Regionales Essen und Tierwohl sind vielen Menschen wichtig. Und trotzdem werden für unseren Konsum von billigem Fleisch anderswo in der Welt riesige Regenwaldflächen abgeholzt. Das muss sich dringend ändern, kommentiert unsere Autorin. Nur wie?
Stuttgart - Gutes Essen hat der Coronapandemie für viele Menschen an Bedeutung gewonnen. Es wird mehr selbst gekocht als vor der Krise und stärker darauf geachtet, wo die Lebensmittel herkommen, die auf dem Teller landen. Laut Ernährungsreport des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist es mehr als 80 Prozent der Deutschen wichtig, dass ihre Lebensmittel aus der Region kommen. Und ebenso viele würden ein staatliches Tierwohlsiegel begrüßen.
Das Bewusstsein der Menschen für die Ernährung, das zeigen solche Umfragen, ist gewachsen. Schaut man sich allerdings an, wie wenige regionale Lebensmittel am Ende wirklich in den Einkaufskörben landen und wie wenige Produkte aus artgerechter Tierhaltung stammen, wird klar, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch eine große Lücke klafft.
Immerhin, der gute Wille ist da – und diese Chance gilt es dringend zu nutzen. Denn die Art und Weise, wie sich die Menschheit heute ernährt, sprengt die Grenzen dessen, was der Planet längerfristig hergibt. Hauptgrund dafür ist der Fleischkonsum, der sich weltweit in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdoppelt hat. Besonders hoch ist er nach wie vor in wohlhabenden Ländern.
Schon heute fehlt es an Flächen für Äcker und Weiden
Während die Weltbevölkerung und mit ihr die Nachfrage nach Fleisch und anderen tierischen Produkten weiter wachsen, fehlt es schon jetzt an Weideland und an Ackerflächen für den Anbau von Futtermitteln. Rinderzucht und Soja-Anbau sind deshalb heute ein Hauptgrund für die Abholzung intakter Wälder. In Brasilien wurde im vergangenen Jahr so viel Regenwald vernichtet wie nie zuvor.
Eine aktuelle Studie der Umweltorganisation WWF zeigt, dass alleine Importe etwa von Soja oder Rindfleisch in die Europäische Union für etwa 16 Prozent der weltweit gerodeten Waldflächen verantwortlich sind. Am Ende landen mehr als 90 Prozent des importierten Sojas in den Tier-Futtertrögen.
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Dass tonnenweise proteinreiche, pflanzliche Lebensmittel nicht direkt gegessen, sondern verfüttert werden, ist eine ziemliche Verschwendung. Aus sieben bis zehn Kilo Sojabohnen wird so am Ende – je nach Berechnung – gerade mal ein Kilo Fleisch. Die Produktion tierischer Produkte bringt auch andere Probleme mit sich, etwa den enormen Verbrauch von Frischwasser, das Leid vieler Nutztiere, den Verlust an Artenvielfalt, Überdüngung und belastete Gewässer. Insgesamt sind zwischen 21 und 37 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen laut einem Bericht des Weltklimarats dem globalen Nahrungssystem zuzuschreiben.
Der Fleischkonsum müsste sich auch in Deutschland halbieren
Wenn wir unsere Lebensgrundlagen nicht weiter gefährden wollen, muss sich unsere Ernährungsweise dringend ändern. Forschende haben berechnet, dass sich der Fleischkonsum dafür halbieren müsste – weltweit wie auch in Deutschland. Damit wäre auch unserer Gesundheit geholfen: Mehr Hülsenfrüchte, Nüsse und Gemüse, halb so viel Zucker und nur noch um die 400 Gramm Fleisch und Wurst pro Kopf und Woche – das würde dem entsprechen, was die Deutsche Gesellschaft für Ernährung seit Jahren anmahnt, um das Risiko etwa von Zivilisationskrankheiten zu verringern. Noch effektiver ist es, den Konsum tierischer Produkte stärker zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten.
Aus unserem Plus-Angebot: Fleischlos, praktisch, gut – und immer besser
Dass sich bei der Ernährung etwas ändert, ist auch eine politische Aufgabe. Die gesunde, ökologische Wahl muss dringend die einfache werden: In Schulen, Kitas oder Firmenkantinen etwa sollte die Auswahl an kreativen, pflanzlichen Gerichten deutlich größer sein. Und im Supermarkt müssten die Lebensmittelpreise schlicht die wahren Kosten abbilden – also jene Folgekosten eingerechnet, die bisher die Allgemeinheit trägt.
Konventionell erzeugte Fleisch- und Wurstwaren müssten Forschenden der Uni Augsburg zufolge eigentlich dreimal so teuer sein wie bislang. Zum Beispiel wegen des Aufwands, der für die Aufbereitung des belasteten Wassers nötig ist, oder wegen wachsender Kosten für Umweltschutzmaßnahmen. Stehen Fleischprodukte dann aber nicht mehr so oft auf dem Speiseplan, muss gute Ernährung auch nicht teurer werden. Vielmehr wäre das Fleisch hochwertiger – und würde so wieder zu etwas Besonderem werden.