Vier aktuelle Fälle von Hodenkrebs in der Bundesliga, dazu Marco Russ, ehemaliger Spieler von Eintracht Frankfurt, der wie ein Jetpilot behandelt wurde: zum Weltkrebstag ein Appell für mehr Vorsorge.
Im Mai 2016 hat eine Dopingprobe das Leben von Marco Russ gerettet. Dreimal hintereinander war der Fußballprofi von Eintracht Frankfurt von der Nationalen Anti-Doping Agentur (NADA) getestet worden. Ergebnis: Der Wert des Hormons Beta-HCG war deutlich erhöht. Bei Frauen lässt das auf eine Schwangerschaft schließen, bei Männern auf Doping – oder auf die Diagnose Hodenkrebs.
Bei Marco Russ traf Letzteres zu. Sein Tumor wurde herausoperiert, es folgten zwei Chemotherapien. „Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so elend gefühlt. In meinem Körper versuchte das Gift, die letzten von Krebs befallenen Zellen abzutöten, ein Abnutzungskampf wie 90 Minuten plus Verlängerung und ein nicht enden wollendes Elfmeterschießen bei 40 Grad im Schatten. Nur viel schlimmer“, schreibt Russ in seinem Buch „Kämpfen. Siegen. Leben: Ein Leben für den Fußball und gegen den Krebs“, das von großer Aktualität ist.
Auch ein ehemaliger VfBler ist betroffen
Mit dem ehemaligen VfB-Stuttgart-Spieler Timo Baumgartl, Marco Richter und Jean-Paul Boëtius (beide Hertha BSC) sowie Sébastien Haller (Borussia Dortmund) haben in den vergangenen Monaten gleich vier Fußballprofis ihre Hodenkrebserkrankung öffentlich gemacht. Haller kehrte erst vor Kurzem auf den Fußballplatz zurück.
Der heute 37-jährige Marco Russ war der erste Bundesligaprofi, der offen über seine Krankheit gesprochen hat und zehn Monate nach seiner Diagnose seine Mannschaft wieder als Kapitän auf den Platz führen konnte. Sein Glück damals: „Mit Michael Sohn hatte ich einen Arzt, der über den Tellerrand hinausdachte“, erzählt Russ. Sohn, damals Chefarzt der Klinik für Urologie am Markus Krankenhaus in Frankfurt und heute Senior Consultant des Klinikums, holte sich eine ganz besondere Zweitmeinung ein.
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ehemaliger-profi-des-vfb-stuttgart-timo-baumgartl-ueber-hodenkrebs-und-humor-als-hilfe.262f2761-945c-4e3e-897f-199ab890935e.html
„Wir machen routinemäßig bei allen Hodentumorpatienten eine Zweitmeinungsabfrage. Bei Marco Russ hat uns Professor Hans Schmelz vom Bundeswehrzentralkrankenhaus Koblenz unterstützt: Wenn jemand Leistungssport betreibt, sollte man ein Chemotherapeutikum nutzen, das zwar auch Nebenwirkungen hat, bei Jetpiloten oder Leistungssportlern aber sicherstellt, dass keine Langzeitschäden in der Lunge entstehen.“
Russ wurde wie ein Jetpilot behandelt. „Weil diese Flieger in körperlich ausgezeichneter Verfassung sein müssen“, so Russ. Das Ziel: Der Abwehrspieler sollte auch nach den Chemos die ganze Kraft seiner Lungenflügel voll ausnutzen können.
Häufigste Krebsart bei Männern in einem bestimmten Alter
Die Diagnose Krebs kann jeden treffen. „In den industrialisierten Nationen mit der besten Tumorerfassung steigt die Zahl der Tumorerkrankung an“, sagt Sohn. Woran liegt es, dass in der jüngeren Vergangenheit so viele Fußballprofis die Abwehrschlacht ihres Lebens bestreiten mussten? „Es deutet alles darauf hin, dass die Häufung an Bundesligaprofis mit Hodenkrebs Zufall ist. Der Zusammenhang zwischen Leistungssport und Hodenkrebs wird gerade in einer Studie in Hamburg untersucht, zu der bisher noch keine Daten bekannt sind“, erklärt Michael Sohn.
Marco Russ und die vier anderen betroffenen Spieler hatten es mit einem besonderen Gegner zu tun. „Insgesamt betrachtet ist es ein seltener Tumor, der bei zehn oder elf von 100 000 Männern auftritt, im Alter zwischen 20 und 40 Jahren ist er mit 25 Prozent aber der häufigste“, erklärt Michael Sohn, der an die Wachsamkeit der betroffenen Zielgruppe appelliert: „Jungen Männern wird empfohlen, ihre Hoden zu ertasten, ob sie eine Verhärtung finden. Dann sollte man sofort zum Urologen.“
Die Hodenkrebs-Früherkennung durch Tasten ist in Deutschland keine Kassenleistung. Marco Russ versteht das nicht: „Die Untersuchung beim Urologen sollte angeboten werden, weil sie keine Zeit kostet und Leben retten kann.“
Russ’ offener Umgang mit seiner Diagnose hat viele Menschen bewegt: „Nach der Erkrankung und nachdem das Buch erschienen ist, habe ich so viele Nachrichten bekommen – auch von Spielern, unabhängig davon, welche Farbe man trägt. Es gab viele, die mir geschrieben haben, dass sie durch das Buch die Krebserkrankung der Mutter oder des Bruders besser verarbeiten konnten.“
Mit Galgenhumor gegen den Tumor
Was ihm selbst geholfen hat? Einerseits seine Sportlichkeit: „Physisch, psychisch und mental war es von Vorteil, dass ich Leistungssportler war. Ich habe mich Schritt für Schritt zurückgekämpft, anfangs mit Yoga und Tennis.“ Zum anderen hat Russ versucht, den Krebs mit Galgenhumor zu entzaubern. In seinem Buch schreibt er von einem „Eiertanz“ und benutzt weitere Begriffe, die den Tumor mit Humor nehmen. „Mir hat das geholfen. Das ist von Mensch zu Mensch aber sicher unterschiedlich, wie man damit umgeht. Und in der zweiten Chemo hatte ich auch nichts zu lachen.“
Russ und die anderen betroffenen Spieler hatten mit der Diagnose Hodenkrebs Glück im Unglück, sagt Michael Sohn: „Es ist einer der Tumore mit den besten Heilungschancen bei frühzeitiger Erkennung, unter anderem weil er sehr Chemotherapie-empfindlich ist. Über den Daumen gepeilt gibt es eine über 90-prozentige Wahrscheinlichkeit, nicht daran zu sterben.“
Heute macht Marco Russ die Eintracht als Analyst besser
Was alle betroffenen Fußballprofis nach ihrem Kampf betonen: Sie haben seitdem einen anderen Bezug zum Leben, weil sie wissen, dass Gesundheit keine Selbstverständlichkeit ist. Marco Russ hatte zuletzt vor allem mit seinem ehemaligen Mitspieler Sébastien Haller mitgefiebert: „Ich weiß, wie viel harte Arbeit, wie viel Schweiß und Nerven es ihn gekostet hat, wieder auf dem Platz zu stehen.“ Russ selbst arbeitet heute für Eintracht Frankfurt als Analyst in der Gegnerbeobachtung. Ist er in seinem zweiten Leben nach dem Krebs also daran schuld, dass Eintracht Frankfurt heute so erfolgreich ist? Das liege eher daran, dass die Abwehrspieler besser seien als zu seiner aktiven Zeit als Abwehrchef der Eintracht. Russ nimmt scheinbar jede Situation im Leben mit hessischer Lässigkeit.
Hodenkrebs in der Fußballbundesliga
Zahlen
Laut dem Zentrum für Krebsregisterdaten (ZfKD) am Robert-Koch-Institut in Berlin sind 2019 in Deutschland 4162 Männer an Hodenkrebs erkrankt.
Zufall
2022 erwischte es gleich vier prominente Fußballprofis in der Bundesliga. Sind Leistungssportler für diese Tumorart also besonders gefährdet? Die Experten vermuten, dass es sich bei der Häufung um einen Zufall handelt.