Verspricht touristische Rendite: das Welterbesiegel der Unesco Foto: dpa

Deutschlands Denkmalschützer rechnen fest damit, dass die Unesco sechs Höhlen der Schwäbischen Alb mit dem Titel Welterbe adelt. Es stellt sich die Frage nach Sinn und Zweck des Welterbes. Ein Kommentar von Arnold Rieger.

Stuttgart - Der Sekt steht kühl, die Festreden sind skizziert: Deutschlands Denkmalschützer rechnen fest damit, dass die Unesco sechs Höhlen der Schwäbischen Alb mit dem Titel Welterbe adelt. Die Fundstätten steinzeitlicher Figuren und Flöten wären dann der 42-ste deutsche Eintrag auf der viel beachteten internationalen Liste, fünf davon steuert Baden-Württemberg schon bisher bei. Entsprechend freudig blickt nicht nur die archäologische Zunft auf das Ereignis, das ihre Arbeit ins öffentliche Licht rückt, sondern auch die Tourismusbranche. Gemessen am Besucherplus anderer Kulturdestinationen dürfen künftig auch Albgemeinden wie Niederstotzingen auf eine Unesco-Rendite hoffen.

Bei allem Lokalpatriotismus lohnt sich aber die Frage nach dem tieferen Sinn einer solchen Prämierung. Denn das kulturelle Gewicht eines Schlosses oder einer Kathedrale nimmt ja nicht dadurch zu, dass eine Organisation wie die Unesco ihr Gütesiegel dran klebt. Es wäre auch ignorant zu glauben, die Vogelherdhöhle oder der Hohle Fels, wie zwei der sechs nominierten Fundstätten auf der Alb heißen, seien ohne das Etikett weniger bedeutsam. Wahrscheinlich haben noch viele tausend andere Kulturzeugnisse der Menschheit einen „außergewöhnlichen universellen Wert“, wie das Hauptkriterium der Unesco lautet – auch wenn die Organisation von ihnen keinerlei Kenntnis hat.

Aleppo ohne Schutz

Die Frage nach Sinn und Zweck des Welterbes drängt vor allem dann, wenn die Nachrichten wieder einmal den unwiederbringlichen Verlust eines Kulturguts melden. So fielen die Altstadt von Aleppo oder die Bauwerke in Palmyra dem syrischen Bürgerkrieg zum Opfer, ohne dass das Unesco-Siegel auch nur das Geringste daran ändern konnte. Im Irak haben sich die Dschihadisten mit ihren Planierraupen geradezu an der Roten Liste orientiert, um die zivilisierte Welt zu provozieren. Anderorts bedrohen Staudämme und Industrieanlagen die Kultur. Und was nützt der schönste Titel, wenn armen Ländern schlicht das Geld fehlt, um ihr Erbe zu pflegen? Das Schutzziel, auf das sich fast 200 Staaten mit der Welterbekonvention verpflichten, ist also, wenn es hart auf hart kommt, nicht viel wert. Doch darf man die Unesco dafür wirklich tadeln? Wenn es den UN nicht gelingt, Menschen vor Flucht und Vertreibung zu bewahren, kann man ihrer Tochter Unesco schwerlich mangelnde Durchsetzungskraft beim Kulturschutz vorwerfen.

Es wäre auch falsch, dem Streben nach dem Titel reines Prestigedenken zu unterstellen. Denn die Idee des Welterbes hat einen wichtigen psychologisch-didaktischen Zweck. Ihre größte Stärke ist es, dass sie das Kultur- und Naturerbe ins öffentliche Bewusstsein ruft. Und zwar das der ganzen Welt, nicht nur der westlichen, wie es lange Zeit der Fall war. Das bewirkt nicht nur, dass man im Westen eurozentrische Allüren ablegt, sondern kann auch ganz handfeste Vorteile haben: Viele Länder locken damit Kulturtouristen an – eine der nachhaltigsten Formen des Fremdenverkehrs. Der Tower in London oder die Medina von Marrakesch haben solche Vermittlung nicht nötig. Doch wer wüsste von persischen Gärten und kambodschanischen Tempeln, würden sie nicht ins Rampenlicht gerückt?

Auch die Höhlen der Alb sind noch weithin unbekannt, obwohl sich dort eine Art kultureller Urknall ereignet hat. Die einmaligen Funde im Urstromtal der Donau liefern die Erkenntnis, dass menschliches Denken und Fühlen rein gar nichts mit zivilisatorischer Moderne zu tun haben. Sie spiegeln die Suche nach Sinn und Schönheit – und sei die Umwelt auch noch so lebensfeindlich. Das zu vermitteln, lohnt sich auch ohne prestigeträchtiges Welterbesiegel. Doch mit dem Etikett wird es einfacher.

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