Ein rotes Tor führt in das alte Fachwerkhaus am Herrenberger Marktplatz. Hin und wieder öffnet Michael Krauß es für die Öffentlichkeit.Foto: Stefanie Schlecht Foto:  

Michael Krauß liebt alte Häuser, die Geschichten erzählen. In Holzgerlingen und Herrenberg verleiht er zwei denkmalgeschützten Fachwerkhäusern neuen Glanz – und erhält das Unperfekte.

Michael Krauß’ Auge ist geschult für das Schöne, das Besondere. Als Grafiker und Produktdesigner hat er in Amerika, Ludwigsburg, der Schweiz und in Berlin gearbeitet. Auch zurück in seiner Heimat beschäftigt er sich mit dem Schönen und Besonderen, allerdings in einem anderen Bereich: Krauß renoviert alte, denkmalgeschützte Fachwerkhäuser. Eines in Holzgerlingen, eines in Herrenberg. Ohne Investor, sondern als Privatmann, der das Alte liebt. Sein Antrieb? „Das Geschichtliche zu erhalten, es zu bewahren“, sagt Krauß.

 

Das Holzgerlinger Gebäude steht an der Hinteren Straße und wurde 1685 erbaut. Rundherum sind die meisten alten Häuser abgerissen; das Fachwerkhaus steht inmitten der Neubauten und sticht als Insel von Geschichte und Tradition heraus. Es gehörte einst Krauß’ Großvater, als Kind besuchte er dort oft den Opa in seiner Werkstatt. Als die Familie über einen Verkauf nachdachte, erwarb er es und zog von Berlin nach Holzgerlingen, um das Haus zu renovieren.

Behutsame Renovierung: Alte Balken, moderne Technik

Heute steht ein hübsch herausgeputztes Gebäude da, dessen alte Balken gesund strahlen. „Hinter den Kulissen ist die neuste Technik verbaut. Das Haus scheint alt, hat aber den Komfort von heute“, sagt Krauß. Die Liste an handwerklichen Maßnahmen, die er teils mit eigenen Händen ausführte, ist lang. Die Mauern wurden unterfangen, Elektrik- und Wasserleitungen erneuert, Teppichböden rausgerissen, Balken gebürstet, Stahlträger eingezogen.

Das Holzgerlinger Gebäude wurde 1685 erbaut. Foto: Stefanie Schlecht

Er machte sich auf die Suche nach Dreh-Lichtschaltern und ersetzte Türen aus den 1960ern durch historische. Er fuhr in den Schwarzwald, fand dort alte Biberschwanz-Ziegel und bürstete sie sauber. Für die Schaufenster beauftragte er eine Fachfirma, die die großen Scheiben mit leichten Unebenheiten anfertigte – „wie damals“. Er ging über die vom Denkmalschutz geforderten Maßnahmen hinaus, weil er findet: „Es lebt von solchen Details.“ Schiefe Böden, krumme Türrahmen beließ er, denn: „Ich mag das Unperfekte, das Morbide.“

Die Renovierung ist fast fertig: Im Erdgeschoss hat zu Beginn des Jahres das Lokal Pasti eröffnet, im ersten Stock ist ein Veranstaltungsraum, den Krauß bald mit Leben füllen will. Im zweiten Stock befindet sich eine Wohnung, die nächstes Jahr bezogen werden kann.

Herrenberger Geschichte wiederbeleben

Nicht so weit fortgeschritten sind die Arbeiten an dem Fachwerkhaus in Herrenberg, das Krauß 2021 aus Privatbesitz erwarb. Das Haus von 1664 steht am Marktplatz und ist ein Gebäude, das jeder im Ort kennt. Bei Stadtführungen wird dort Halt gemacht und von seiner Geschichte als Handelshaus erzählt, in dem Hans Jakob und Johann Jakob Khönle im 17. und 18. Jahrhundert erfolgreich Kaffee, Tabak, Eisenwaren, orientalische Gewürze und Chinaporzellan vertrieben. „Ich sehe es als halb-öffentliches Gebäude, weil es für Herrenberg geschichtlich von Bedeutung ist“, sagt Krauß, der im Stadtarchiv über das Haus recherchierte. Er bedauert, dass andere Immobilienbesitzer am Marktplatz achtlos modernisierten. „So blutet das Geschichtliche aus.“ Auch sein Haus am Marktplatz 6 sei beim Kauf „seelenlos“ gewesen, teils vermüllt. Krauß beauftragte Fachleute, die aus Balken Holzproben entnahmen, um das Alter zu ermitteln, ließ Böden und Decken entfernen und legte dabei eine Stuckdecke und Fliesen aus dem 17. Jahrhundert frei, fand alte Firmenschilder oder ein eingemauertes Herz, dessen Bedeutung er noch erforscht. „Es kamen so schöne Sachen zum Vorschein“, schwärmt er. „Das ist alles steinalt, was man hier sieht.“

Im historischen Gebäude am Marktplatz vertrieben Hans Jakob und Johann Jakob Khönle einst ihre Waren. Foto: Stefanie Schlecht

Es bleibt viel zu tun. Krauß schätzt, dass die Renovierung noch zwei Jahre andauern wird. Anschließend können über dem Marktcafé, das im Sommer 2024 neu eröffnete, drei Wohnungen bezogen werden. Die Öffentlichkeit hat aber nicht nur über das Café Zugang zum Gebäude, sondern auch über ein rotes Tor an der Seite. Wer es durchschreitet, kommt in einen heimeligen Bereich mit freigelegten Holzbalken. Krauß nennt den Raum „Rotes Tor“ und öffnet ihn seit drei Jahren zur Weihnachtszeit mit einem Mini-Adventsmarkt. Dieses Jahr zum ersten Mal auch an Heiligabend, um dort wie in anderen Städten einen Heiligen Morgen zu etablieren. Wer Lust hat, kann auf ein Getränk vorbeikommen oder letzte Geschenke kaufen – es gibt Wein und Gewürze „wie bei Khönle“.

Langfristig möchte Krauß das Rote Tor auch samstags öffnen und noch mehr Produkte, die an den Khönle-Handel erinnern, verkaufen. Außerdem plant er, Lesungen oder Kunst-Workshops ins Haus zu holen. Ideen hat Krauß viele, für die Umsetzung hofft er, einen Investor zu finden. „Ich bin der Kreative, aber ich bin nicht der Kaufmann“, sagt er. Allein die Liebe an den historischen Gebäuden reiche nicht aus, es müsse auch wirtschaftlich sein. 

Nicht alles läuft reibungslos

Gerichtsstreit
Mit Blick auf den Denkmalschutz sagt Michael Krauß: „Wir sind weitergegangen, als wir mussten, vieles hätte ich gar nicht machen müssen.“ Deshalb ärgere ihn, dass ihm Fördermittel gestrichen worden seien, weil er die Entfernung von gesundheitsgefährdendem Schimmel in Auftrag gegeben hatte, bevor er die Förderzusage vorliegen hatte. Dagegen klage er, „das liegt gerade beim Verwaltungsgericht“.

Unterstützung
Krauß ist dankbar, die Stadt wohlwollend auf seiner Seite zu wissen. Gleichwohl sagt er: „Es ist schade, dass der Fruchtkasten so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass andere wichtige historische Projekte nicht die Bedeutung finden, die ihnen eigentlich zustehen, zum Beispiel auch die Alte Apotheke.“