Der Esslinger CVJM heißt Homosexuelle ebenso wie alle anderen willkommen. Ein Betroffener hat vor sechs Jahren anderes erlebt. Foto: Ines Rudel

Ein früherer ehrenamtlicher CVJM-Mitarbeiter fühlt sich wegen seiner Homosexualität diffamiert. Die Vorgänge liegen schon einige Jahre zurück, wurden aber jetzt erst publik. Der CVJM Esslingen räumt Fehler ein, moniert aber „verkürzte und falsche Aussagen“.

Sonderbehandlung, Kontrolle, homophobe Äußerungen: Schwere Vorwürfe erhebt ein ehemaliger ehrenamtlicher Mitarbeiter gegen Leitungspersonen des Esslinger CVJM. Als Homosexueller sei er von hauptamtlichen Mitarbeitern diskriminiert worden, sagt Benjamin Schiemer. Die Vorfälle liegen bereits einige Jahre zurück. Warum er sie erst jetzt publik macht, erschließt sich aus der Geschichte selbst.

 

Mit neun Jahren, erzählt Schiemer, kam er zum Esslinger CVJM, hat dort viele Freunde gefunden, arbeitete später als Ehrenamtlicher in Kinder- und dann vorwiegend in Pfadfindergruppen. 2020 hat er den CVJM verlassen. Er wurde nicht rausgedrängt, im Gegenteil: „Die zuständige Referentin hat mich aufgefordert zu bleiben, aber im selben Atemzug von einem ,gesunden Lebensstil’ gesprochen, den Gruppenleiter vorleben müssten, und davon könne bei jemandem, der in einer homosexuellen Beziehung lebt, ja keine Rede sein.“ Schiemer hat sich an die Antidiskriminierungsstelle Esslingen bei der Arbeiterwohlfahrt (ADES) gewandt. Sophia Hartlieb von ADES bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass es sich eindeutig um Diskriminierung im rechtlichen Sinn handle. Schiemer und die ADES traten daraufhin in Kontakt mit dem CVJM. Vertreter der Evangelischen Landeskirche wurden hinzugezogen. Ziel war eine Entschuldigung des CVJM sowie dessen Zusicherung, „Maßnahmen zu ergreifen, damit künftig keine Diskriminierung mehr vorkommt“, wie Schiemer sagt.

Tatsächlich hat sich der CVJM mehrfach entschuldigt. Schiemer hat die Entschuldigungen nicht angenommen. Begründung: „Sie haben sich nicht für die Diskriminierung entschuldigt, sondern nur dafür, dass ich sie als diskriminierend wahrgenommen habe. Insofern sei mit mir ,falsch’ umgegangen worden. Von den diskriminierenden Aussagen selbst haben sie sich nie distanziert.“

CVJM: Wir haben aus den Fehlern gelernt

Nachdem eine Verständigung aus seiner Sicht gescheitert war, veröffentlichte Schiemer Anfang März seine Schilderungen im Internet. Der CVJM hat ebenfalls im Netz mit einer Stellungnahme reagiert. Dort heißt es: „Der betroffene Mitarbeiter hat unser Verhalten und manche Aussagen als Diskriminierung erlebt. Das tut uns sehr leid, und wir haben ihn dafür um Entschuldigung gebeten.“ In einem Statement räumt das CVJM-Leitungsteam auf Anfrage unserer Zeitung „Fehler“ ein, betont aber: „Wir haben aus den Fehlern gelernt und Dinge verändert.“ Es gebe „vonseiten des CVJM keine Forderung, Homosexualität nicht in einer Beziehung zu leben. Den Vorwurf der Homophobie weisen wir in aller Entschiedenheit zurück.“ Homosexuelle Menschen seien – wie alle anderen – im CVJM Esslingen herzlich willkommen.

Benjamin Schiemer hat es zumindest vor fünf, sechs Jahren anders erlebt. Greifbar wurden für ihn die Vorbehalte gegenüber Homosexuellen zunächst in einem diffamierenden Vergleich, den er 2016 zu hören bekam, als er sich einer hauptamtlichen Mitarbeiterin anvertraute: Nach einem Bekenntnis zur Ehe zwischen Mann und Frau habe sie betont, dass homosexuelle Mitarbeiter im CVJM kein Problem seien. Man müsse nur darauf achten, was sie den Kindern vorlebten – so, wie man das auch bei Rechtsextremen tun würde.

Homosexuelle therapieren? Energisches Dementi vom CVJM

Zum Knackpunkt wurde für Schiemer ein Mitarbeiterabend im Juli 2018. Auf der Basis eines Schriftstücks, das Schiemer laut eigener Aussage vorliegt und das von einem Mitglied des damaligen Leitungsteams gut geheißen worden sei, leitete ein Hauptamtlicher den Abend. Zunächst habe er Homosexualität in die Nähe von Mord, Ehebruch und Pädophilie gestellt. Dann habe er behauptet, Homosexuelle würden alles tun, um ihre Sexualität hemmungs- und schrankenlos auszuleben. Auch könne man mit ihnen als Betroffenen nicht sachlich über Homosexualität reden. Angeboren sei diese jedenfalls nicht. Die „Fähigkeit“ zur heterosexuellen Ehe sei „eine kulturelle Leistung, für die es sich lohnt, Ängste zu überwinden und sich anzustrengen“, zitiert Schiemer aus dem Skript. Begründet habe der referierende Mitarbeiter seine Haltung mit Bibelstellen sowie angeblichen „wissenschaftlichen Fakten“. Gott liebe auch die Homosexuellen, aber gerade deshalb wolle er, dass sie zur Heterosexualität umkehren. Schließlich, so Schiemer, habe der Gesprächsleiter auf eine Organisation hingewiesen, die sogenannte Konversionstherapien anbietet – Methoden zur heterosexuellen Umpolung von Homosexuellen, wie sie mittlerweile in zahlreichen Ländern ganz, in Deutschland seit 2020 teilweise gesetzlich verboten sind.

Im Statement des CVJM-Leitungsteams wird diese Darstellung energisch dementiert: „Wir wehren uns gegen den Vorwurf, dass wir Therapien für Homosexuelle beworben oder gar durchgeführt hätten. Diese Aussage ist falsch, und wir haben keinerlei Kenntnis, dass jemand im CVJM dies getan hätte.“ Schiemer indes versichert, er sei auch nach dem Mitarbeiterabend von einer Hauptamtlichen auf „Therapiemöglichkeiten“ hingewiesen worden. In puncto Vorbildcharakter habe sie Homosexualität bei Gruppenleitern mit übermäßigem Alkoholkonsum verglichen.

Aus der Bibel zitiert

Etliche Schilderungen Schiemers weist der CVJM als „verkürzt“ oder „falsch“ zurück. Weder habe es einen Vergleich Homosexueller mit Rechtsextremen gegeben, noch sei von einem „gesunden Lebensstil“ die Rede gewesen. Der Referent beim Mitarbeiterabend habe Homosexuelle nicht in die Nähe von Mord, Ehebruch und Pädophilie gerückt, sondern Bibelzitate zur Thematik genannt. Um Pädophilie sei es dabei überhaupt nicht gegangen. Die Äußerung über schrankenlose Sexualität habe sich nicht auf Homosexuelle bezogen, sondern auf „eine kleine Gruppe von Menschen mit ganz unterschiedlichen sexuellen Orientierungen“. Auch dass Gott eine Umkehr Homosexueller zur Heterosexualität wolle, sei nie gesagt worden.

Die Frage nach dem Gewicht evangelikal-konservativer Positionen im CVJM beantwortet das Leitungsteam ausweichend: Der CVJM Esslingen sei „eine bunte und vielfältige Gemeinschaft mit heterogenen Meinungen zu vielen theologischen, gesellschaftlichen und ethischen Themen. Wir halten diese Spannung gemeinsam in Liebe aus.“

Der Esslinger Pfarrer Matthias Hestermann, Beauftragter der Landeskirche für Homosexualität und Kirche in der Prälatur Stuttgart, sagt, bei dem Mitarbeiterabend 2018 „wurden nach mir schriftlich vorliegenden Informationen Aussagen über Homosexualität getätigt, die nach dem Stand der Wissenschaft eindeutig falsch sind und darüberhinaus von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen als massive Diskriminierung erlebt werden müssen“.

Auch Ursula Kress, im Oberkirchenrat Beauftragte für Chancengleichheit, spricht von „Diskriminierung“. Ziel müsse sein, „durch offenen Dialog, Aufklärung und Abbau von Vorurteilen, gemeinsam eine Kirche der Diversität zu gestalten“. Das blockiere aber die in Württemberg stark vertretene evangelikal-pietistische Richtung, sagt Hestermann. Den Konservativen in Kirche wie Esslinger CVJM attestiert er die „schizophrene Haltung“, Homosexualität als Sünde zu brandmarken, eine Diskriminierung aber zu leugnen. Ähnliches gelte für die katholische Kirche mit ihrem Verbot des Priestertums der Frau. Dem CVJM nimmt Hestermann einen Wandel zu mehr Toleranz ab, empfiehlt aber namentlich der Stadt Esslingen, die eng mit dem CVJM kooperiert, Vorsicht: Falls im CVJM immer noch Homosexualität abgewertet werde, „müsste die öffentliche Hand meines Erachtens gut überlegen, ob sie weiterhin einen Verein bezuschusst, der damit gegen das grundgesetzlich geschützte Diskriminierungsverbot verstößt.“

Was ist Diskriminierung?

Definition
 Diskriminierung im rechtlichen Sinn ist eine Ungleichbehandlung, eine Beschränkung oder ein Ausschluss von Menschenrechten aufgrund von Rassen- oder Religionszugehörigkeit, ethnischer Herkunft, Weltanschauung, Geschlecht, Behinderung, Alter oder sexueller Orientierung.

Fall
 Laut Sophia Hartlieb von der Antidiskriminierungsstelle Esslingen ist Benjamin Schiemer im CVJM schwer diskriminiert worden. „Es liegt uns fern“, so Hartlieb, „religiöse Überzeugungen in Frage zu stellen. Aber der CVJM müsste offen kommunizieren, was diese Überzeugungen für Homosexuelle bedeuten.“