Regio ist im Trend: Verbraucher setzen vermehrt auf Lebensmittel aus der Gegend. Foto: dpa

Wilhelm Maier eröffnet in der Weißenburgstraße 12 einen Hofladen mit Fleisch, Gemüse und Milch aus der eigenen Produktion. Damit ist er der erste Bauer, der sich in der Innenstadt an so ein Projekt wagt.

S-Süd - Vor über 50 Jahren hat Wilhelm Maier schon, damals noch als kleiner Bub, seinen „Dede“ (schwäbisch: Patenonkel) in Stuttgart mit Eiern vom Familienhof beliefert. Jetzt kommen die Eier vom Lindenhof aus Neustetten-Wolfenhausen (Kreis Tübingen) wieder zurück in den Stuttgarter Süden, genauer in die Weißenburgstraße 12 im Heusteigviertel. Der 59-jährige Landwirt eröffnet dort im Juli den ersten Hofladen in der Stuttgarter Innenstadt. Regionale Produkte von seinen Feldern, aus seinen Ställen – allenfalls noch von den Landgütern der Verwandten – verkauft er dort direkt an seine Kunden. Sein Highlight: Ein 24-Stunden geöffneter Automat, der stets gefüllt ist mit Fleisch, Milch oder auch Eiern. „Alles, was man eben in einem Automat lagern kann“, so Maiers Vorstellung.

Seit über einem Jahr schafft der Landwirt gemeinsam mit seiner Familie schon im Souterrain des Hauses im Heusteigviertel. Noch ist das Erdgeschoss und der Keller eine riesengroße Baustelle. Allerdings: die Wände und Decken sind inzwischen nicht nur fertig, sondern auch Maiers ganzer Stolz. Baumstämme zieren die Wände, die Decke ist teils mit Holz vertäfelt, teils aus Backsteinen. „Ich will das Flair vom Hof in die Stadt bringen“, sagt Maier. Denn, er ist nicht nur der erste Hofladen in der Innenstadt, sondern auch der einzige Direktvermarkter, der abseits von seinem Hof verkauft. Der Reyerhof in Möhringen, der Haldenhof in Plieningen – sie verkaufen direkt auf ihrem Gelände. Diese Möglichkeit hatte Maier nicht, aber als im über den „Dede“ vor einigen Jahren das Haus in der Weißenburgstraße angeboten wurde, schwirrte ihm bereits der Gedanke im Kopf rum, dass dort „etwas Landwirtschaftliches rein muss“. „Der Betrieb muss auch hier sein“, habe er sich gedacht.

Im Hofladen wird astreines Schwäbisch gesprochen

Maier ist schwäbischer Bauer durch und durch. Auch im Laden in der Stadt steht er mit der Schafflatzhose und schweren Arbeitsschuhen. Selbst als schwäbischer Muttersprachler hat man Mühe den Mann zu verstehen, weil er so schöne unbekannte Wörter wie „Dede“ benutzt, seine Café-Ecke soll ein Ruhepol zum „nahstau und verschnaufa sei“ und an jedes Satzende hängt er ein „verstosch?“ – die schwäbische Höflichkeitsform.

Und die Landwirtschaft wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Sein Vater hat den Aussiedlerhof im Landkreis Tübingen im Jahr 1964 übernommen. Seitdem ist es ein reiner Familienbetrieb. Wilhelm Maier hat diesen gemeinsam mit seiner Frau Beate 1980 übernommen und ausgebaut, alle vier Kinder haben ihr Herz ebenfalls an die Landwirtschaft verloren. Die zwei jüngsten Söhne arbeiten noch auf dem Hof mit. Um den Hofladen kümmert sich in Zukunft Frau Beate. Das macht sie zu Hause in Wolfenhausen auch schon seit Jahren. „Bei uns sind die Rollen noch klar verteilt“, sagt Maier und lacht. Die Frau stehe im Laden, er auf dem Acker oder im Stall.

Für Landwirte ist die Nähe zum Verbraucher wichtig. In etwa 60 Direktvermarkter gibt es auf der Gemarkung Stuttgart noch, rund drei Viertel der Betriebe sind darauf angewiesen, ihre Produkte direkt, entweder im eigenen Hofladen, auf dem Wochenmarkt, im Besen oder auf einem kleinen Stand im eigenen Hof, zusätzlich zu vermarkten. Zu Gute kommt ihnen inzwischen, dass bio und regional einzukaufen längst wieder in ist. Viele Supermarktketten, selbst große Discounter-Ketten, sind inzwischen auf diesen Hype aufgesprungen und haben längst die Bio-Ecke eingerichtet. Doch wer wirklich wissen wolle, was in seinen Produkten enthalten ist, der sei mit Fleisch, Obst und Gemüse direkt vom Erzeuger besser bedient, empfiehlt Wilhelm Maier.

Die Strukturen der Betriebe in Stuttgart sind unterschiedlich. Der Wandel in der Landwirtschaft führte zur Aufgabe von Kleinbeständen oder zur Spezialisierung auf eine Tierart. Rund 30 Stuttgarter Landwirte halten Rinder, Schweine, Schafe, Pferde oder Geflügel. Eine Übersicht über alle Landwirte und ihr Angebot gibt seit zwei Jahren die Direktvermarkter-Broschüre der Stadt Stuttgart. Dort sind alle Betriebe gelistet.

Auch Maiers verkaufen größtenteils ihre eigenen Produkte. Das Fleisch kommt direkt aus dem eigenen Betrieb, ebenso wie Milch und Eier. 80 Milchkühe mit Nachzucht unterhalten sie, ebenso wie 300 Mastschweine und 800 Legehennen. Der Hofladen im Süden soll trotzdem ein breites Sortiment haben. Groß dazu kaufen wird Maier aber keineswegs. Das Gemüse bekommt er vom Vetter, den Käse vom anderen Vetter. Und wenn im Laden Not am Mann ist, dann gibt es noch ein paar andere Vetter oder ähnliches, die einspringen. Alles bleibt in der Familie. Und alles muss frisch sein. „Das Fleisch muss natürlich vakuumiert werden“, sagt er. Überhaupt kaufe inzwischen fast keiner mehr Fleisch wirklich direkt unverpackt von der Theke weg. „Man darf da auch heute keine Fehler mehr machen.“ Die Augen des Kunden seien strenger geworden, aber auch die gesetzlichen Richtlinien.

Bauer Maier setzt auf Regionalität statt auf Bio

Bio-Anhänger kommen bei Maier übrigens nicht ganz auf ihre Kosten. Nur beim Gemüse, das kommt ja vom Bio-Hof seines Vetters. „Ich selbst bin kein Bio-Typ. Dazu muss man geboren sein“, gibt Maier zu. Er setze aber auf die Regionalität. Bestimmte Dinge sind aus seiner Sicht nötig, um Krankheiten und Keime von den Tieren fernzuhalten. Für Maier ist das offensichtlich kein Problem: „Ich als Landwirt sehe meinem Vieh doch an, wie es ihm gesundheitlich geht.“

Ob ein Hofladen direkt in der Stadt, in direkter Konkurrenz von zig großen Supermarktketten funktioniert? „Ha, i woiß au net“, sagt Maier da nur. Alles, was er weiß ist, dass er einen Haufen Arbeit reingesteckt hat. „Aber das ist der direkte Dialog mit den Verbrauchern mir wert.“ Dabei sei es einfacher, zu vermitteln, warum ein Ei keine zehn Cent kosten kann und der Liter Milch keine 20 Cent. Diese Mentalität müsse der Verbraucher ablegen. „Des got net auf Dauer“, betont Maier. Der „Dede“ hat das gute Ei vom Hof damals noch zu schätzen gewusst. Das sollen die Stuttgarter nun ab Sommer auch.

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