Paul, Miland und Lyn haben sich mit der NS-Zeit auseinandergesetzt. Foto: Christoph Kutzer

Das Hölderlin-Gymnasium beteiligte sich am Stuttgarter Projekt „Erinnerungskultur – 80. Jahrestag der Pogromnacht, 9. November 1938“. Besonders beeindruckt waren die Schüler von der 98-jährigen Zeitzeugin Rachel Dror.

S-Nord - An der Rezeption im Sekretariat des Hölderlin-Gymnasiums flackert eine Kerze, Blumenschmuck und ein Informationsblatt weisen darauf hin, dass die Schule am Freitag ganz im Zeichen des 80. Jahrestags der Pogromnacht vom 9. November 1938 steht. „Unsere Zehntklässler haben sich intensiv mit dem ,Tagebuch der Anne Frank‘ befasst“, erklärt Simon Rentschler, der am Högy Geschichte und Englisch unterrichtet. „Sie werden heute in Kleingruppen die Klassen 5 bis 9 besuchen und versuchen, mit ihren Mitschülern ins Gespräch zu kommen.“

„Diese Frau ist wirklich ein Phänomen“

Die Oberstufenschüler erwarten parallel Besuch von der 98-jährigen Zeitzeugin Rachel Dror. „Wir fanden, dass es eine seltsame Situation gewesen wäre, wenn die auch in den Abschlussklassen hätten gehen müssen“, so Rentschler. „Es ist eine große Chance für uns, dass wir Kontakt zu Frau Dror haben“, ergänzt Schulleiter Matthias Wasel. „Diese Frau ist wirklich ein Phänomen. Es ist unglaublich, wie viel Energie sie immer noch aufbringt, um ihre Erfahrungen weiterzugeben.“

Pünktlich um 10 Uhr trifft die gebürtige Ostpreußin, der 1938 die Ausreise nach Palästina gelang, ein. Sie sei gerne gekommen, betont sie. Die jungen Menschen seien immer so nett und sehr interessiert.

Dror wirkt selbstsicher und gelassen. Wenn sie vor mehr als 100 Zuhörern zu verstehen gibt, sie habe nie Angst gehabt, als Jüdin in Deutschland zu leben, nicht einmal die Nazis hätten ihr Angst gemacht, dann nimmt man ihr das staunend ab. Bemerkenswert ist auch die Ruhe im Saal. Kein Tuscheln, kein Knistern, kein Stühlerücken: Die Schüler sind mucksmäuschenstill, während Rachel Dror erzählt, was ihre Familie in Königsberg rund um die Pogromnacht an Gewalt erleben musste oder wie sie in Haifa zufällig erfuhr, dass ihre Eltern in Auschwitz ermordet worden waren. „Das war 1952 und ich war mit meinem Mann unterwegs zum Tanzen“, erinnert sie sich. „Da wurde ich wegen der Ähnlichkeit mit meinem Vater von Fremden auf der Straße angesprochen. Es waren Auschwitzüberlebende, die mir berichten konnten, was mit meinen Eltern geschehen ist. Ich habe es erst auf diesem Wege erfahren.“

„Das war dieses Mädchen im Schrank“

Auch Anne Frank überlebte die Zeit in Auschwitz. 1945 starb sie im KZ Bergen-Belsen. „Wer hat denn schon etwas von ihr gehört?“ fragt Lyn (16) die Schüler einer sechsten Klasse. „Das war dieses Mädchen im Schrank“, weiß jemand. „Sie musste sich verstecken.“ Lyn liefert in einem Kurzreferat weitere Details. Milan (15) und Paul (15) übernehmen im Anschluss die Leitung der Gesprächsrunde. „Findet ihr es gut, dass wir auch nach 80 Jahren noch an die Pogromnacht erinnern?“ fragt letzterer. „Es ist wichtig an die Menschen zu denken, die gestorben sind und leiden mussten,“ findet ein Mädchen. „Auch damit so etwas nie wieder passiert.“

Das Fazit von Rachel Dror fällt ganz ähnlich aus. „Sie haben damals nicht gelebt. Sie sind nicht schuld daran, was geschehen ist“, gibt sie den Zuhörern mit auf den Weg. „Aber Sie sind verantwortlich für die Zukunft.“ Gefragt, ob sie sich vorstellen könne, dass sich die Geschichte wiederhole, fällt ihre Antwort eindeutig aus: „Ja. Es braucht nur den Richtigen dafür an der Macht.“

„Ich finde es schlimm, wie manche Leute den Holocaust bagatellisieren oder ohne nachzudenken rechte Witze reißen“, zeigt sich Elena (17) nach der Veranstaltung empört. „Umso wichtiger ist es, die Erinnerung wachzuhalten: mit einer beeindruckenden Begegnung wie dieser oder – wie die Zehntklässler – mit Informationen auf Plakaten und Gesprächen in den Klassen.“

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