Ein Termin am Stuttgarter Landgericht ist für unseren Redakteur ziemlich nervenaufreibend geworden. Foto: dpa/Marijan Murat

Wo ist denn hier eine Steckdose? Auch das Arbeiten außerhalb des Homeoffices kann seine Tücken haben, wie unser Redakteur bei einem Termin am Landgericht feststellen musste.

Stuttgart - Außentermine, vor Monaten noch das Schwarzbrot des Lokaljournalisten, sind rar geworden. Bis auf wenige Ausnahmen – wie zum Beispiel die Eröffnung eines Mordprozesses am Landgericht Stuttgart. Zu dieser Gelegenheit wagt sich die schreibende und radiomachende Zunft ins Freie. Wobei das „frei“ relativ zu verstehen ist. Jeder, der das Gerichtsgebäude betreten will, wird von freundlichen, aber bestimmten Wachtmeisterinnen mit Mundschutz gemustert, nach dem Wohlbefinden und zu möglichen Kontakten mit Infizierten befragt. Ob wohl auch die Bösewichte, die wegen Urkundenfälschung oder Betrugs hier sein müssen, jene Fragen wahrheitsgemäß beantworten?

Protest gegen den Mundschutz

Im Gerichtssaal angekommen, bietet sich ein seltsames Bild: Absperrbänder, kunstvoll so gespannt, dass die ersten Zuschauerreihen gar nicht nutzbar sind. Und auch bei den übrigen Sitzen bleibt jeder zweite leer, damit ein wenig Abstand gewahrt bleibt. Außerdem herrscht im Saal Maskenpflicht.

Eine knappe halbe Stunde nach Verhandlungsbeginn geht dann geräuschvoll die Türe auf: Eine Gruppe Zuhörer will sich den Mordprozess nicht entgehen lassen. Soweit, so gut. Nur einer von ihnen mag partout seine Schutzmaske nicht aufsetzen. Erst als die Vorsitzende Richterin ihn mehrfach ermahnt, zieht er widerwillig das Stück Stoff vor die Nase. Später bricht er eine Diskussion mit einem Wachtmeister vom Zaun: Warum denn die Richterin keinen Mundschutz tragen müsse. Und überhaupt, Unverschämtheit.

20 Minuten bis zur Deadline

Als die Verhandlung – hoffentlich infektionsfrei – zu Ende gegangen ist, fangen die Herausforderungen aber erst an. Denn der Laptopakku macht schlapp, Altersschwäche. Kann passieren, zum Glück findet sich auf dem Landgerichtsflur eine Steckdose. Nur schließt das Gericht genau jetzt seine Pforten – aber in der Landeshauptstadt irgendwo Strom zu finden kann ja nicht so schwer sein. Denkste – ein Kollege ruft an: Deadline für die fertige Langfassung des Textes ist in rund 20 Minuten. Okay, wird schon sportlich. Aber wozu gibt es denn eine Lokalredaktion in der Innenstadt? Ach, die ist auf Homeoffice umgestellt und damit für mich ohne Schlüssel nicht zugänglich. Cafés und Bars dürfen niemanden hinsitzen lassen. Auch da gibt’s also nix zu holen.

Zum Schluss wirft mich Corona zurück zu Arbeitsmethoden wie anno dazumal: Ich setze mich, zehn Minuten vor Deadline, ins Auto, während kalter Nieselregen auf der Windschutzscheibe meine Misere noch etwas betont. Ich greife wie ein Neandertaler in gekrümmter Haltung zu Stift und Papier und bringe ein paar Sätze aufs Blatt, die ich dann der freundlichen Spätdienstkollegin per Fernsprecher – zum Glück funktioniert immerhin das Handy noch – durchgebe. Auf die Minute genau erreicht der Artikel die benötigte Länge. Wenn ich mich das nächste Mal in die Stadt wage, nur noch mit einem Überlebensmobil. Mit Notstromaggregat. Gelobt sei das Homeoffice – Steckdosen habe ich hier jedenfalls genug.

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