1965 heirateten Ursula und Reiner Ade in der Johanneskirche im Stuttgarter Westen. Foto: privat/Simon Granville

Perfekter Mann, perfektes Kleid – zu ihrem Glück fehlte nur noch die perfekte Kirche. Für uns erinnert sich Ursula Ade an ihre Hochzeit in der Johanneskirche vor über 60 Jahren.

Sie ist das Wahrzeichen des Stuttgarter Westens: Die Johanneskirche am Feuersee. 2026 wird die vom Krieg gezeichnete Schöne 150 Jahre alt. Unsere Leserinnen und Leser haben mit uns ihre Erinnerungen geteilt. Heute: Ursula Ade, die am 9. Oktober 1965 in der Johanneskirche geheiratet hat.

 

Dass der Fotograf vergessen hatte, einen Farbfilm einzulegen, bedauert Ursula Ade bis heute. Denn auf den Schwarz-Weiß-Bildern sieht man gar nicht, dass die Farbe ihres Brautkleids nicht etwa Weiß war, sondern ein ganz zartes Rosé. Zu dem Satinkleid gehörte ein Mantel aus Organza, beides hatte sie extra von einer Designerin schneidern lassen, die für ein Stuttgarter Modehaus arbeitete.

Das perfekte Brautkleid war also da. Die perfekte Kirche – das gestaltete sich schwieriger. Denn Ursula Barth, wie sie damals noch heißt, und ihr Bräutigam Reiner Ade wollen nicht in der schmucklosen Behelfskirche am Leipziger Platz heiraten, die zur Gemeinde ihres Pfarrers im Stuttgarter Westen gehört. „Ich wollte als Braut so gerne durch einen richtigen Mittelgang einziehen“, erinnert sie sich heute, 61 Jahre später. Zunächst traut sich die damals 26-Jährige nicht, das dem Pfarrer zu verraten. „Ich dachte, mein Wunsch sei zu unchristlich.“ Als sie es dann doch tut, hat der Pfarrer, der sie schon konfirmiert hatte, Verständnis. Der Weg zur Johanneskirche ist frei.

Ursula und Reiner Ade an ihrem Hochzeitstag im Jahr 1965. Foto: privat

Wenn Ursula Ade heute zurückschaut, hat sie viele Bilder im Kopf: Die schöne Kirche. Der sonnige Oktobertag im Jahr 1965. Der beige Opel Admiral ihres Schwagers, mit dem sie am Feuersee vorfahren. Ihr Brautstrauß aus Maiglöckchen, ihre Lieblingsblumen, die im Herbst schwer zu bekommen sind. Das Haarteil unterm Schleier, das damals viele Frauen tragen, damit der Dutt so üppig wirkt wie bei der persischen Kaiserin Farah Diba. Die Feier in der Alten Kanzlei. Und Reiner Ades Freund und Kommilitone, der den Farbfilm vergessen hatte.

Ursula Ades früheste Erinnerungen sind an eine Kindheit im Krieg, an Bombenalarm und Nächte voller Angst. „Alles hat gebrannt“, sagt sie. Die Familie Barth lebt in der Weimarstraße im Stuttgarter Westen, die Johanneskirche liegt um die Ecke. In einer Bombennacht 1944 verliert das Gotteshaus seine Turmspitze. Der Vater ist an der Front, Ursula sitzt mit ihrer Mutter im Keller. „Wir hatten einen sehr tiefen Keller, Nachbarn sind zu uns gekommen, weil es bei uns sicherer war.“ Am Ende des Zweiten Weltkriegs ist ihr Haus eines der wenigen, das in der Gegend noch steht.

Fünf Jahre warten bis zur Hochzeit: „Es war Liebe auf den ersten Blick“

Ursula geht auf die Falkertschule, anschließend macht sie eine Ausbildung bei Korbmayer als Verkäuferin und Dekorateurin. Dort hat sie eine Kollegin, die emsig Pfennige sammelt, um ihre Brautschuhe zu kaufen. Weil es ihr peinlich ist, mit Tüten voll Pfennigen in ein Schuhgeschäft zu gehen, kommt Ursula zur Unterstützung mit. Daraufhin lädt sie die Kollegin zur Hochzeit ein. Bei der Feier im Adler in Asperg lernt sie Reiner kennen, den Bruder der Braut. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erinnert sich Ursula Ade an die erste Begegnung mit ihrem Mann im Jahr 1960. Ein gut aussehender, kluger Mann, 1,94 Meter groß, schlank, zwei Jahre jünger, Maschinenbaustudent.

Auf dieser Abbildung hat die Johanneskirche ihre Turmspitze noch. Foto: Simon Granville

Fünf Jahre müssen sie warten, dann ist Reiner mit dem Studium fertig. „Danach sind wir sofort aufs Standesamt“, erinnert Ursula Ade sich. „Wir waren so aufgeregt. Damals konnte man ja nicht einfach ohne Trauschein zusammenziehen – es war eine furchtbar prüde Zeit.“ Sechs Jahre leben sie in der Wohnung in Ludwigsburg, in der Ursula Ade heute wieder wohnt.

Von Ludwigsburg geht es nach München

„Wir hatten ein wunderschönes Leben“, sagt die Seniorin. Von Ludwigsburg zieht das Paar nach München, wo Reiner Ade noch einmal studiert und dann noch promoviert. Seine Frau macht die Schaufensterdekorationen für ein edles Kindermodengeschäft. Reiner Ade arbeitet bei verschiedenen Maschinenbauern im Management, sie ziehen oft um. Ihre gemeinsame Leidenschaft ist das Reisen, nach Argentinien, Brasilien, nach Dubai und immer wieder ins Nachbarland Frankreich. Ihren Lebensabend wollen die beiden im bayerischen Voralpenland verbringen, in einem Haus mit großem Garten, das Ursula Ade mit viel Liebe dekoriert und ausgestattet hat.

Ursula Ade beim Blick ins Fotoalbum. Foto: Simon Granville

2019 geht es Reiner Ade ganz plötzlich schlecht, er muss in die Klinik, stirbt dort im Schlaf. Ursula Ade ist von einem Moment auf den anderen allein. „Das trifft einen ganz tief. Wir haben alles zusammen gemacht. Er war meine große Liebe von Anfang an.“ Die Witwe zieht zurück nach Ludwigsburg, um näher bei ihrer Familie zu sein. Mit ihrem Neffen macht sie Stuttgart-Abende, geht essen oder in Konzerte. „Ich entdecke Stuttgart noch einmal ganz neu. Es ist wie eine Heimkehr, ein Déjà-vu – und das ist ein schönes Gefühl.“

54 Jahre waren die Ades verheiratet. Vor ein paar Monaten war Ursula Ade mit ihrem Neffen in der Johanneskirche, um die immersive Lichtshow „Enlightenment“ zu sehen. „Die Farben, Vivaldis Vier Jahreszeiten – es war wunderbar. Ich habe an dem Abend viel an meinen Mann gedacht“, erzählt sie. „Ich wusste gar nicht mehr, wie schön die Kirche ist.“