Mitarbeiter des Mercedes-Benz-Werks in Sindelfingen arbeiten an einer S-Klasse. Foto: dpa

Daimler stellt Hunderte Zeitarbeiter ein und organisiert seine Batterieentwicklung neu. Dafür wechseln 300 Entwickler von der Tochter Accumotive unter das Dach des Konzerns. Das bedeutet vor allem für einen Mercedes-Standort eine Stärkung.

Stuttgart - Trotz des Abgasskandals und der Vertrauenskrise in der Automobilindustrie, laufen die Werke der Autosparte von Daimler auf Hochtouren. „Um der hohen Nachfrage gerecht zu werden, schaffen wir in den Mercedes-Benz-Werken Untertürkheim, Sindelfingen, Bremen und Rastatt nun insgesamt über 500 neue Arbeitsplätze“, sagte Markus Schäfer, der Produktionschef der Autosparte unserer Zeitung.

Dabei hatte Konzernchef Dieter Zetsche noch vor einem Jahr Zurückhaltung beim Aufbau von Arbeitsplätzen in der Pkw-Sparte angemahnt. Doch die Absatzzahlen steigen und steigen. Im Januar habe der Konzern einen Blitzstart hingelegt, mit dem die Stuttgarter den Vorsprung zu BMW und Audi massiv ausgebaut haben, sagte Schäfer. Mercedes hat in seinem besten Januar in der Unternehmensgeschichte 193 414 Autos abgesetzt. Audi brachte es auf 149 100 und BMW auf 148 400 Pkw (mit Mini und Rolls-Royce 169 538). Bereits im vergangenen Jahr hatte Mercedes mit 2,4 Millionen Fahrzeugen den siebten Produktionsrekord in Folge erzielt.

„Die Werke müssen derzeit jedoch nicht nur die aktuelle Nachfrage bedienen“, so Schäfer. „Sie bereiten sich gleichzeitig auf die Produktion der neuen Elektrofahrzeuge der Marke EQ vor.“ So läuft in Bremen Ende des Jahres die Produktion des Elektro-SUV EQC an, der 2019 auf den Markt kommen soll. In Sindelfingen werden künftig E-Fahrzeuge der Ober- und in Rastatt der Kompaktklasse gebaut. Das Motorenwerk Untertürkheim arbeitet künftig am elektrifizierten Antriebsstrang mit.

Die Mehrheit der neuen Stellen wird durch Zeitarbeitnehmer besetzt

Die Mehrheit der neuen Stellen werde durch die Übernahme von Zeitarbeitern besetzt. In Untertürkheim stellt Mercedes im Frühjahr 175 Leiharbeiter ein. In Bremen handelt es sich um 170 Leiharbeiter, die bereits übernommen wurden. Dazu kommen zehn befristet Beschäftigte, die nun feste Verträge erhalten. In Sindelfingen übernimmt Daimler 118 Männer und Frauen mit befristeten Verträgen und in Rastatt stellt der Konzern 40 Zeitarbeitnehmer fest an.

Zudem organisiert der Konzern seine Batterieentwicklung neu. Über die Pläne hatte unsere Zeitung bereits berichtet. „Es ist uns gelungen, dass 300 Entwickler, die bislang bei der Daimler-Tochter Accumotive beschäftigt waren, nun völlig in den Konzern integriert werden“, sagte Wolfgang Nieke, der Betriebsratschef in Untertürkheim. Perspektivisch werde die Zahl der Entwickler in dem Batteriekompetenzzentrum auf 400 steigen.

Nieke setzt sich seit Langem dafür ein, dass den Menschen, die heute Motoren, Getriebe und Achsen bauen, die Arbeit nicht ausgeht, wenn die Elektroautos kommen. Daimler-Chef Dieter Zetsche wollte ursprünglich so viele E-Komponenten wie möglich zukaufen oder bei Töchtern beziehungsweise in Joint-Ventures produzieren. In der Zwischenzeit hat Nieke jedoch bereits durchgesetzt, dass seine Kollegen in Untertürkheim künftig Komponenten des elektrifizierten Antriebsstrangs sowie Batterien fertigen. Offen war bislang noch die Frage der Batterieentwicklung. Dass diese nun Stuttgart zugeordnet wird, sei nicht nur für diesen Standort eine gute Nachricht, so Nieke. „Für die betroffenen Accumotive-Mitarbeiter gelten durch den Wechsel in die Daimler AG unsere betrieblichen und tariflichen Regelungen“, so Nieke. Der Übergang ist im ersten Halbjahr geplant. Bislang werden die Mitarbeiter bei Accumotive untertariflich bezahlt.

Die Accumotive-Mitarbeiter sollen im ersten Halbjahr integriert werden

Das heißt für den Konzern allerdings: Die Beschäftigten werden teurer. Das Unternehmen setzt darauf, dass es sich auszahlt, weil die Zusammenarbeit effizienter ablaufen kann. „Mit der Integration der Entwicklungsmitarbeiter der Accumotive in die Daimler AG holen wir strategische Forschungskompetenz für ein Zukunftsthema in den Konzern, bereinigen Schnittstellen und machen die Kommunikation sowie die Zusammenarbeit schneller und effektiver“, so Schäfer. Mittelfristig sei geplant, dass die Entwickler auch räumlich näher zusammenrücken – entweder in Untertürkheim oder in Sindelfingen.

Die Zeitarbeit bleibt in Untertürkheim ein kritisches Thema

Für Wolfgang Nieke bleibt das Thema Leiharbeit am Standort Untertürkheim weiterhin ein Thema. Dort hatte der Betriebsrat im Sommer zugestimmt, dass der Anteil der Zeitarbeit von acht auf zehn Prozent erhöht werden kann. Inzwischen ist die Höchstzahl von 950 Leiharbeitern erreicht, daher muss der Konzern nun Mitarbeiter übernehmen. „Damit hat das Werk jedoch immer noch keine Luft“, so Nieke. „Wenn der Krankenfehlstand nur um ein Prozent nach oben geht, werden wir erneut über Einstellungen reden müssen.“ Insgesamt hat das Werk in den vergangenen Jahren 1000 Leiharbeiter übernommen.

„Die Übernahme dieser Kollegen sowie das Paket, das wir zur Zukunftssicherung erreicht haben, zeigt, dass sich die Arbeit des Betriebsrats bewährt.“ Diese ziele in erster Linie nicht auf Konfrontation, sondern eine gute Zusammenarbeit ab.

Im März stehen auch bei Daimler Betriebsratswahlen an. Der Konzern hofft auf eine hohe Wahlbeteiligung, weil erstmals auch Vertreter aus dem rechten Lager Einfluss im Gremium gewinnen wollen.

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