Tatjana (links) und ihre Schwester Tamara Link beim Lernen am Esszimmertisch. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Seit drei Wochen lernen Schüler in Baden-Württemberg inzwischen in den eigenen vier Wänden. Den Alltag unserer Autoren hat das ganz schön durcheinander gebracht. Hier berichten sie, wie die virtuellen Schulstunden ihrer Kinder aussehen.

Stuttgart - Nicht nur an die Lernplattform Moodle haben sich unsere vier Autoren in den letzten Wochen gewöhnt. Auch mit dem Unterricht zuhause haben sie inzwischen so ihre Erfahrungen gemacht:

 

Matheunterricht live per Videochat

Selten haben sich Sechstklässler so auf den Matheunterricht gefreut! An Tag 4 des Corona-Heimunterrichts steht die Premiere an: digitale Mathestunde mit der ganzen Klasse – live, mit Bild, Ton und Whiteboard, auf dem man schreiben kann. Nach den ersten Lerntagen zu Hause mithilfe von Arbeitsblättern wird das ein Schul-Highlight in der Corona-Isolation. Pünktlich um 8 Uhr tauchen im digitalen Konferenzraum die Klassenkameraden und der Lehrer auf. Die Freude ist riesig – und anschließend wird tatsächlich zwei Schulstunden lang konzentriert gearbeitet.

Während die 16-jährige Schwester sich ihr Material von der digitalen Plattform Moodle herunterladen und ihre Arbeitsnachweise fristgerecht wieder hochladen muss, bekommt der Elfjährige zweimal in der Woche seine Mathestunden live am Laptop oder Smartphone. Alle Schüler sind nach schriftlicher Einwilligung der Eltern mit an Bord und kommen nach wenigen Minuten alleine mit der Nutzung klar.

„Bei dem Programm läuft alles intuitiv und einfach ab, und man ist nicht ständig mit der Technik beschäftigt“, bilanzieren Mathelehrer Tobias Schulze und Physiklehrer Harald Hochwald vom Schickhardt-Gymnasium in Stuttgart. Die Pädagogen haben die digitale Initiative kurz nach dem Lockdown selbst ergriffen, ein passendes Format gesucht und die Lizenz für die nicht öffentliche Zoom-Programmversion selbst gezahlt. Auch seinen Mathe-Leistungskurs bereitet Schulze zurzeit mit Videokonferenzen auf das Abitur vor.

Stefanie Keppler
(47) bestreitet zurzeit auch täglich das Online-Sportprogramm ihrer Kinder.

Lernplattformen am Limit

„Skizziere den Kegel von der Seite als Dreieck mit der Spitze nach unten“ – ähnlich lautende Mails haben viele Eltern mit Kindern auf weiterführenden Schulen im elektronischen Briefkasten. Da Mails als Wegweiser im digitalen Unterricht allerdings nicht geeignet sind, gibt es die Lernplattform Moodle. Zu Beginn der Corona-Krise glich der Versuch, auf diese Plattform zuzugreifen, dem Vorhaben, Karten für ein Rammstein-Konzert zu kaufen. Die Server kollabierten unter dem Ansturm, die Erregung bei Eltern, Experten und Medien war groß. Mittlerweile läuft Moodle problemlos und beweist, was man schon vorher wusste: Jene Lehrer (und das sind die meisten), die in Vor-Corona-Zeiten einen engagierten und kreativen Unterricht machten, schaffen das jetzt auch. Andere dagegen . . . nun ja.

Allerdings: Wer als Elternteil ins kalte Homeschooling-Becken geworfen wird, kratzt schnell am Limit seiner Fähigkeit zum Multitasking. Zwischen Einkaufen, Kochen und Telefonaten noch bei der Präsentation in Neuerer Geschichte oder der Berechnung von Gewässer-Fließgeschwindigkeiten beratend einzugreifen, bringt die Stabilität der Lernplattform Familie ans Limit.

Martin Gerstner
(59) findet Homeschooling gut: Man muss morgens kein Vesper vorbereiten.

Kopfrechnen beim Spaziergang

Nanuk heißt der Klassenpinguin meiner Tochter. In regelmäßigen Abständen kommen Mails von ihm. Auch im Morsealphabet. Nanuk schreibt, dass er gerade sehr einsam im Klassenzimmer sei und er die Kinder vermisse. Meine Tochter mag Nanuk sehr. Natürlich fallen einer Erstklässlerin viele Dinge ein, die sie lieber macht, als das „ie“ zu schreiben, Zahlensprünge aufzumalen oder Witze abzuschreiben. Nach zwei, drei Wochen haben wir unsere Routine: Per Video wird anderen Erwachsenen vorgelesen, Kopfrechnen geht auch beim Spaziergang. Von der Lehrerin gab es extra Arbeitsblätter und einen Anruf, wie es mit dem Unterricht zu Hause läuft. Die Eltern lernen viel in diesen Tagen und sind froh, dass es sich nur um Stoff der ersten Klasse handelt. Das Kind lernt wiederum auch anderes: wie man Apfelmus macht, Brot backt, welche Vögel im Garten nach Nahrung suchen. Alle sind froh, wenn der Ausnahmezustand ein Ende hat und es ein Wiedersehen mit Nanuk gibt.

Anja Wasserbäch
(40) fand Schule immer ganz gut, vor allem, um ihre Freunde zu sehen.

Der Druck der Lehrer ist wichtig

Einen Berg von Arbeit tragen beide mit in die Osterferien: die Geschwister Tatjana (17) und Tamara Link (14), Elftklässlerin an einem Gymnasium und Achtklässlerin an einer Realschule in Stuttgart, sind mit dem auferlegten Arbeitspensum längst nicht fertig. Die eine soll sich für Gemeinschaftskunde noch durch einen Berg von Arbeitsblättern zu Hartz IV arbeiten, die andere schiebt einige Buchseiten in Chemie vor sich her.

Die ältere Schwester lobt zunächst die Lehrer: „Wir haben die Lernplattform Moodle, und alle 28 in der Klasse sind verbunden mit Microsoft Teams. Das war gut, wie die Lehrer das auf die Schnelle hinbekommen haben.“ Auf Teams werden gelegentlich sogar Referate im Livechat präsentiert. Am besten seien die Ergebnisse, sagt Tatjana, bei einer Echtzeitkontrolle durch die Lehrer: Wenn wie im Fach Mathe zeitgleich zur Uhrzeit im Stundenplan die Hausaufgaben hochgeladen werden und ein Anwesenheitsnachweis online auszufüllen ist. Der Druck der Lehrer sei wichtig, an der langen Leine gelassen funktioniere das Homeschooling nicht so recht.

„Man verlangt von uns jetzt sehr viel Selbstständigkeit, viele von uns überfordert das“, sagt Tamara. Aufgaben bekommt sie nur einmal pro Woche über das Intranet der Schule. Moodle gibt es hier nicht, ein Feedback ist nur über eine Mail an die Lehrer möglich. Tamara hat noch nie eine abgeschickt. „Wir Teenager haben viel Ablenkung durch Social Media“, sagt Tamara, da falle die Konzentration allein schwer. Sie wünscht sich den echten Unterricht zurück.

Christoph Link
(61) lernt von seinen beiden Töchtern derzeit viel über iPhones und Instagram.