Homophobie-Vorwürfe gegen den Esslinger CVJM: Frühere Pfadfinder bestätigen die Darstellung des betroffenen Benjamin Schiemer. Die CVJM-Leitung bekennt sich zur Aufarbeitung der Vergangenheit und zur Prävention in Zukunft.
Die Vorwürfe gegen den Esslinger CVJM wegen angeblicher Diskriminierung Homosexueller haben einige Resonanz gefunden. Benjamin Schiemer, ein ehemaliger Gruppenleiter der Pfadfinder, hatte im März seine Erfahrungen aus den Jahren vor 2020 beim CVJM publik gemacht. Dessen Leitungsteam bat Schiemer daraufhin um Entschuldigung, dass er „unser Verhalten und manche Aussagen als Diskriminierung erlebt“ habe, bestritt aber jegliche Diskriminierungsabsicht. Den Vorwurf der Homophobie wiesen die CVJM-Leiter „in aller Entschiedenheit“ zurück. Der CVJM sei auch für homosexuelle Menschen offen und verlange von ihnen keineswegs den Verzicht auf eine gelebte homosexuelle Beziehung. Allerdings gebe es innerhalb des CVJM ein breites Spektrum an Haltungen und Überzeugungen.
Zumindest scheint Schiemer kein Einzelfall gewesen zu sein. Nach der Veröffentlichung der Vorwürfe in unserer Zeitung schilderte die ehemalige CVJM-Mitarbeiterin Julia Bender in einem Leserbrief, wie sie und andere Gruppenleiter 2010 auf „vehementen Widerstand im CVJM“ gestoßen seien, als sie einen homosexuellen Koch in ein Zeltlagerteam aufnehmen wollten.
Abspaltung von Pfadfinderinnen und Pfadfindern
Auch die Abspaltung etlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder vom CVJM im Jahr 2021 hat laut Beteiligten unter anderem den Umgang mit sexueller Vielfalt als Hintergrund. Emily Hinderer, Elias Geiger und Corvin Roelofsen gehören zu denen, die vor drei Jahren gegangen sind. „Wir waren enttäuscht, wie mit Benjamin umgegangen wurde – und generell mit dem Thema Homosexualität“, sagt Geiger. Alle drei widersprechen der Darstellung, Schiemer sei „die einzige Person gewesen, die diskriminierende Aussagen gehört und als solche wahrgenommen hat“. Diese Äußerungen werden von der CVJM-Leitung teils bestritten, teils als unterschiedliche Erinnerung gewertet, teils eingeräumt. Hinderer, Geiger und Roelofsen versichern, sie hätten viele der Aussagen selbst gehört und könnten die diskriminierenden Inhalte bezeugen.
„Absolute Notwendigkeit, Vergangenheit aufzuarbeiten“
Anlass für eine Aufarbeitung der CVJM-Vergangenheit? Ja, sagt das Esslinger CVJM-Leitungsteam auf Anfrage unserer Zeitung. „Wir sehen eine absolute Notwendigkeit und haben die volle Bereitschaft, die Vergangenheit aufzuarbeiten“, heißt es in der gemeinsam unterzeichneten Antwort.
Konkreter Anlass für die Pfadfinder-Sezession vor drei Jahren – laut Elias Geiger haben rund 50 von insgesamt 200 bis 250 Pfadfindern dem CVJM den Rücken gekehrt – war der Austritt des CVJM aus dem evangelischen Verband christlicher Pfadfinder*innen (VCP) im Rahmen eines „Prozesses“ der „inhaltlichen und strukturellen Neuausrichtung“, wie die Leitung des CVJM mitteilt. In diesem Prozess sei sexuelle Vielfalt kein Thema gewesen. Für Hinderer, Geiger und Roelofsen war sie das sehr wohl – im Zusammenhang mit religiös konservativen Positionen im CVJM, die sie als „Machtstrukturen“ erfahren hätten, erklärt Roelofsen. „Die meisten auch heute noch Verantwortlichen im CVJM Esslingen gehören dieser Richtung an. Und diese Leute sitzen immer am Ende von Diskussionen und Entscheidungen.“ Hinderer sagt, die CVJM-Leiter hätten sich offen gegeben, „aber im zwischenmenschlichen Umgang waren sie es nicht.“ Der VCP hingegen stehe für Diversität. Gleichwohl sei ihnen der Abschied schwer gefallen, denn im CVJM, so Roelofsen, „wird auch supergute Jugendarbeit gemacht.“ Umso bedauerlicher sei es, dass die Kritik an dem Verein jetzt auch auf tolerante und weltoffene Engagierte im CVJM einen Schatten werfe.
Den Spieß umgedreht
Die CVJM-Leitung wiederum dreht bei der Frage nach konservativen Positionen in den eigenen Reihen den Spieß um: „Wir diskriminieren niemanden aufgrund seiner Meinung oder theologischen Überzeugung.“ Sensible Themen etwa der sexuellen Orientierung würden nicht in größeren Gruppen angesprochen. Zur Prävention gegen Diskriminierung schule der CVJM die Mitarbeiter „hinsichtlich Achtsamkeit, Toleranz und Sensibilität gegenüber Menschen jeglicher sexueller Orientierung“. Mitarbeiter würden ebenfalls geschult, „Diskriminierung frühzeitig wahrzunehmen und ihr entgegenzutreten“. Das Konzept sei im vergangenen Jahr von der Universität Ulm geprüft und für gut befunden worden. Es werde stetig weiterentwickelt. Bereits seit einigen Jahren gebe es ein ehrenamtliches Präventionsteam, dem die CVJM-Leitung nicht angehöre.
Wie dringlich der kritische Blick zurück und der präventive nach vorn ist, zeigt neben den Vorgängen selbst auch die klare Ansage der Stadt Esslingen, die bei drei Jugendtreffs mit dem CVJM kooperiert. Sozialbürgermeister Yalcin Bayraktar weist zwar darauf hin, dass in diesen Einrichtungen „keine Diskriminierungsvorfälle bekannt seien“. Er betont aber auch: „Als Stadtverwaltung lehnen wir jede Form von Diskriminierung entschieden ab.“ Bei von der Stadt mitfinanzierten Projekten „fordern wir dies entsprechend ein“. Oberbürgermeister Matthias Klopfer sagt: „Es macht mich nachdenklich, traurig und sprachlos, dass sich Menschen, die homosexuell sind, offensichtlich auch heute noch erklären oder sogar rechtfertigen müssen.“ Denjenigen, die in Kirchen, Organisationen oder Vereinen Homosexuelle diskriminieren, möchte Klopfer „unser Grundgesetz, Artikel 1, ans Herz legen: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das Grundgesetz steht über Kirchenrecht oder persönlicher Meinung.“
Der Esslinger CVJM
Gründung
Der CVJM Esslingen – damals hieß er wie der Gesamtverband noch Christlicher Verein Junger Männer – wurde 1872 gegründet. Er ist damit nur 28 Jahre jünger als der erste CVJM überhaupt, der in London entstand. In Deutschland nannten sich die Vereine im Lauf der 1970er Jahre in „Christlicher Verein junger Menschen“ um.
Gegenwart
Heute ist der Esslinger CVJM der größte Jugendverband der Stadt mit einer Vielzahl an Gruppen und Angeboten.