Die Flutwelle kommt über Nacht und hinterlässt eine Spur der Verwüstung. Besonders stark betroffen ist Rudersberg. Anwohner sind verzweifelt – Beobachtungen vom Tag nach der Katastrophe.
Am Montag spielten sich im Rems-Murr-Kreis dramatische Szenen ab. Zwischen 21 und 22 Uhr war es dort zu einem extremen Starkregen gekommen. In Kaisersbach lag der Niederschlag bei mehr als 100 Litern pro Quadratmeter. Dieser Wolkenbruch gab den Überlaufbecken und dem ohnehin durch tagelange Niederschläge vollgesogenen Boden den Rest. Besonders schwer getroffen wurden Rudersberg und Berglen sowie Teile Schorndorfs. Etliche Hochwasser-Rückhaltebecken mussten im Laufe der Nacht geöffnet werden, um sie vor einer Zerstörung zu retten. „Das war ein Ereignis, auf das man sich so nicht vorbereiten kann“, so der Rudersberger Bürgermeister Raimon Ahrens, der selbst in der Nacht am Rückhaltebecken geholfen hat, den Damm zu sichern.
Ein Bild der Zerstörung nach der Überflutung in Rudersberg
Im Einsatz waren neben Feuerwehr und Rettungsdiensten auch das Technische Hilfswerk und die DLRG. Am Morgen danach versuchten unter anderem in Rudersberg-Klaffenbach verzweifelte Anwohner, die Schäden des Hochwassers zu beseitigen. Etliche Autos lagen auf dem Dach, überall im Ort lagen Schlamm, Schutt und Trümmerteile. „Hier war vorher eine Terrasse, die mein Vater angelegt hatte“, erzählte ein Jugendlicher, der ratlos auf einen eingestürzten Hang blickte. Einige Meter weiter: ein junger Mann, barfuß im Schlamm. „Eigentlich wollte ich nur kurz nach draußen gehen – dann habe ich das hier gesehen“, sagte er und deutete auf das Bild der Zerstörung.
Hangrutsche und gesperrte Straßen
Etliche Straßen in der Umgebung sind unterspült und durch umgestürzte Bäume, Schlamm und Geröll unpassierbar gemacht worden. Dies machte in der Nacht auch den Einsatzkräften zu schaffen. Der Schorndorfer Oberbürgermeister Bernd Hornikel schildert, Feuerwehrleute aus Schorndorf seien auf dem Weg nach Rudersberg gewesen und dort selbst von den Wassermassen eingeschlossen worden: „Sie mussten sich auf die Dächer ihrer Fahrzeuge retten, wir haben drei Fahrzeuge verloren.“ Auch Schorndorf, vor allem die Ortsteile Miedelsbach und Haubersbronn, wurde verwüstet.
Der Kernort von Rudersberg glich einem Katastrophengebiet. Die Straßen waren mit einer dicken Schlammschicht überzogen, auf den Gehwegen Anwohner, die Keller leer pumpten oder versuchten, des Schlamms Herr zu werden. In der Ortsmitte wurde ein Van von der Wucht des Wassers auf einen Brunnen gehoben, Schaufenster und sogar massive Stahltüren eingedrückt. In betroffenen Häusern sah es aus, als hätten Bomben eingeschlagen. Eine Anwohnerin berichtete: „Normalerweise gibt es hier bei Regen keine Probleme. So gegen Mitternacht ging es hier dann los – überall war Wasser, es sah aus wie ein Meer.“
Ein Sonnenstudio hat es ebenfalls schwer erwischt. „Das Wasser kam gegen 23 Uhr“, sagte der Betreiber. Sein Keller ist komplett verwüstet, sogar im Studio selbst, das im ersten Stock liegt, stand das Wasser etwa knietief. „Weiter unten hatte das Wasser so eine Wucht, zwei massive Stahltüren wurden einfach eingedrückt“, erzählte der Mann.
Über das Gelände der Einrichtungsfirma Weru ist nach der Öffnung eines Rückhaltebeckens eine Flutwelle hereingebrochen. Diese riss nicht nur Pkw und Transporter mit sich, sondern sogar einen sechseinhalb Tonnen schweren Stahlträger. Danach bahnten sich die Wassermassen einen Weg durch einen Obstgarten, den es komplett verwüstete, und dann weiter in Richtung Ortsmitte.
Viele Betroffene sind ohne Strom – Trinkwasser soll abgekocht werden
In vielen Gemeinden im Kreis wurden die Anwohner dazu aufgerufen, Trinkwasser abzukochen. „Aber wie sollen wir das machen? Wir haben doch keinen Strom“, meinte eine Rudersbergerin, die gerade mit Aufräumarbeiten beschäftigt war. Auch ihr Handyakku gehe allmählich zur Neige. Wer in den betroffenen Gebieten keinen Akku mehr hatte, war auf Mund-zu-Mund-Kommunikation und auf Lautsprecherdurchsagen angewiesen. Noch am Nachmittag waren viele betroffene Haushalte ohne Strom.
Auch für die Einsatzkräfte – viele davon ehrenamtliche Helfer und selbst zu Hause von der Katastrophe betroffen – waren die Einsätze belastend. „Erst waren es zehn, irgendwann 200 Einsätze – das alles zu handeln, ist unmöglich“, so der Einsatzleiter Steffen Knödler von der Rudersberger Feuerwehr. „Wir wussten, wir werden nicht jedem Anrufer Hilfe schicken können.“ Auch das Rudersberger Feuerwehrhaus war vom Hochwasser betroffen, der dort eingerichtete Einsatzstab musste ins Rathaus verlegt werden. „Die Kameraden haben dabei ihre privaten Autos verloren.“ Auch die Rettungsdienste und die DLRG standen angesichts abgeschnittener Orte und extrem starker Wasserströmung vor schier unlösbaren Aufgaben: „Wir hörten die Anrufe, die Schreie und konnten nicht eingreifen“, so Sven Knödler, Geschäftsführer des DRK Rems-Murr.