Silber im Doppel bei den Deaflympics in Tokio war für Niklas Köhler der krönende Abschluss des vergangenen Jahres. Foto: DGSV/pit-photography

Niklas Köhler von der Tennisabteilung der SV Böblingen ist längerer Zeit hörgeschädigt. Implantate sorgen dafür, dass er dennoch alles versteht, zum Beispiel im Doppel auf dem Court.

In der Medizin gibt es 40 bekannte Gründe für Schwerhörigkeit. Auf Niklas Köhler trifft kein einziger davon zu. Dennoch ist der heute 22-Jährige seit der zweiten Klasse auf seinem linken Ohr hörgeschädigt. Später kam auch noch das rechte dazu. „Mein Bruder wurde sogar komplett taub, ich habe ein Restgehör behalten“, erinnert er sich. „In unserer ganzen Familie sind wir die einzigen damit. Wir wissen nicht, was passiert ist.“

 

Ein sogenanntes Cochlea-Implantat, das er inzwischen auf beiden Seiten trägt, ermöglicht es Niklas Köhler trotzdem zu hören. Die Implantate sind nicht vergleichbar mit gängigen Hörgeräten, die Geräusche einfach verstärken. Der Warmbronner bekam in seine Hörschnecken Elektroden eingesetzt, die über elektronische Felder die Nerven reizen. „Damit klappt das Hören super“, erzählt er.

Cochlea-Implantate helfen Niklas Köhler bei seiner Hörschädigung

Wie gut er dank der modernen Wissenschaft hört, lässt sich schwerlich in Prozentzahlen ausdrücken, wie er auf Nachfrage bestätigt. „Ich höre Töne sehr gut“, geht er ins Detail. „Aber das Sprachverständnis ist schwer. Das ist deutlich schlechter als bei anderen Menschen.“ Ein Handicap seien die Implantate also durchaus, aber er ist dankbar für sie. „Es klappt gut. Früher in der Schule und heute in der Uni muss ich halt ein bisschen mehr nacharbeiten“, schildert der junge Mann, der in Tübingen Chemie im Masterstudiengang studiert.

Am Sporttreiben hindert ihn die Hörschädigung ebenso wenig. Genauer gesagt am Tennisspielen. Lange tat er dies beim TC Renningen, seit vorigem Jahr bei der TA SV Böblingen, wo er in der Winterrunde für die Herren III aufschlägt. Und Ende des vergangenen Jahres reiste er in sportlicher Mission sogar nach Japan.

In Tokio vertrat er Deutschland bei den Deaflympics 2025. Bei diesem Multisport-Event für taube und schwerhörige Menschen gewann er im Doppel sogar überraschend die Silbermedaille an der Seite von Luca Steen, der früher für den TC Herrenberg gegen die gelbe Filzkugel schlug. „Darauf hatten wir zwar gehofft, aber wir hatten nicht damit gerechnet“, lässt Niklas Köhler durchblicken.

Beim Doppelfinale, das die Deutschen gegen zwei Russen verloren, säumten um die 800 Zuschauer die Ränge im Ariake-Tennis-Park, in dem 2021 auch die Tenniswettbewerbe der Olympischen Spiele ausgetragen worden waren. Vor so vielen Leuten war Niklas Köhler bislang noch nicht seiner Leidenschaft nachgegangen. „Es war auch eine Wahnsinnsehre auf der selben Anlage zu spielen wie die Profis ein paar Monate zuvor beim ATP 500, das Carlos Alcaraz gewonnen hat“, schwärmt er.

Viele Menschen wollen ein Autogramm oder ein Selfie von Niklas Köhler

Im Anschluss an das verlorenen Doppelendspiel wollten viele Menschen ein Autogramm von ihm haben oder sich auf einem Selfie mit ihm ablichten. „Das hat sich irgendwie falsch angefühlt“, lacht der 22-Jährige. „Aber diese Erfahrung war auf jeden Fall mal cool.“

Insgesamt hat er die Deaflympics im Land des Lächelns in guter Erinnerung behalten. Diese seien „beeindruckend gemacht und unfassbar gut organisiert“ gewesen, und die Freundlichkeit der Einheimischen habe er schon direkt nach der zwölfstündigen Flugreise bei der Ankunft erleben dürfen. „Wenn man nicht weiter weiß, helfen einem die Japaner immer“, schildert er.

Niklas Köhler durfte in Tokio auf bekannten Courts spielen, wo auch schon die Profis aufgeschlagen hatten. Foto: DGSV

In den zweieinhalb Wochen vor Ort hatte der Warmbronner nur vier Tage frei, in denen er sich auch mal Tokio angeschaut hat, „um den Kopf freizubekommen, und damit ich nicht immer nur im Wettkampfmodus bin“. Die restlichen Tage verbrachte er auf der Tennisanlage, um dort selbst anzutreten oder um Landsmänner zu supporten.

Alle Sportler aus der deutschen Delegation wohnten gemeinsam in einem Hotel. Wie laufen die Gespräche ab, wenn eine so große Masse an Personen mit einer Hörschädigung aufeinandertrifft? „Bei der jüngeren Generation haben viele Cochlea-Implantate“, antwortet Niklas Köhler. „Mit denen kann man sich problemlos unterhalten.“

Niklas Köhler aus Warmbronn braucht keine Gebärdensprache

Bei den älteren Teilnehmern hingegen, die maximal mit Hörgeräten ausgestattet sind und selbst nicht astrein sprechen können, sei die Kommunikation schon schwieriger. „Viele der jüngeren Leute können keine Gebärdensprache, weil sie ja die Implantate haben“, erläutert Niklas Köhler. Bei ihm sei es genau so. „Man lernt die Gebärden für ,Guten Tag’ oder für ,Wie geht’s?’, aber um Gespräche zu führen, reicht das nicht aus – keine Chance.“

Dass der Tennisspieler von der TA SV Böblingen nun Schwarz-Rot-Gold im fernen Osten vertreten durfte, basierte mehr oder weniger auf einem einige Jahre in der Vergangenheit liegenden Zufall. „Ich war 2017 mit meiner Familie im Urlaub am Gardasee“, blickt Niklas Köhler zurück. Einer Trainerin im Tenniscamp fielen seine -Implantate auf. Diese Trainerin war Heike Albrecht-Schröder, die selbst insgesamt schon acht Medaillen bei den Deaflympics gewonnen hat.

Bei Lehrgängen zeigte Niklas Köhler, was er in Sachen Tennis draufhat

Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Bei diversen Lehrgängen bewies der damalige Teenager sein Können, wurde daher vom Bundestrainer für die Jugend-WM 2019 im türkischen Antalya nominiert. Im Zuge des Abiturs stand der Sport dann hinten an. „Für die Herren war ich daher erstmal zu schwach“, räumt Niklas Köhler ein.

Irgendwann ging es sportlich wieder bergauf. Bei einem weiteren Lehrgang überraschte er den Bundestrainer mit seinem Auftreten, 2024 durfte er sogar bei der Europameisterschaft mitmischen. Und nun folgte – im selben Jahr, in dem er an der Uni seinen Bachelor-Abschluss schaffte – mit den Deaflympics ein weiteres Highlight. „Das war der krönende Abschluss für 2025.“