Monströse Mähdrescher oder Maishäcksler hat man schon gesehen. Ein anderer Landwirtschafts-Gigant arbeitet im Verborgenen. Ihm nahe zu kommen, ist lebensgefährlich. Im Münsinger Stadtwald mit einem 26-Tonnen-Harvester.
Ein Banner ist über den Waldweg gespannt: „Halt! Baumfällungen! Lebensgefahr!“ Frederic Huber kann sich mit seinem dreckverkrusteten Skoda gerade so drunter durchschlängeln. Revierförster Schemmann ist auch da. Er hat schon die Bäume markiert, die weg sollen. Jetzt verteilt er Helm und Warnweste. Im Wald ist man per Du. Wieso eigentlich scheint einem alles Förmliche hier so unangebracht? Ein Motor brüllt in die leise Natur. Der Lärm kommt unten vom Steilhang, wo sich der Baumfresser durch den Fichtenbestand schnetzelt.
Der Ponsse Ergo ist ein Holzvollernter aus Finnland. Ein robuster Gigant, der laut Hersteller in sibirischer Kälte wie in südamerikanischer Hitze seine Arbeit verrichtet. Da wird die Schwäbischen Alb ja ein Kinderspiel sein. Der Harvester wiegt 26 Tonnen, hat vier Achsen, einen Tank für 380 Liter Diesel (von denen er nach einem arbeitsreichen Tag 200 Liter weggeschafft hat) und einen 290 PS starken Mercedes-Motor. Der Kran mit dem Kettensägeaggregat ist gemacht für bis zu 70 Zentimeter dicke Bäume. 650 000 Euro kostet der Riese inklusive Traktionswinde aus der Schweiz. Nach fünf Jahren wird er abgestoßen, dann fallen allmählich die größeren Reparaturen an, sagt Frederic Huber.
Owsianka, der König des Waldes
Hubers Firma erntet Holz für das Forstrevier Lautertal, kauft es auf und verkauft es an Sägewerke oder Papierfabriken – von Bopfingen bis Karlsruhe. Eine Woche nagt sich der Harvester durchs Gehölz. Ist er satt, wird er per Tieflader in den nächsten Wald bugsiert.
Hoch im Führerhaus thront Andrzey Owsianka, 49. Mit seiner Hand am Steuer-Stick bedient er den Harvester nicht nur – er ist der Harvester. Seinen Greifarm kann er neun Meter ausfahren. Damit packt er einen Baum knapp über dem Boden und sägt ihn durch. Der Baum fällt. Der Harvester hält ihn weiter fest in seiner Pranke, schiebt sich die Fichte durchs Reißmaul, dass die Äste nur so spratzeln. Übrig bleibt der bloße Stamm. Nach fünf Metern sägt er noch mal durch, frisst weiter, sägt wieder. Eine halbe Minute – und die Fichte, die hier Jahrzehnte heranwuchs, heiße Sommer und Herbststürme überstand, ist nur noch ein kleiner Holzstapel.
„Ich muss immer gucken, wo ist Platz. Nicht auf anderen Baum drauf fallen lassen“, sagt Owsianka. „Und immer aufpassen beim Herziehen. Wenn ich anderen Baum streife, Rinde beschädige, wird er krank, und ist in zwei Jahren kaputt.“ Auf „Fuchswohnungen“ muss er auch aufpassen. Er will es gut machen: „Sonst haben die nächsten Leute keinen Wald mehr.“ Es piept: „Hier kann ich Modus einstellen“, sagt Owsianka und drückt auf ein paar Knöpfe. Der Harvester merkt sich den Durchmesser jedes gefällten Baums, der Chef kann die Werte dann daheim auf seinem Computer auslesen.
Eugen Bucks Opa gründete vor 90 Jahren einen Holzhandel-Betrieb in Pfronstetten. Sohn Anton trat in dessen Fußstapfen. „Mein Vater hat sein Meterholz noch von Hand aufgeladen, der musste noch schaffen“, sagt Eugen Buck, 63. Er übernahm die Firma und fing an, selber Holz zu machen. 1985 holte er sich den ersten Vollernter. Ein Fortschritt, wenn auch nicht zu vergleichen mit den Mega-Maschinen von heute.
Sein Schwiegersohn Frederic Huber, 45, ist eigentlich Werkzeugmacher, sattelte dann aber um auf Kartsport, mit eigenem Team. Eine seiner Pilotinnen war Eugen Bucks Tochter. Und so landete der Badener auf der Alb. Erst fuhr er Lkw für die Bucks. Seit 2007 ist er mit seiner Frau im operativen Geschäft, mittlerweile haben sie 15 Angestellte. Eugen Buck führt noch die Geschäfte und macht alles ums Haus rum, wie er sagt. „Natürlich wird man in der Holzwirtschaft immer Klagen hören“, sagt Frederic Huber. Aber eigentlich laufe es gerade ganz gut. „Corona hat uns eher genutzt, weil die Leute Zeit hatten, um in ihren Gärten rumzuwursteln. Da braucht man Bretterle.“
Eschen gehen aufs Material
Manchmal ist der Greifarm zu kurz, um den markierten Baum unten anzupacken. Dann kommt Pawel Plomka, 30, der Zufäller, mit seiner Motorsäge. Er begleitet den Harvester durch den Wald, Owsianka gibt ihm Anweisungen per Funk. Plomka sägt den Baum an, dann zieht Owsiankas Greifarm den Stamm zu sich her, bis er bricht und fällt. Manchmal ist so ein Baum zu dick und schwer. Dann sägt Owsianka ihn erst mal weiter oben ab – schon wiegt er eine halbe Tonne weniger.
Die weiche Fichte geht nicht so aufs Material wie Starkholz. Bei Eschen muss Owsianka ständig neue Ketten aufziehen. Und auch sonst ist immer irgendwas: Er hat alle möglichen Schläuche, Dichtungen, Ventile vorrätig. Manchmal werden Teile per Nachtexpress geliefert. Zeit ist Geld, auch im Wald. Meistens kann er gleich vor Ort reparieren, ob Vorschubwalze oder Wasserpumpe. Und wenn’s sein muss, Owsianka würde hier zwischen Moos und Pilzen wahrscheinlich auch kurzerhand das Getriebe wechseln. „Es ist schwierig, gute Leute zu finden“, sagt Frederic Huber. Mit Owsianka hat er Glück. „Männer wie Andrzey können einfach alles.“
Der Pole kommt aus einer Kleinstadt, 100 Kilometer von Krakau. Seit 15 Jahren ist er im deutschen Wald. Seine drei Söhne arbeiten inzwischen auch bei Buck. In Polen holte er die Bäume noch mit Pferden raus. Er wusste mit Motorsägen und Schlepper umzugehen, bevor er mit dem Harvester verwuchs.
Nach vier Wochen Arbeit fährt er für eine Woche heim zur Frau. Mit sechs Kollegen bewohnt er ein Mietshaus in Gammertingen. Viel mehr als sein Zimmer braucht er nicht. Er schafft auch gern samstags. „Besser im Wald sein als den ganzen Tag schlafen oder Schnaps trinken“, sagt er. Zum Essen kauft er sich meistens einen Döner. An Sonntagen fährt er ab und zu ins Donautal zum Gottesdienst mit seinen Landsleuten. Danach noch beisammen sein und Lieder aus der Heimat singen, das ist immer schön. Montagsfrüh um sechs steht er wieder in der Firmenhalle und schleift die stumpfen Sägeketten scharf.
„Ah, Gipfel abgebrochen“, sagt Owsianka. Den Baum nimmt er auch noch mit. Frederic Huber geht rüber zu der frisch zerteilten Douglasie. Mal was anderes als immer nur Fichten. „Wie toll die riecht, gell?“
Die Fichte steht am liebsten in höheren Lagen, wo es schön feucht und kühl ist. Doch weil die Forstwirtschaft sie lange Zeit als lukrativen, weil schnellwüchsigen „Brotbaum“ auserkoren hatte, entstanden landesweit Monokulturen. Auch hier im Münsinger Stadtwald. Ob das auf lange Sicht gut geht? Der heiße, trockene Sommer hat die Fichte auch in diesem Jahr wieder arg gebeutelt. Die Folge: Fäule und Käferbefall. „Fichten gehören eigentlich nicht hierher“, sagt Huber.
Er holt sein Holz aus Wäldern im weiteren Umkreis von Pfronstetten. Die stärksten und gesündesten Stämme werden zu Möbel und Balken für den Hausbau. Die schmäleren zu Industrieholz für die Papierfabriken. Wenn schon die Rotfäule drin sitzt, kann man daraus noch gut Paletten oder Kisten machen. Sind die Fichten kränklich und löchrig, landen sie als Hackschnitzel im Ofen.
Das Gelände ist jetzt so steil, dass man sich als Gast auf dem Rücksitz festklammern muss, um Owsianka nicht in den Nacken zu fallen. Wenn er dann einen extra schweren Stamm herzieht, kippt der Harvester auch noch zur Seite. „Bei vier Tonnen muss man Kraft haben“, meint Owsianka cool. Richtig umgefallen sei er mit dem Vollernter noch nicht – „zumindest nicht bei Buck“.
Dem Harvester-Diesel hilft eine Hochleistungswinde
Auf seinem Weg in der Waldgasse hilft dem Harvester-Diesel eine Hochleistungswinde, die den Riesen hält und zieht. Ohne sie würden die Räder den Boden umpflügen und den gepflegten Stadtwald in eine Grabenlandschaft verwandeln. So eine Sauerei will keiner. Auch wichtig für Owsianka: Das 360-Meter-Drahtseil muss sich geordnet aufrollen. „Sonst Alarm. Maschine stopp.“
Im Hochsommer macht er acht Wochen Pause. „Bei Hitze läuft Maschine oft heiß.“ Sein Kreislauf mag das Wetter auch nicht. Am liebsten arbeitet er im Winter: Kabine warm, draußen Frost, der Boden schön hart. Fürs Vesper macht er sich dann manchmal ein Feuerchen und isst Gulasch mit Pawel.
Der Stammsammler
Nach dem Harvester kommt der Rückezug, auch so ein Ungetüm. Er holt sich die zerteilten Stämme und belädt den Lkw am Waldrand. Qwsianka entastet so, dass die Abfälle möglichst in die Waldgasse fallen – eine Art Fahrspur-Schonbelag für den Rückezug. Denn der setzt dem Boden mehr zu als der Harvester selbst, befährt er doch jede Gasse vier, fünf Mal, eh sie leergeräumt ist.
Der Naturschutzbund hat kein Problem mit Vollerntern – „wenn die Technik an den Wald angepasst wird und nicht umgekehrt“, sagt der Landesvorsitzende Johannes Enssle. Die Witterung müsse stimmen, damit die Maschinen nicht zu tief einsinken. Und es brauche mindestens 40 Meter Abstand zwischen den Rückegassen. „Wo der Vollernter nicht rankommt, muss mit Motorsägen geerntet werden.“ Je mehr Maschinenwege, desto stärker werde der Boden verdichtet – bis ihm die Luft wegbleibe, er immer weniger Wasser und Wurzeln durchlasse.
Eugen Buck will auch gesunde Forste. „Aber 40 Meter Abstand sind im Steilhang nicht praktikabel.“ Ohne schwere Maschinen gehe es auch nicht. „Mit Pferden arbeiten nur Enthusiasten“, sagt der Senior-Chef. Dabei setzten die dem Wald genauso zu: „Die Tiere ziehen Stämme am liebsten über Wurzeln, weil sie sich so leichter tun.“ Vom Ertrag ganz zu schweigen: „Ein Pferd braucht zehn Stunden für 30 Kubikmeter. Ein Rückezug holt dir das in einer halben Stunde raus.“