Fotos vom aktuellen Hochwasser in Großbritannien. Foto: Getty Images Europe

Die Insel macht es den Fluten leicht: Der Hochwasserschutz wird in Großbritannien seit Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt, sagen Kritiker. Und das bei 12.500 Kilometern Küste.

Die Insel macht es den Fluten leicht: Der Hochwasserschutz wird in Großbritannien seit Jahrzehnten stiefmütterlich behandelt, sagen Kritiker. Und das bei 12.500 Kilometern Küste.

London - Die Szenen gleichen denen in Katastrophenfilmen Hollywoods: Meterhohe Wellen schlagen an Kaimauern, Straßen werden von den Brechern überspült. Menschen kämpfen gegen den stürmischen Wind, Bewohner von überfluteten Anwesen fahren mit dem Kajak zu ihren Häusern. Großbritannien im Winter 2014 ist ein Land im Ausnahmezustand. Stürme und Hochwasser haben die Insel im Griff - die Insel aber nicht das Hochwasser - so sehr sich Regierung und auch Königshaus inzwischen um positive Publicity bemühen.

Die Fluten und ihre Folgen sind nach Auffassung vieler Kritiker auch ein Ergebnis jahrzehntelangen Wegschauens und schon fast sträflicher Vernachlässigung infrastruktureller Aufgaben. Die pittoreske und derzeit unterspülte Bahnlinie von London nach Cornwall mag als Beispiel dienen. Recht nett anzuschauen sei sie zwar, schreibt Geoff Ho im „Sunday Express“. Aber als infrastrukturelle Lebensader einer Region sei sie nicht nur aufgrund ihrer Wetteranfälligkeit ungeeignet.

Großbritannien, mit 12 500 Kilometern Küstenlinie den Fluten von Atlantik und Nordsee mehr ausgesetzt als jedes andere europäische Land, gibt nur einen Bruchteil für Hochwasser- und Küstenschutz im Vergleich zu anderen Ländern aus. Die Niederlande investieren etwa 600 Millionen Euro pro Jahr in den Schutz ihrer 450 Kilometer Nordseeküste - Tendenz steigend. Großbritannien wird im nächsten Jahr umgerechnet rund 500 Millionen Euro ausgeben, wie Kommunalminister Eric Pickles in der vergangenen Woche bekanntgab. Und das ist schon ein Plus.

Die Wut über die Regierung von Premierminister David Cameron wächst. 51 Prozent der Briten sind laut einer Meinungsumfrage für den „Observer“ der Auffassung, Cameron habe das Problem nur mangelhaft im Griff. Oppositionsführer Ed Miliband wirft ihm vor, die Folgen des Klimawandels zu leugnen. Cameron „schlafwandelt in eine nationale Krise hinein“, ätzt Miliband. Dabei ist auch seine Labour-Partei keineswegs frei von Schuld.

"Es geht alles verdammt viel schneller"

Bereits 2008 hatte das National Audit Office (ein Gremium für Qualitätssicherung in der Verwaltung) Alarm geschlagen und erklärt, 63 Prozent der Anlagen für den Küstenschutz wie etwa Wellenbrecher oder Schöpfanlagen seien nicht ausreichend gewartet. 2004 hatte Sir David King, Chefberater der Downing Street in Sachen Klimawandel gewarnt: „Wir müssen entweder mehr in nachhaltige Herangehensweisen investieren, oder lernen, mit den Fluten zu leben.“

Labour kürzte daraufhin die jährlichen Ausgaben um 15 Millionen Pfund. Nach dem Regierungswechsel 2010 kappte die konservative Regierung Camerons noch einmal 50 Millionen Pfund pro Jahr. Die Diskussionen, ob Großbritannien nicht einen Teil seiner Landfläche dem Meer überlassen müsse, keimten immer wieder auf. „Es macht keinen Sinn, das zu verteidigen, was nicht zu verteidigen ist“, sagt etwa der Klimaexperte Colin Thorne von der Universität Nottingham. Die Flutsperren müssten von der Küste zurückgenommen werden, Ackerflächen müssten zu Poldern werden. „Wir dachten, dass das alles in den Jahren nach 2030 passiert, aber es geht alles verdammt viel schneller“, sagt Thorne dem „Guardian“.

Inzwischen werden auch in der Regierung die Leugner des Klimawandels und seiner negativen Folgen weniger. Verteidigungsminister Philip Hammond räumt am Sonntag in einem BBC-Interview ein, der Klimawandel leiste „seinen Beitrag“ zu den Fluten im Winter 2014. Seine Kabinettskollegen rechnen inzwischen die Kosten für die Flutkatastrophe zusammen - inzwischen wird von 14 Milliarden Pfund ausgegangen. Das Wichtigste für die um die Wiederwahl im nächsten Jahr kämpfende Regierung ist in Gefahr - die wirtschaftliche Erholung. Das Analyse-Institut IHS hat bereits die Wachstumsprognose für das erste Quartal zurückgenommen.

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