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Land unter im Südwesten: Hochwasser hat allein am Neckar Schäden in Millionenhöhe ausgelöst. Nebenflüsse wie Fils, Echaz oder Metter verwandelten sich in reißende Wildbäche. Der Frachtverkehr per Schiff liegt bis mindestens Ende nächster Woche lahm.

Stuttgart - Im Vergleich mit Bayern, Sachsen oder Thüringen ist der Südwesten zwar mit einem blauen Auge davongekommen. Dennoch summieren sich die Schäden durch das Hochwasser in der Region Stuttgart auf siebenstellige Summen. Nach ersten vorläufigen Prognosen rechnet allein die SV Sparkassen-Versicherung im Südwesten mit 2500 beschädigten Gebäuden und einem Schadenaufwand von 12,5 Millionen Euro.

Toter bei Metzingen

Traurige Gewissheit wird am Montag, dass die Fluten im Land ein Todesopfer gefordert haben. Drei Tage nach seinem Sturz in die tosende Elsach ist die Leiche eines Bauarbeiters aus Bad Urach im Kreis Reutlingen gefunden worden. Der Körper sei bei Metzingen im Bachbett der Erms gefunden worden – 13 Kilometer vom Unglücksort entfernt, so die Polizei. Der 46-Jährige wollte am Freitag eine Baustelle gegen das Hochwasser absichern. Dabei stürzte er wohl in die Wassermassen. Rettungsteams hatten nach ihm gesucht, ihr Einsatz war aber durch das Unwetter extrem erschwert worden. Von einem ebenfalls 46-jährigen, der in Reutlingen wohl in die Echaz gesprungen war, um sich umzubringen, fehlt noch jede Spur. Die Polizei glaubt nicht, dass er noch lebt.

Ausbaggern der Fahrrinne

Die Aufräumarbeiten werden nicht nur betroffene Privatleute, sondern auch Behörden und Rathäuser in den nächsten Tagen und Wochen in Atem halten. Das Wasser- und Schifffahrtsamt in Stuttgart etwa muss nicht nur ein beim Hochwasser beschädigtes Sperrwehr in Esslingen wieder richten. Auf 20 Meter Länge ist auch die Spundwand bei Pleidelsheim hinterspült. Vor allem aber muss die durch Schlamm und Geröll verstopfte Fahrrinne neu freigebaggert werden. „Frachtschiffe müssen wohl bis Ende nächster Woche warten“, erwartet die Vize-Chefin Barbara Grüter, dass der Schwimmbagger in fast jeder Staustufe zum Einsatz kommt.

Ortskern stand unter Wasser

In der Region mit am stärksten betroffen von den Wassermassen waren die Anwohner der Fils im Kreis Göppingen. Am Montag konnte ein Polizeisprecher aber Entwarnung geben: Um 13.40 Uhr war der Pegel der Fils auf 2,30 Meter gesunken. Zwei Tage zuvor waren noch zwei Meter mehr gemessen worden – im Örtchen Wiesensteig überschwemmte der Fluss den kompletten westlichen Bereich, in Bad Überkingen verhinderten auch 35 000 teils aus Ulm, Nürtingen und Esslingen angekarrte Sandsäcke nicht, dass der Ortskern bis zu 70 Zentimeter unter Wasser stand. Im zu Vaihingen an der Enz zählenden Horrheim im Kreis Ludwigsburg musste die Feuerwehr eine Tankstelle vor dem Absaufen schützen – die Überschwemmung gilt als schlimmstes Hochwasser der Ortschronik.

Dramatik in Pleidelsheim

Nicht vom Neckar selbst, sondern vom Kraftwerkskanal drohte in Pleidelsheim akute Überschwemmungsgefahr. Weil ein Dammbruch drohte, stemmten sich Helfer von 22 Feuerwehren in einer beispiellosen Aktion gegen die Wassermassen. Auf einer Länge von einem Kilometer schichteten sie 15 000 Sandsäcke auf, um den 6200 Einwohner zählenden Ort an der A 81 vor einer Flutwelle zu schützen. Erst als das Wasser- und Schifffahrtsamt den Bagger einen provisorischen Damm auf der halben Kanalbreite errichten ließ, entspannte sich die Lage. Die Steinschüttung drückte das anströmende Wasser in Richtung Altneckar. Weil am Pegel in Plochingen ein Anstieg auf 6,40 Meter vorhergesagt wurde, musste in der Nacht zum Sonntag aber doch ein Notüberlauf ins Wiesental geschaffen werden. „Bei einem Dammbruch hätten wir das Wasser knapp 50 Zentimeter hoch im Ort stehen gehabt“, erinnert sich Bürgermeister Ralf Trettner am Montag an zwei schlaflose Nächte.

Ärger über defekte Sperre

Pikant ist der Auslöser für die Flutgefahr in Pleidelsheim: Um Fahrrinne und Ort zu schützen, liegt eigentlich eine riesige Stahlplatte im Fluss, die das anströmende Nass in den Altneckar umleiten soll. Weil das Sperrtor für das Hochwasser momentan aberdefekt ist, ließ die Flut den Pegel im Kraftwerkskanal bis fast zur Dammkrone steigen – eine Überschwemmung in Pleidelsheim wäre hausgemacht gewesen. In der Nacht zum Samstag lagen die Nerven beim Rathauschef deshalb offenbar blank: „Beim Gespräch über die nötigen Rettungsmaßnahmen bin ich vielleicht etwas lauter geworden – ich bin nun mal ein energischer Mensch“, räumt Ralf Trettner ein. Ärgerlich ist aus seiner Sicht, dass das Rathaus von den nötigen Reparaturarbeiten gar nichts wusste. „Die neuen Ketten für die Ausbesserung liegen schon am Sperrtor bereit – es hat vor dem Hochwasser schlicht die Zeit für den Einbau gefehlt“, beteuert das Stuttgarter Wasser- und Schifffahrtsamt.

Fische in Not

In Unterensingen im Kreis Esslingen gerieten durch das Hochwasser Fische in Not. Dort entdeckten Polizeibeamte am Montag zig Dutzend große Fische in einem Straßengraben, rund 50 Meter vom Neckarufer entfernt. Der Neckar war dort über die Ufer getreten und hatte die Kreisstraße überschwemmt. Als das Wasser zurückfloss, konnten Karpfen und Co nicht mithalten. Sie kämpften in dem Rinnsal im Straßengraben ums Überleben. Die Beamten trugen sie, unterstützt von Feuerwehrleuten und einem Beauftragten des Fischereivereins, zurück in den Neckar. In Esslingen befürchtete die Stadtverwaltung, dass eine Flutwelle in den alten Neckar schwappen und die Altstadt unter Wasser setzen könnte. Deshalb wurde beim Wasserhaus ein drei Meter hoher Damm gebaut, um den Stadtneckar abzunabeln. Der Wasserspiegel in den Kanälen sank darauf aber derart, dass viele Fische starben. Der Damm wurde deshalb am Montag zum Teil wieder aufgebrochen.

Mängel im System

Wegen des Hochwassers waren allein im Kreis Ludwigsburg ein halbes Dutzend Straßen gesperrt, im Landratsamt koordinierte ein 40-köpfiger Krisenstab die Einsätze. Für Rems-Murr-Landrat Johannes Fuchs ist das Ausbleiben verheerender Schäden ein Beleg, dass der Hochwasserschutz seit 2011 ein gutes Stück vorangekommen sei. Hochwasser-Experten warnen wegen Mängeln im Schutzsystem aber vor einem bösen Erwachen: „Wir haben im Land eine relativ geringe Hochwassersicherheit, wenn wir das mit Industrieanlagen oder gar Atomkraftwerken vergleichen“, sagt der Leiter des WWF-Aueninstituts in Rastatt, Emil Dister. „Das kann uns künftig durchaus teuer zu stehen kommen.“ Gemeint ist ein erheblicher Rückstand in Sachen „Rückhalteräume“: Es gebe entlang der Flüsse zu wenig Flächen, auf die das Wasser bei gestiegenen Pegelständen ausweichen könnte. Siedlungen an zahlreichen Gewässerabschnitten in den großen Flusseinzugsgebieten Rhein, Donau, Neckar und Main seien nicht ausreichend geschützt, sagt das Umweltministerium und führt als Grund dafür die „Defizite der Vorgängerregierung“ an. Bereits 2012 seien daher die Haushaltsmittel für Hochwasserschutz von 25 auf 38 Millionen Euro erhöht worden, betont ein Sprecher. Mit dem Geld sollen etwa am Rhein insgesamt 13 Rückhalteräume entstehen. Künstlich geschaffene Polder sind aus Sicht von Umweltschützern aber keineswegs vorzuziehen. „Wir brauchen natürliche Auen – ihre Überflutung ist im Sinne des Naturschutzes und fördert Artenvielfalt“, sagt BUND-Experte Hartmut Weinrebe.

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