weit mehr als 400 Homosexuellen gaben an, Anfeindungen erlebt zu haben. 89 Prozent halten sich öffentlich mit Zärtlichkeiten, Gay-Symbolen oder extrovertiertem Auftreten zurück. Aus Angst.

Schlimme Grundschulzeit

„Es ist kein Tag vergangen, an dem nicht einer gesagt hat: Boah, das ist voll schwul! Nicht zu mir, aber so, dass ich es gehört habe“, erzählt Jethro Escobar Ventura von seiner Schulzeit auf dem Zeppelin-Gymnasium. Schlimmer noch sei die Grundschulzeit gewesen. Hänseleien, dazu die Rastlosigkeit. „Ich wusste gar nicht, wo ich reinpasse. Wenn ich zu den Mädels gehe, gehöre ich nicht dazu, zu den Jungs aber auch nicht.“ Laut Psychologin Göth sind fünf bis zehn Prozent aller Menschen homosexuell, „sie werden aber nicht repräsentiert. In Schulbüchern sind sicher nicht zehn Prozent homosexuell“, sagt sie.

Heute wirkt Jethro Escobar Ventura gefestigt. Hat er Lust , färbt er sich die Haare lila oder pink oder grün. Seit Kurzem studiert er Kunsttherapie in Nürtingen und träumt davon, an der Hochschule die erste schwul-lesbische Gruppe aufzubauen. Der Bedarf sei da. „Wir sind 50 Erstsemester. Von den vier Männern sind drei schwul“, sagt er. Auch beruflich könne er sich vorstellen, am Thema anzudocken. Erlebnisse wie die Schubserei am Schlossplatz blieben im Bewusstsein eines jeden Betroffenen.

Vorbild für die Gruppe

Jethro Escobar Ventura will keine Kompromisse mehr eingehen. Es sei sein Leben. Den Jugendlichen in der Königskinder-Gruppe wolle er das vorleben. „Es sind die lauten Leute in der Community, die für Veränderung sorgen“, sagt er und glaubt: Es brauche eine Annäherung. Auch im zweiten Jahr nach dem Beschluss zur Ehe für alle herrsche noch viel Unkenntnis. „Es gibt wenig Kontakt. Es fängt damit an, dass viele Leute nicht wissen, was das Armband bedeutet“, sagt er und streicht sich über den Regenbogen-Schmuck am Handgelenk. Jethro Escobar Ventura zeigt auf die bunt gestreifte Fahne, die über den Schultern einer Pappfigur hängt. „Die hat mir eine Freund in der Schule geschenkt. Als ich sie ausgepackt habe, hat ein Mitschüler gefragt, welches Land das ist.“ Jethro Escobar Ventura zieht wieder die Nase kraus. „Ich würde sagen, es ist noch ein langer Weg.“

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