Selbst bei ausgewiesenen Biker-Messen steht nur selten ein Motorrad direkt vor dem Altar, wie am Sonntag beim Holy-Riders-Gottesdienst in der Jakob-Andreä-Kirche. Foto: Horst Rudel

Der Motorradclub Holy Riders gestaltet zusammen mit dem Evangelisten Jörg „Fischi“ Fischer in Göppingen-Jebenhausen einen etwas anderen Gottesdienst. Die Feier kommt auch bei den Stammbesuchern gut an.

Göppingen - Es ist fast alles anders als sonst: Vor dem Altar der evangelischen Jakob-Andreä-Kirche steht eine schwarze Yamaha 600 Fazer. Statt der gewohnten Orgeltöne erklingt zu Beginn der Steppenwolf-Song „Born to be wild“ aus dem Easy-Rider-Film. Und auf den Bänken sitzen, zwischen den Besuchern, die sich regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst in Göppingen-Jebenhausen einfinden, Männer und Frauen in Lederjeans und schwarzen Kutten, die man gemeinhin als Rocker definieren würde. Was so ist wie immer, ist der Inhalt und der tiefere Sinn der Feier, die mit eineinhalb Stunden etwa doppelt so lange dauert, als es sonst üblich ist. Es geht darum, die christliche Botschaft und die Worte des Herrn zu verkünden, zu singen, zu beten: in diesem Fall, klar, knackig, kurzweilig, mit viel Musik und dem Gesang des Mädchenchors Young Voices untermalt.

Der Gemeindepfarrer Florian Wallentin hat die Holy Riders eingeladen, weil er es als seinen Auftrag versteht, „Leute neu auf ihren Glauben anzusprechen oder eben gleich neue Leute anzusprechen“. Dass in Reiner Boblest ein Holy-Riders-Mitglied im örtlichen Kirchengemeinderat sitzt, hat sein Anliegen mit Sicherheit befördert. Mehr als 100 Menschen sind zu dem Gottesdienst erschienen. Viele ganz junge, aber auch viele ältere, die einfach wissen wollen, warum das mit dem Motorradfahren und dem Christsein zusammenpasst.

Boblest: Um Rockern das Evangelium nahe zu bringen, musst du ein Biker sein

Boblest spricht kurz von der Freiheit beim Cruisen, von einem Leben mit allen Sinnen, aber auch davon, dass sein Herz eben nicht nur für das Motorradfahren, sondern auch für Gott und den Glauben schlage. Zudem weiß er, „dass du ein Biker sein musst, wenn du Rockern das Evangelium nahebringen willst“. Gerade Letzteres betrachten die Holy Riders, von denen ein knappes Dutzend nach Jebenhausen gekommen ist – davon die meisten aus dem Göppinger Chapter – als ihre Mission.

Diese erfüllen sie bei Ausfahrten, auf Festen und Camps, auf Märkten und Messen oder eben in „normalen“ Gottesdiensten, wie dem in der Jakob-Andreä-Kirche, aber auch in ganz speziellen, eigens für die motorradfahrende Klientel. Reichlich martialisch geben sich die Christen-Rocker dennoch. Das gilt für ihr Auftreten und für ihr Logo mit dem weißen Kreuz auf schwarzem Grund ebenso wie für ihr Motto „Turn or Burn“ (Kehr um oder verbrenne), und es gilt für Sprüche, die teils ihre Maschinen zieren. So steht dort etwa zu lesen: „Nimm Jesus an, bevor du in die Kiste kommst“.

Jörg „Fischi“ Fischer ist kein Wanderprediger, sondern ein „Moto-Gelist“

Die Predigt, die Jörg „Fischi“ Fischer in Jebenhausen von einer mitgebrachten Motorradkanzel aus hält, passt in dieses Bild. Er sei kein Wanderprediger, sondern ein „Moto-Gelist“, betont der angereiste Ostwestfale. „Und ich bin auch kein Pastor, den du sechs Tage nicht siehst und am siebten nicht verstehst“, stellt er klar. Was Fischi sagt ist in der Tat verständlich: Er spricht über die Bedeutung des christlichen Kreuzes, das für viele schlicht ein Schmuckstück sei oder sich dort zeige, wo Trauer entstehe. Für ihn jedoch ist das Kreuz „ein Zeichen des ewigen Lebens“, an dem Jesus habe sterben müssen, um auferstehen zu können und „unser Road-Kapitän zu sein“.

Bei den Besuchern kommen die etwas andere Predigt ebenso an wie der außergewöhnliche Gottesdienst. Zwei ältere Damen versichern, dass es ihnen wirklich gut gefallen habe. Ein Mann spricht beim Gehen davon, „dass ich zwar alt bin und so etwas noch nie erlebt habe, es aber sehr interessant fand“. Und die angehenden Konfirmanden zeigen auf die entsprechende Frage hin nur mit dem Daumen nach oben.

Dass es bei ihresgleichen ähnliche, aber auch völlig andere Reaktionen gibt, machen Jörg Fischer und Reiner Boblest im Anschluss deutlich: „Es gibt natürlich Biker, die machen sich über uns lustig“, sagt Fischer. „Probleme mit anderen Gruppen haben wir aber nicht“, betont Boblest. „Wir werden zu Treffen oder direkt von anderen Klubs eingeladen und da kommt es dann schon auch mal zu tiefen Gesprächen“, ergänzt er.

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