Rund 6700 Kinder wurden im Jahr 2017 in Stuttgart geboren. Foto: dpa-Zentralbild

Mehr Kinder, das zieht mehr als volle Windeln nach sich: Denn nicht nur die Kinderärzte stoßen an die Grenze. Auch die Stadt ist in vielerlei Hinsicht gefordert.

Stuttgart - Der Babyboom – ein Trend, der nun bereits seit einigen Jahren zu beobachten ist – hielt auch im vergangenen Jahr an. 6725 Kinder wurden 2017 laut Attina Mäding vom Statistischen Amt in Stuttgart geboren. Das sind ähnlich viele Geburten wie im Jahr 2016, damals waren es 6773 – ein Wert, der letztmalig 1970 übertroffen worden war.

Mehr Kinder,das bedeutet auch, dass die Stadt mehr zu bewältigen hat. Doch welche Aufgaben kommen auf die Stuttgarter zu – und wie geht die Landeshauptstadt die Herausforderungen an?

Für die Stuttgarter Kinderbeauftragte Maria Haller-Kindler ist der Babyboom zuallererst eine sehr gute Nachricht. „Noch vor einigen Jahren mussten wir von anderen Zukunftsszenarien wie einer überalterten Gesellschaft ausgehen“, sagt sie. Der Babyboom erhöhe nun den Druck noch einmal, Kita-, Krippen- und Schulplätzen zügig auszubauen. Da die hohe Geburtenzahl auch durch Zuzüge etwa von geflüchteten Menschen zustande komme, sei eine weitere Aufgabe der Stadt, diesen gute Zukunftschancen zu ermöglichen. „Das geht über Kita und Schule hinaus und betrifft etwa das Angebot von Kinder- und Jugendhäusern“, sagt die Kinderbeauftragte.

„Der Babyboom spitzt die Situation zu“

Kurz: Die Stadt muss handeln. Dabei sind zunächst die Stadtentwickler gefragt. „Wir schauen: Sind wir als Stadt gut aufgestellt für die kommenden zehn Jahre? Oder müssen Prozesse in Gang gesetzt werden?“, sagt Hermann-Lambert Oediger, Leiter der Stadtentwicklung im Stadtplanungsamt. Eine von mehreren Fachplanungsgruppen beschäftigt sich mit dem Thema Spielplätze. Wie viele durch die hohen Geburtenzahlen der vergangenen Jahre neu geschaffen werden müssen, das könne man nicht sagen: „Es gibt zwar einen Schlüssel, aber der beruht nicht nur auf einem Wert, sondern der hängt von der baulichen Dichte und der Grünausstattung im Stadtbezirk ab“, sagt Oediger. Generell müssten mehr Spielflächen her, das aber sei oft ein Platzproblem. Man versuche verstärkt durch „die Qualifizierung bestehender Spielstätten einen Mehrwert zu schaffen“.

Susanne Heynen, Leiterin des Jugendamts, sagt, dass der Ausbau der Kindertageseinrichtungen das meiste Kopfzerbrechen bereite: „Die Rechtslage sowie andere gesellschaftliche Bedingungen haben zur Folge, dass der Bedarf insgesamt enorm gewachsen ist“, sagt sie. Und jede Geburt mehr bedeute, dass ein Platz mehr für einen unter Dreijährigen und später für einen Über-Dreijährigen geschaffen werden müsse. „Wir sind am Ausbau, aber wir können den Bedarf nicht decken, besonders, da Fachkräfte fehlen“, sagt Heynen. Genau Zahlen gebe man allerdings erst in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses am 5. Februar bekannt. „Der Babyboom spitzt die Situation zu. Das ist eine riesige Aufgabe für die kommenden zehn Jahre“, sagt Heynen. Zumal die gesamte Infrastruktur wachsen müsse, angefangen bei den Frühen Hilfen, zu denen der Willkommensbesuch nach der Geburt zählt, der von 75 Prozent aller Eltern angenommen würde. Für 2018 sei dafür eine „dringend benötigte Stelle“ mehr bewilligt.

„Das Problem ist die Masse“

In der Schule kommt der Babyboom mit einer Zeitverschiebung von sechs Jahren an. Dennoch habe man die Entwicklung im Blick, sagt Philipp Forstner, stellvertretender Leiter des Schulverwaltungsamts. „Wir schauen uns die Zahlen an – und dann die Situation der Schulen“. Je nachdem, welche Auswirkungen zu erwarten seien, ergreife man Maßnahmen: Teilweise müssten zusätzliche Klassen gebildet oder Schulbezirke zusammengelegt werden. Das sei zwar einerseits Alltag, da es immer gewisse Schwankungen gebe. Der Babyboom führe aber dazu, dass es an sehr vielen Standorten gleichzeitig einen Zuwachs gebe – „das Problem ist also die Masse“. Erschwerend hinzu kämen parallele Schulentwicklungen: so führe etwa der Ausbau der Grundschule zur Ganztagsschule zu weniger Schulen. „Das kann am einen oder anderen Standort zu größeren Problemen führen“, so Forstner.

Dort, wo viele Kinder das Licht der Welt erblicken – in der Frauenklinik des städtischen Klinikums – verzeichnet man zwar mehr Geburten (2013: 2734; 2017: 3243), allerdings lässt sich laut Ulrike Fischer, Pressesprecherin des Klinikums, ein Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Geburtenrate in Stuttgart und der Anzahl der Geburten in der Frauenklinik nicht eindeutig festmachen. Denn mit dem Umzug der Frauenklinik im Jahr 2014 in den Neubau von Olgahospital und Frauenklinik sei die Attraktivität gestiegen. Auch verfügt der neue Standort über einen weiteren Kreißsaal. Gleiches gelte für die Zahl der im Olgahospital behandelten Kinder. So seien seit dem Umzug in den Neubau die Fallzahlen kontinuierlich gestiegen auf aktuell rund­  15 000 vollstationäre Fälle pro Jahr.

Kinderärzte kommen durch Babyboom an ihre Grenzen

Die niedergelassenen Kinderärzte kommen durch den Babyboom an ihre Grenzen. Offiziell ist die Landeshauptstadt zwar überversorgt mit Kinderärzten. Die Realität aber habe mit der Bedarfsplanung nichts zu tun, klagen die Kinderärzte schon seit längerem. Denn die Berechnungsgrundlage basiere auf Daten von Anfang der 90er Jahre. Allein die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen und der Impfungen habe sich seither verdoppelt.

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