Die beschmierte Stele am Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz unweit des Marienplatzes in Stuttgart-Süd löst Bestürzung aus. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Unbekannte haben die Gedenktafel zu Ehren von Karl Heinrich Ulrichs in der Nähe des Marienplatzes besudelt. Naheliegend ist Homophobie als Tatmotiv – Ulrichs war ein Vordenker für die Gleichberechtigung sexueller Minderheiten.

Stuttgart - Die Gedenktafel zu Ehren des Juristen Karl Heinrich Ulrichs, eines Vorkämpfers für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen, im Stuttgarter Süden wurde vermutlich in der Nacht auf Samstag von Unbekannten mit blauer Farbe beschmiert. Sie war nur wenige Monate zuvor von der Stadt Stuttgart feierlich auf dem gleichnamigen Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz eingeweiht worden, der sich in unmittelbarer Nähe zum Marienplatz gegenüber des Theaters Rampe befindet. Ob die Tat homophob motiviert war oder ihr reine Zerstörungslust zugrunde liegt, vermögen Polizei und Stadt zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht zu sagen.

Die Patenschaft für die Stele hat der Trägerverein des Christoper Street Days (CSD) Stuttgart übernommen, womit er für deren Erhaltung zuständig ist. Bei der Polizei ist allerdings noch keine Strafanzeige – etwa wegen Sachbeschädigung – eingegangen. Insofern stellt sie auch noch keine Mutmaßungen an, was das Motiv gewesen sein könnte.

In sozialen Netzwerken macht indes ein Foto der besudelten Stele die Runde, einige Politiker, die sich wie der Besudelte selbst ebenfalls für die Rechte sexueller Minderheiten einsetzen, sind empört. „Ob es jetzt eine gezielte Schändung war oder nicht: So eine Tat ist respektlos gegenüber einem Kämpfer für Toleranz und Vielfalt“, sagt Brigitte Lösch, Landtagsabgeordnete und queerpolitische Sprecherin der Grünen, unserer Zeitung.

Homosexualität nannte Ulrichs „Uranismus“

Verhalten wie dieses zeigten einmal mehr, wie wichtig es sei, sexuellen Minderheiten im baden-württembergischen Bildungsplan und in Fragen der politischen Bildung Raum zu geben. „Ich hoffe, dass der Verantwortliche schnell ermittelt wird“, sagt Lösch.

Der sich offen zu seiner Homosexualität bekennende Karl Heinrich Ulrichs starb 1895 in Italien, nachdem er Deutschland wegen zunehmender staatlicher Repressalien verlassen hatte. Er sprach sich bereits damals für die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Eheschließungen aus, was zu dieser Zeit ein Skandal war. Ulrichs nannte gleichgeschlechtliche Liebe „Uranismus“, da es das Kunstwort Homosexualität noch nicht gab. Zu Lebzeiten ein Außenseiter, gilt Ulrichs heute als Pionier auf dem Feld der Sexualwissenschaft.

Karl Heinrich Ulrichs lebte von 1870 bis 1880 in der Stuttgarter Kienestraße und in der Silberburgstraße, wo er seine aus heutiger Sicht wichtigsten Schriften verfasst hatte. 2015 wurde der Platz mit der Begründung nach ihm benannt, dass es in Stuttgart bis dahin keinen Platz gab, an dem Menschen gewürdigt werden, die sich für die Rechte von sexuellen Minderheiten eingesetzt haben. Die Stele folgte im Juli 2018.

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