Kinderwunschkliniken im Ausland sind aufgrund niedrigerer Preise und vielfältigerer Behandlungsoptionen für viele Paare interessant. Worauf man dabei achten sollte.
Sie hatte elf künstliche Befruchtungen und zwei Fehlgeburten hinter sich – im Sommer 2023 bekam die Influencerin Anna Adamyan dann endlich ihr erstes Baby. Hinter ihr und ihrem Ehemann, dem Fußballprofi Sargis Adamyan von Jahn Regensburg, liegen zehrende Jahre – und unzählige Hürden, die sie als Paar mit unerfülltem Kinderwunsch in überwinden mussten.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen in Deutschland ließ Adamyan sich in einer Kinderwunschklinik im belgischen Leuven behandeln. „Im Ausland sind die Kinderwunschkliniken in der Regel deutlich weiter als bei uns in Deutschland“, sagt sie.
Ein Wunschkind-Versuch kostet in Deutschland rund 4000 Euro
Wenn sich der lang gehegte Kinderwunsch nicht erfüllt und die Wahrscheinlichkeit, auf natürlichem Weg schwanger zu werden, mit zunehmendem Alter abnimmt, suchen Betroffene nach medizinischer Hilfe. Doch die Kosten von rund 4000 Euro je Versuch einer künstlichen Befruchtung werden nur zum Teil und unter bestimmten Bedingungen von den Krankenkassen übernommen.
Das ist Anlass für viele Betroffene, ins Ausland zu blicken: Dort sind Hormonbehandlungen, künstliche Befruchtungen und ähnliche Angebote mitunter deutlich günstiger als in Deutschland.
Zudem stoßen die ausländischen Kinderwunschkliniken, die offensiv im Internet um deutsche Patientinnen werben, in eine Lücke: die zwischen den medizinischen Möglichkeiten und der Gesetzgebung nämlich.
Eizellspende – in Deutschland verboten
Je nach Land sind dort auch Wege zum Wunschkind möglich, die hierzulande nicht infrage kommen. Zum Beispiel die Eizellspende, die in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten ist, in anderen EU-Ländern wie Belgien, Dänemark, Norwegen, Tschechien, Spanien oder Griechenland aber erlaubt.
Fachleute fordern hier schon länger eine Lockerung. „Das deutsche Verbot ist nicht mehr zeitgemäß“, meint Ulrich Knuth, Vorsitzender des Bundesverbandes Reproduktionsmedizinischer Zentren Deutschlands (BRZ). Es sei aber wichtig, Paare gut über mögliche Risiken aufzuklären und sicherzustellen, dass Kinder eines Tages die Spenderin ausfindig machen können – anders, als es im Ausland in der Regel der Fall ist.
Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Europäischen Verbraucherzentrums (EVZ) kennen mehr als 12 Prozent der Deutschen in ihrem Umfeld Personen, die sich über eine Kinderwunschbehandlung im Ausland informiert haben. Unter den 40- bis 49-Jährigen sind es sogar 23 Prozent. „Fruchtbarkeitsbehandlungen im Ausland eröffnen Chancen, doch sie bergen auch emotionale, finanzielle und rechtliche Herausforderungen“, sagt Juliane Beckmann, Juristin beim EVZ Deutschland.
Für Patientinnen und ihre Partner ist die Wahl des Behandlungsortes eine wichtige Entscheidung, die mit der Hoffnung auf individuelle medizinische Beratung und eine persönliche Betreuung verbunden ist. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Klinik Erfahrung mit internationalen Patienten hat. Heißt: Webseite, Kontaktdaten, Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) und Erfahrungsberichte sollten auf Deutsch – oder zumindest auf Englisch – abrufbar sein.
Auch sämtliche Unterlagen zu Behandlung und Kosten sollte man in einer Sprache bekommen, die man ausreichend gut versteht.
Welche Technik hat die Kinderwunsch-Klinik zu bieten?
Genau nachfragen sollte man hinsichtlich der Verfügbarkeit moderner Technologien sowie der Behandlungsabläufe und der Zusammensetzung der Kosten. Viele ausländische Kliniken bieten zudem ein erstes kostenloses Beratungsgespräch via Videokonferenz an – auch das kann Orientierung bieten. Einige fordern dafür allerdings bereits bestimmte medizinische Befunde wie ein Hormonprofil an – und eine solche Blutuntersuchung kostet in Deutschland je nach Umfang zwischen 100 und 200 Euro.
Die unzähligen Angebote im Internet, die die Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin auch jenseits der deutschen Grenzen anbieten, lassen sich mit Blick auf die Kosten allerdings nur schwer vergleichen.
Viele versteckte Kosten
Denn die Kliniken bieten unterschiedliche Leistungspakete an. Was bei der einen inbegriffen ist, etwa der Taxitransfer vom Flughafen zur Klinik, muss man bei der anderen aus eigener Tasche zahlen. Kosten für Anreise, Unterkunft und auch Medikamente kommen in aller Regel noch obendrauf. Das sollte man vor der Buchung bedenken.
Häufig bieten die Kinderwunschkliniken vielversprechend klingende Zusatzleistungen an. Mal soll das Spermium extra aufbereitet, mal der Embryo im Zeitraffer beobachtet, mal das Schlüpfen aus der Membran durch Anritzen erleichtert werden. Normalerweise kosten diese Add-Ons genannten Leistungen extra – und ihr Nutzen ist zumindest fragwürdig.
„Im Prinzip kann man zusammenfassen: Die Add-Ons bringen erwiesenermaßen nicht sehr viel“, sagt BRZ-Chef Knuth. Es sei aber reizvoll für die Kliniken, diese Leistungen anzubieten, „weil sie damit viel Geld verdienen können“.
Erfolgsmeldungen der Kinderwunsch-Klinik genau prüfen
Zudem sollte man mit der Kinderwunschklinik „grundsätzlich abklären, ob ein Teil der Zahlung erstattet werden kann, falls eine Leistung entfällt“, rät Verbraucher-Juristin Beckmann. Sie empfiehlt, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Kliniken genau zu prüfen und besonders darauf zu achten, ob man Beträge vorab zahlen muss – und ob es ein Rücktrittsrecht gibt, falls etwas dazwischenkommt. „Es gibt leider immer wieder Kliniken, die mit unseriösen Angeboten, Rabatten oder Garantien werben“, warnt die Expertin.
Gerade bei Kliniken, die mit hohen Erfolgsraten werben, lohnt sich ein kritischer Blick, wie die Zahlen zustande kommen: Wertet die Klinik alle Behandlungen, die zu einer Schwangerschaft führen, als Erfolg – unabhängig davon, ob das Kind lebend zur Welt kommt? Werden dort vor allem jüngere Patientinnen behandelt, was eine erfolgreiche Befruchtung wahrscheinlicher macht?
„Ein unerfüllter Kinderwunsch ist ein sehr emotional aufgeladenes Thema, da ist es wichtig, Entscheidungen in Ruhe und mit Hilfe von vollständigen und klaren Informationen zu treffen“, rät Beckmann.
Umgang und Unterhalt oft nicht klar geregelt
Zudem sollten sich Interessierte bewusst sein, dass sich rechtliche und medizinische Rahmenbedingungen, etwa zu Aufklärungspflichten und Haftungsfragen, von denen in Deutschland unterscheiden können. Besteht beispielsweise ein Unterhaltsanspruch oder Erbrecht nach einer Samenspende?
Das deutsche Samenspenderregistergesetz regelt, dass ein durch eine Samenspende gezeugtes Kind keine Ansprüche auf Unterhaltsleistungen oder Erbe gegenüber seinem genetischen Erzeuger hat. Der Spender wiederum hat keinen Anspruch auf Umgang mit den durch seine Spermaspende gezeugten Kindern. In Dänemark beispielsweise sind diese gegenseitigen Ansprüche von Samenspender und Kind ebenfalls ausgeschlossen, aber nicht überall sind diese Fragen so explizit geregelt.
Kassen zahlen nicht für alle Kinderwunsch-Methoden
Wenn Paare im Ausland Behandlungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen, die in Deutschland nicht zugänglich sind, können sie gegenüber ihrer Krankenversicherung die Kosten dafür nicht geltend machen. Eine Kinderwunsch-Behandlung im Ausland mit einer in Deutschland verbotenen Eizellspende etwa muss nicht von der privaten Krankenversicherung bezahlt werden, wie der Bundesgerichtshof entschieden hat (Aktenzeichen: IV ZR 141/16).
In dem Fall hatte eine aus München stammende Frau eine Eizellspende in einer tschechischen Kinderwunschklinik erhalten und war daraufhin schwanger geworden. Die Behandlungskosten in Höhe von 11 000 Euro wollte sie von ihrer privaten Krankenversicherung erstattet haben – denn nach deren eigenen Versicherungsbedingungen sollte sie grundsätzlich auch für medizinische Behandlungen im europäischen Ausland aufkommen. Dem Karlsruher Urteil zufolge muss diese aber nur solche Behandlungen übernehmen, die nach deutschem Recht in Deutschland erlaubt sind.