Christian Eckert (links) und Tobias Schmidt sind erfahrene Höhlenrettungstaucher. Foto: Sebastian Steegmüller/StZN

Nur selten geraten Personen in Höhlen in eine Notlage oder werden eingeschlossen. Wenn doch, sind Ehrenamtliche gefragt. Die Rettung ist personal- und zeitintensiv.

Es ist kalt, es ist nass, es ist dunkel. Stück für Stück robben Christian Eckert und Tobias Schmidt durch schlammige Schächte, quetschen sich durch Engstellen und erklettern glitschige Felswände. Selbst Siphons, also Durchgänge, die unter Wasser stehen, müssen passiert werden. Nein, die beiden sind nicht Teilnehmer eines neuen TV-Formats, sie müssen keinen abgefahrenen Parcours möglichst in Rekordzeit überwinden. Sie sind Mitglieder der Höhlenrettung. Die wird in Baden-Württemberg immer dann gerufen, wenn unter Tage eine Person in Not geraten ist.

 

Zuletzt sind sie an der Wimsener Höhle im Kreis Reutlingen im Einsatz gewesen – glücklicherweise nur, um für den Ernstfall zu trainieren. Auffällig bei der Übung, bei der ein Mann auf einer Tauchtrage aus der Höhle gebracht wird, ist: Während bei normalen Rettungseinsätzen meist jede Minute zählt, hat man es diesmal nicht ganz so eilig. „Die Akutversorgung ist aufgrund der Gegebenheiten meist nicht möglich“, sagt Eckert. Er ist wie viele seiner Kollegen seit vielen Jahrzehnten privat auch Höhlenforscher. „Bis man eine verletzte oder eingeschlossene Person erreicht hat, können viele Stunden vergehen“, sagt der 43-Jährige. „Eine Rettung zieht sich auch mal über mehrere Tage hin“, ergänzt der 51-jährige Schmidt. Auch er hat jahrzehntelange Erfahrung in den Schächten.

Unterkühlung ist meist das größte Problem

An eine Rettung könne sich die beiden noch gut erinnern: Im Herbst 2019 saßen zwei Männer nach starken Regenfällen über Nacht in der Falkensteiner Höhle fest. Erst als die Strömung am nächsten Morgen zurückging, wagten sich die Retter zu ihnen vor. Überraschend einfach stellte sich die Erstversorgung der unverletzten Eingeschlossenen dar: „Wir haben ihnen erst einmal einen Tee gemacht und eine Suppe gekocht“, sagt Eckert. Als die Höhlengänger sich etwas erholt hatten, erhielten sie noch einen Tauchkurs, anschließend ging es mit den Rettern zurück an die Tagesoberfläche.

„Die Unterkühlung ist meist das größte Problem“, sagt Jens Hornung, Einsatzleiter der Malteser-Höhlenrettung. In den Hohlräumen unter der Schwäbischen Alb herrschen Temperaturen um acht Grad. „Eine effiziente Wärmeversorgung ist lebensrettend.“ Sie werde unter anderem mit Körperheizsystemen und Isolationsschichten erreicht. Außerdem komme ein spezieller Atemlufterwärmer zum Einsatz.

Trotz mehr als 3000 Höhlen, die es in Baden-Württemberg gibt, tritt der Ernstfall nur äußert selten ein. „Im Durchschnitt etwa einmal im Jahr“, so Hornung, der von der Notwendigkeit einer organisierten Höhlenrettung mit regelmäßigen Übungseinheiten dennoch überzeugt ist. Man sei auf die extremen Verhältnisse spezialisiert und müsse mit Bedacht vorgehen, seine Grenzen kennen und dürfe die Eigensicherung nie außer Acht lassen. Zum Stamm der Organisation gehörten Ärzte, Techniker, medizinisches Personal und Höhlentaucher. Unterstützt werde man zudem von der Bergwacht des Deutschen Roten Kreuzes. „Wir wissen, was unsere Kräfte können und setzen sie spezifisch ein“, sagt Hornung. Der 55-Jährige betont, dass Einsätze bei fast 100 Prozent Luftfeuchtigkeit sehr personalintensiv sind. „Eine Höhlenrettung kann ganz schnell mal 150 Leute umfassen. Außerdem ist sie eine Materialschlacht.“

Patienten mit Raupentechnik befördern

Flaschenzüge, Gegengewichts- und Seilbahnsysteme sind Teil der technischen Ausrüstung. Auch Pressluftflaschen sind Standard. Sie werden aber meist nicht auf dem Rücken, sondern seitlich am Körper getragen. „Sonst besteht die Gefahr, dass man irgendwo hängen bleibt“, so Hornung. Vor allem der Rückweg sei eine große Herausforderung. „Wo sich zuvor ein gesunder Mensch durch Felsen gezwängt hat, muss anschließend die Trage samt Patient durch. Und das auch vertikal.“ Einen Schwerverletzten müsse man teilweise über Stunden möglichst erschütterungsfrei transportieren. Wenn es der Platz zulässt, wird er sogar über die Höhlenretter hinweggezogen – mit einer Technik, die an die Fortbewegung einer Raupe erinnert. Geht gar nichts mehr, wird eine Engstelle auch mal gesprengt.

Tauchgänge seien nicht ohne, selbst wenn Siphons nicht sonderlich tief oder lang sind. „Das Wasser ist zunächst kristallklar, sobald jedoch jemand hineinsteigt und die Sedimente aufwirbelt, sieht man so viel wie in einer Tasse Kaffee: nichts“, sagt Matthias Leyk, Vorsitzender der Höhlenrettung Baden-Württemberg. Sie wurde im Sommer 1985 ins Leben gerufen. Knapp ein Jahr später folgte die Malteser-Höhlenrettung, mitgegründet von Jens Hornung. Hinter beiden Vereinen, die sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden finanzieren, stehen Höhlenforscher, die sicherstellen wollten, dass sie und ihre Kollegen im Ernstfall professionell gerettet werden. „Wir stehen nicht in Konkurrenz“, sagt Hornung. Kooperation wird groß geschrieben. „Wenn etwas passiert, werden beide alarmiert.“ Zugleich höre ihr Einsatzgebiet nicht an Baden-Württembergs Grenzen auf. „Wenn wir gebraucht werden, gehen wir überall hin.“ Zum Beispiel nach Bayern, als im Juni 2014 in der Riesending-Schachthöhle ein Höhlenforscher in knapp 1000 Meter Tiefe durch einen Steinschlag schwer am Kopf verletzt wurde. „Der Einsatz dauerte insgesamt zwölf Tage.“

Höhlen in Baden-Württemberg

Höhlen
In Baden-Württemberg gibt es mehr als 3000 Höhlen, die teilweise in Karstgebieten wie der Schwäbischen Alb oder der Hohenloher Ebene zwischen Heilbronn, Crailsheim und Tauberbischofsheim liegen. Auch im oberen Neckartal, dem Dinkelberg im Südschwarzwald und dem Hegau existieren Höhlensysteme. Dazu gibt es im Schwarzwald eine große Anzahl aufgelassener, alter Bergwerke.

Ausflugsziele
Schauhöhlen sind Höhlen, die für Besucher begehbar gemacht wurden – zum Beispiel mit Weggestaltung, Beleuchtung oder Führungen. Die Bärenhöhle in Sonnenbühl-Erpfingen zählt zu den bekanntesten Tropfsteinhöhlen des Landes. Die Wimsener Höhle im Kreis Reutlingen ist die einzige mit dem Boot befahrbare Schauhöhle Deutschlands.