Am 20. März vor 250 Jahren ist Friedrich Hölderlin geboren – seine Geburtsstadt Lauffen schenkt ihm ein neues Museum und den Einwohnern einen neuen Veranstaltungsort.
Lauffen - Natürlich ist der Festakt an diesem 20. März, mit dem das Hölderlinhaus in Lauffen am Neckar der Öffentlichkeit hätte übergeben werden sollen, abgesagt. Ein paar wenige Menschen werden sich aber vermutlich dennoch treffen und „eine Kerze anzünden“, wie es der Lauffener Bürgermeister Klaus-Peter Waldenberger formuliert. Eine Kerze für den größten Sohn der Stadt und für einen der größten deutschen Dichter. Eine Kerze für Friedrich Hölderlin.
Das Haus steht da wie zu Hölderlins Zeiten
Das Haus, das nun frühestens Anfang Juni seine Pforten öffnen wird, könnte sich zum neuen Magneten für alle Hölderlinfreunde weltweit entwickeln. Denn in Tübingen ist der Turm nach einem Brand im Jahr 1875 nicht mehr authentisch, und in Nürtingen (Kreis Esslingen) ist das mütterliche Haus vielfach umgebaut worden. In Lauffen aber hat das Hölderlinhaus wie durch ein Wunder alle Zeitläufte fast unbeschadet überstanden. Es wurde nie groß umgebaut, selbst die Stromleitungen wurden nur auf den Putz montiert. So steht das Haus jetzt nach einer Totalsanierung für 5,5 Millionen Euro fast wieder da wie zu Hölderlins Zeiten: Die Innenwände sind himmelblau bemalt, im Sommerzimmer gibt es eine Stuckdecke, und die alte Treppe, auf der der kleine Fritz auf dem Hosenboden heruntergerutscht ist, glänzt wieder wie vor 250 Jahren. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Gerade dieser Ort, der bisher nie für die Öffentlichkeit zugänglich war, ist der authentischste von allen Hölderlin-Orten, wenngleich er nur die früheste Kindheit betrifft.
Das Haus war seit 1743 in Familienbesitz
Für Eva Ehrenfeld, die große Hölderlinkennerin Lauffens und Kuratorin der neuen Ausstellung, ist es deshalb unerheblich, ob Friedrich Hölderlin nun in dem Haus geboren ist oder nicht. Schon seit 1743 war das barocke Gebäude im Familienbesitz, aber da Hölderlins Vater herzoglicher Klosterverwalter war, wohnten die Eltern gleich nebenan im Kloster; vermutlich kamen sie aber fast täglich herüber ins „Frauenhaus“, wo die beiden Schwestern des Vaters wohnten. Gut denkbar, dass die Mutter sich zur Geburt lieber in die Obhut dieser Frauen begab. Aber wie auch immer: Nach dem Tod des Vaters zog die Mutter mit den Kindern hierher. Mindestens von 1772 bis 1774 hat Friedrich Hölderlin als kleiner Bub hier gelebt.
Trotz dieser Einzigartigkeit des Ortes geht Lauffen aber mit dem Hölderlinhaus ein großes Wagnis ein. Der Tübinger Turm ist weithin bekannt, da schneien immer viele Touristen herein. In Nürtingen wird man keine reine Gedenkstätte errichten, sondern nach dem Umbau holt man die Volkshochschule ins Haus. Lauffen aber setzt, trotz der Lage abseits der Touristenströme, auf ein puristisches Hölderlinhaus. Das ist dem großen Engagement des Bürgermeisters geschuldet, der für Hölderlin glüht und dennoch mit kühlem Kopf die Sanierung vorangetrieben hat. Aus dem Stand kann Waldenberger mehrere Hölderlingedichte rezitieren. Und das liegt an Heinz-Dieter Schunk, einem Lauffener Unternehmer, der mehrfach sein Portemonnaie geöffnet hat, um dieses Haus zu erwerben und umzubauen. So einen Mäzen hätte Hölderlin zu Lebzeiten auch gebraucht – was hätte da aus ihm werden können.
Das Hölderlinhaus bekommt noch ein Café
So ganz stimmt die Aussage vom reinen Hölderlinhaus aber doch nicht. Denn es gibt auch einen neuen Anbau, der anstelle einer alten Scheune errichtet wurde. Noch ist alles Baustelle, dieser Teil wäre sowieso nicht zum 20. März fertig geworden. Dort werden künftig ein Café untergebracht sein sowie der neue Eingang, die Toiletten und der Aufzug. Diesen Anbau, bewusst in Abgrenzung zum alten Haus in Beton gehalten, kann man auch separat für Veranstaltungen nutzen. Lauffen bekommt so einen neuen Ort für Vereine und Kultur.
Im Hölderlinhaus ist dann das Gebäude selbst der wichtigste Ausstellungsgegenstand; deshalb hängt nichts an den Wänden, selbst die Lampen sind dezent angebracht, und die Heizkörper sind unter Sitzmöbeln versteckt. Die Atmosphäre des barocken Hauses soll wieder ganz zur Geltung kommen.
Sogar die Ausstellung nimmt sich zurück. Es gibt kaum digitale Angebote, und in jedem Raum wurden nur wenige Elemente aufgebaut. Während sich die Schau im Tübinger Turm den Gedichten Hölderlins und deren Metrik sowie der Tübinger Zeit des Dichters widmet (das Konzept in Nürtingen liegt noch nicht vor), liegt der Akzent in Lauffen auf der Selbstsicht Hölderlins. „Meist haben die Menschen den Blick auf Hölderlin – wir wollen es umdrehen“, erklärt Klaus-Peter Waldenberger. Im ersten Raum etwa wird Hölderlin als Junge, als Bruder und als Sohn vorgestellt – aber ausschließlich mit Zitaten des Dichters. Im nächsten Raum geht es um den Liebhaber und um den Freund, wobei Eva Ehrenfeld klug die Außendarstellung Hölderlins und seine private Innensicht unterscheidet.
In der Ausstellung gibt es etliche Spielereien
Aber natürlich gibt es auch einige Spielereien. So kann man sich in einem Raum ein Gedicht Hölderlins anhören, während die Worte zugleich von mehreren Projektoren an die Wände geworfen werden. Der Begriff Klangkörper erhält da eine ganz neue Dimension. Oder im Raum über Hölderlins Weltsicht werden mehrere eckige Globen stehen, die sich drehen lassen, wodurch man mehr über des Poeten Philosophie, Politik und Religion erfährt. Und am Ende erlauben sich die Ausstellungsmacher gar einen kleinen Ausflug in die Gegenwart. Hölderlin hatte viele neue Wörter für seine Gedichte erfunden – Eva Ehrenfeld hat nun selbst einige Begriffe kreiert, wie „weithindämmernd“ oder „tiefschütternd“, die in gleißender Neonschrift am Ausgang hängen. Und im Shop wird es künftig ein Parfüm geben, das den aparten Namen „Oxymoron“ trägt. Damit bezeichnet der Linguistiker ein Wort, das in sich widersprüchlich ist, wie etwa Hölderlins berühmtes „heilignüchterne“ Wasser.
Bald kann man Friedrich Hölderlin deshalb in Lauffen auch riechen. Wann genau das sein wird, ist offen: Zum Todestag Hölderlins am 7. Juni soll nach derzeitiger Planung im neuen Haus die Hölderlingesellschaft ihre Jahrestagung abhalten; gerne würde man dann auch die Ausstellung eröffnen. Ob das gelingt, weiß niemand. Denn schon Friedrich Hölderlin war es sehr bewusst: Das Schicksal und die Götter, sie lassen sich nicht zwingen.