Vier Pumpen sind in Betrieb. Die große Pumpe der Feuerwehr wird manuell zugeschaltet. Sie spuckt das Grundwasser aus dem Vereinsheim in den Neckar. Foto: Karin Götz

Am frühen Sonntagmorgen sieht es so aus, als würde der Ruderverein Marbach mit einem blauen Auge davon kommen. Doch die Lage spitzt sich dann wieder zu.

Zum ausgiebigen Schlafen sind Mutter und Sohn in der Nacht von Samstag auf Sonntag nicht gekommen. Um Mitternacht beenden Heike und Michael Breitenbücher die erste Schicht ihrer Nachtwache auf dem Gelände des Marbacher Rudervereins am Neckarufer. Vier Stunden später ist das Duo wieder am Start.

 

Im Zwei-Stunden-Rhythmus wechseln sich acht Helfer in der Nacht ab. Wo tagsüber noch zig Mitglieder angepackt hatten, um Sandsäcke zu füllen und Pumpen auszulegen herrscht in der Morgendämmerung fast schon gespenstische Ruhe. Nur die reißende Strömung des Neckars ist zu hören – und die Pumpe, die Michael Breitenbücher immer wieder manuell zuschaltet, um das Wasser aus dem Vereinsheim in den Neckar auszuspucken.

Schlamm wird wie Zement

Um 4.30 Uhr liegt der Pegel des Neckars bei 6,44 Meter. Nachdem sich die Lage etwas entspannt hatte wollten Mutter und Sohn eigentlich bis 6 Uhr noch einmal nach Hause gehen, doch der Blick auf das Handy und den Pegel an der Schleuse in Plochingen lässt sie vorsichtig werden. Zurecht: Denn schon eine Stunde später steigt das Wasser wieder.

Die Bootshalle gegenüber vom Vereinsheim ist längst geflutet, aber das ist kein Problem, denn die Boote sind gesichert. „Die müssen wir, wenn das Wasser zurückgeht, nur sauber machen – ebenso wie den Platz davor, denn der Schlamm wird sonst wie Zement.“

In der Nacht hatte es immer wieder heftig geregnet, doch der Guss von oben ist nicht das Problem, erklärt die Vereinsvorsitzende. „Unser Problem ist das Grundwasser, das seit Samstagnachmittag nach oben und aus den Wänden drückt“, sagt Heike Breitenbücher beim Gang durch die Räume. Sogar aus den Steckdosen sprudelt das Wasser heraus.

Vier Pumpen sind in Betrieb. Die Sorge am frühen Sonntagmorgen ist, dass die Wassermassen den Stromkasten erreichen und sie dann nicht mehr laufen, denn ein Notstromaggregat hat der Verein nicht. Die andere Sorge, die die Vorsitzende des Landesruderverbandes Baden-Württemberg umtreibt: Der Pegel könnte so hoch steigen, dass die Schutzbarriere, die die Vereinsmitglieder aus Sandsäcken gebaut haben, nicht Stand hält.

Restaurant Bootshaus gefährdet

Und genau das tritt um halb Sieben ein. Auch die Bootshalle im Vereinsheim wird überflutet. Der Pegel liegt jetzt bei 6,99 Meter. „Wir rechnen mit weiteren 20 Zentimern und hoffen, dass dann Schluss ist.“ Inzwischen ist auch das Restaurant von Pana Cherakis gefährdet. Das Wasser droht in das Lokal zu laufen – trotz einem Wall aus Sandsäcken.

Dennoch weiß Heike Breitenbücher, dass die Situation anderswo viel schlimmer ist. In Bayern etwa oder in Schwäbisch Gmünd. 2013 gab es das letzte große Hochwasser in Marbach, erinnert sie sich. „Das war nicht so heftig wie dieses Mal, aber wenn es nicht schlimmer kommt, haben wir trotzdem Glück im Unglück“, sagt sie.

Auch, weil niemand verunglückt ist. Was mit Blick auf die vielen Schaulustigen, die sich am Samstag zum Neckar aufgemacht hatten, nicht selbstverständlich ist. „Das war unglaublich“, ärgert sich Breitenbücher. Der Parkplatz an der Landesstraße sei so voll gewesen, dass die Helfer, die Material anliefern wollten, teilweise nicht durchkamen und keinen Platz fanden, um das Auto abzustellen.

„Da kamen ganze Familien und machten einen Ausflug“, erzählt die Marbacherin. Eltern hätten sogar ihre kleinen Kinder direkt am Wasser an der Treppe und auf dem Steg spielen lassen, ärgert sie sich. „Das ist unverantwortlich.“

Normalerweise liege die Strömungsgeschwindigkeit bei 125 Kubikmeter pro Sekunde, so die 56-Jährige. „Jetzt sind es aber mehr als 1000 Kubikmeter. Wenn du da reinkommst, bist du weg. Egal wie gut du schwimmen kannst.“

Kanuclub streicht die Segel

Etwa 100 Meter vom Bootshaus entfernt hat der Kanuclub sein Vereinsheim. Auch dort halten Nachtwachen die Stellung – bis in den Morgen. Gegen 6.30 Uhr streichen sie jedoch die Segel und schalten die Pumpen aus. Besonders bitter: Der Club feiert heuer sein 75-Jahr-Jubiläum. Für den 8. Juni ist ein Tag der offenen Tür mit großem Festprogramm geplant.