Im Juni 2024 verwandelten starke Regenfälle die Lauter in Wendlingen in einen reißenden Strom. (Archivfoto) Foto: Kerstin Dannath

Extreme Wetterereignisse nehmen zu und Wendlingen (Kreis Esslingen) rüstet sich gegen Hochwasser. Warum Eigenvorsorge entscheidend ist, dazu informiert und berät die Stadt ihre Bürger.

Viel hat im Juni 2024 nicht gefehlt und die Anwohner der Wendlinger Lauter hätten nasse Füße bekommen: Vorausgegangen waren schwere Regenfälle flussaufwärts, die die sonst friedlich plätschernde Lauter innerhalb kürzester Zeit in einen reißenden Strom verwandelten. Starkregen und Hochwasser sind längst keine abstrakten Phänomene mehr – der fortschreitende Klimawandel führt zu einer Zunahme dieser extremen Wetterereignisse und lässt sie zu einer spürbaren Realität werden mit hohen Sachschäden, aber auch Risiken für Leib und Leben. Die Stadt Wendlingen will darum ihre Bürger dazu ermuntern, sich für Hochwasserereignisse zu wappen.

 

„In diesem Jahr haben wir bislang Glück gehabt“, sagte Wendlingens erster Beigeordneter Markus Lämmle bei einer Infoveranstaltung im Treffpunkt Stadtmitte – da extreme Wetterereignisse aber immer häufiger vorkommen, ist der Stadt daran gelegen, ihre Bürgerschaft umfassend zu informieren. Denn nicht nur das Land und die Kommunen sind gefordert, das Wasserhaushaltsgesetz nimmt auch Privatleute in die Pflicht. So heißt es im Paragraf 5, Absatz 2: „Jede Person, die durch Hochwasser betroffen sein kann, ist im Rahmen des ihr Möglichen und Zumutbaren verpflichtet, geeignete Vorsorgemaßnahmen zum Schutz vor nachteiligen Hochwasserfolgen und zur Schadensminderung zu treffen, insbesondere die Nutzung von Grundstücken den möglichen nachteiligen Folgen für Mensch, Umwelt oder Sachwerte durch Hochwasser anzupassen.“

Expertin zu Hochwasser: „Eigenvorsorge ist die Basis der Schadensminderung“

Vanessa Kruse vom Regierungspräsidium hat Wendlinger Bürgerinnen und Bürger zum Thema Hochwasserschutz informiert. Foto: Kerstin Dannath

„Eigenvorsorge ist die Basis der Schadensminderung“, bestätigte Vanessa Kruse vom Regierungspräsidium Stuttgart. Und das muss gar nicht mal teuer sein: „Schritt eins, ist zu schauen, was im Keller gelagert ist. Wertvolle Dinge sollten umgeräumt werden, damit ich im Gefahrenfall erst gar nicht in den Keller runter gehen muss.“ Wichtig ist auch, sich umfassend zu informieren: „Viel Wissen ist frei zugänglich“, so Kruse mit Verweis auf die Starkregen- und Hochwassergefahrenkarten. Dort könne jeder prüfen, welches Risiko seine Immobilie betreffe, und gegebenenfalls etwa mit erhöhten Lichtschächten, wasserdichten Kellerfenstern oder mobilen Schottsystemen nachrüsten. „Oft reichen kleinere Maßnahmen, um große Schäden zu vermeiden“, erläuterte Stefan Freidel vom Ingenieurbüro Weber. Wichtig sei aber, Rückstauklappen in Abwasserleitungen nicht nur einzubauen, sondern regelmäßig zu warten.

Daneben ist der Versicherungsschutz ein großes Thema. Laut dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) sind in Deutschland gerade mal 52 Prozent der Gebäude ausreichend geschützt. „Man sollte wissen, was über die Elementarschadenversicherung abgedeckt ist. Außerdem sollte man eine Fotodokumentation des Ist-Zustandes in petto haben“, empfahl Expertin Meri Eremut, Beraterin für Hochwasser- und Starkregenvorsorge. Dass es im Ernstfall finanzielle Hilfe vom Staat gebe, sei ein häufiger Irrtum, warnte sie: „Staatliche Soforthilfen werden nur ausgezahlt, wenn man sich erfolglos um eine Versicherung bemüht hat. Und auch das müssen Betroffene nachweisen, erst dann hilft der Staat.“

Notfallpläne und Vorräte: Praktische Tipps für Extremwetterereignisse

Weitere praktische Tipps sind die Nutzung von Wetterapps oder, Extremwetterereignisse durchzuspielen und private Notfallpläne zu erstellen sowie ein Notfallgepäck inklusive eine Dokumentenmappe vorzubereiten. Zudem sei ein Notvorrat an Lebensmitteln angebracht.

Auch Wendlingens Feuerwehrkommandant Michael Gau appellierte an die Eigenverantwortlichkeit: „Ein gewisses Maß an Eigenvorsorge muss sein.“ Man könne nicht erwarten, dass die Feuerwehr oder weitere Hilfsorganisationen im Notfall immer sofort parat stehen: „Es kann dauern, bis Hilfe kommt. Vor allem bei Starkregen gibt es oft andere Einsätze wie etwa Autounfälle, die wir nicht vernachlässigen können weil sie zu unserem Verantwortungsbereich gehören.“ Eigenvorsorge beginne schon mit einem Wasserschieber und einer kleinen Tauchpumpe, die etwa bei einem vollgelaufenen Keller zum Einsatz kommen, ergänzte Zugführer Markus Brändle von der Wendlinger Feuerwehr.

10 Millionen Euro für Hochwasserschutz in Wendlingen investiert

Vonseiten der Kommune und des Landes wurde in den vergangenen Jahren viel getan, um die Risiken in Wendlingen und Umgebung überschaubar zu halten. So wurden rund 10 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert: Dazu wurden entlang des Neckars Dämme erhöht, Schutzwände und mobile Systeme errichtet sowie bestehende Bauwerke angepasst. Geschützt ist die Stadt nun vor einem sogenannten hundertjährlichen Hochwasser am Neckar inklusive einem Klimazuschlag von 15 Prozent. Mit ihrem kommunalen Starkregenrisikomanagement hat die Stadt einen weiteren Baustein hinzugefügt. Die 2023 veröffentlichen Starkregengefahrenkarten zeigen für unterschiedliche Szenarien, wie das Wasser abfließt, wo es sich sammelt und welche Fließwege relevant sind. So werden Risiken sichtbar, Maßnahmen können zielgerichtet gestaltet werden und die Bürgerschaft kann ihr individuelles Risiko besser einschätzen und wirksam reduzieren. „Es gilt nun, das Bewusstsein zu verankern, wie gefährlich Wasser sein kann“, erklärte der erste Beigeordnete Markus Lämmle.

Weitere Informationen und Ansprechpartner

Starkregen
Von einem Starkregenereignis wird gesprochen, wenn es innerhalb kurzer Zeit lokal begrenzt sehr intensiv regnet. Definiert werden drei unterschiedliche Niederschlagsstärken: Selten, Außergewöhnlich und Extrem. Bei letzterer fallen innerhalb von einer Stunde mehr als 128 Millimeter je Stunde Regen und es treten großflächige Überflutungen auf.

Hochwasser
Informationen zu Überflutungsflächen und Wassertiefen bei Überschwemmungen werden in Hochwassergefahrenkarten erfasst. Je nachdem, wie häufig diese Ereignisse auftreten, spricht man zum Beispiel von einem häufigen (HQ10), mittleren (HQ100) oder extremen Ereignis (Hqextrem).

Gefahrenkarten
Die Starkregen- und Hochwassergefahrenkarten sind unter https://udo.lubw.baden-wuerttemberg.de/public/ einsehbar. Weitere Informationen gibt es auch unter www.hochwasser.baden-wuerttemberg.de sowie auf der Homepage der Stadt Wendlingen oder direkt beim Stadtbauamt.