Wolfgang Beltracchi ist kein großer Künstler, aber malt wie große Künstler Foto: dpa

Die Hochstapelei ist so alt wie die Menschheit selbst – und nicht gut angesehen. Warum Hochstapelei trotzdem eine gewisse Kunst ist und Berufsbetrüger auch eine Faszination auf uns ausüben.

Stuttgart - Da war dieser Freund im Sportverein. Er führte ein überaus erfolgreiches Leben: Informatikstudium sehr gut abgeschlossen, im Anschluss gleich die Promotionsstelle und aufgrund der stets herausragenden Forscherleistungen bereits als Doktorand ständig zu internationalen Kongressen eingeladen, im Anschluss direkt das Angebot für die Juniorprofessur. Leider war dann plötzlich der Professor verstorben.

 

Er war jung, erfolgreich und bescheiden, aber das Schicksal meinte es oft nicht gut mit ihm. Auch beide Eltern waren früh gestorben, kurz hintereinander, die Mutter durch Selbstmord, der Vater kurz danach an einem Herzinfarkt. Sehr tragische Geschichte. Dazu kam, dass der Freund schlimme Allergien hatte, oft Veranstaltungen oder Treffen mit Freunden aufgrund von plötzlichem Unwohlsein fluchtartig verlassen musste. Man hatte deshalb natürlich immer ein bisschen Mitleid mit dem armen Kerl. Und bewunderte ihn natürlich gleichzeitig dafür, weil er es dennoch geschafft hatte, beruflich so erfolgreich zu sein.

Lügen um der Lüge willen

Leider war nichts davon wahr. Die Karriere? Erfunden. Die Eltern? Quietschfidel am Leben. Die Allergien? Die perfekte Inszenierung, um brenzligen Situationen aus dem Weg zu gehen. Letztlich waren es unzählige Tausende kleinere und größere Lügen, die der Freund seinem kompletten Umfeld über Jahre aufgetischt hatte. Am Ende wusste keiner mehr, was war nun wahr und was falsch? Wozu waren überhaupt manche Lügen da? Doch das macht eben den richtig guten Hochstapler wohl auch aus. Er lügt nicht nur allein, um sein Leben besser, erfolgreicher, strahlender zu machen. Er lügt immer auch um der Lüge willen. Oder damit alte Lügen nicht auffliegen. Ein Teufelskreis.

Die Lügen lassen viele Hochstapler kalt. Wo andere Leute schon Schweißausbrüche bekommen, weil sie in der Straßenbahn keinen Fahrschein haben, da erzählt der Hochstapler eben noch locker flockig eine schöne Geschichte, wie er diese gekauft hat und einem armen Mann geschenkt hat, der zu seiner erkrankten Mutter fahren wollte – ohne mit der Wimper zu zucken. Als Hochstapler von Beruf muss man abgebrüht sein. Ein allzu großes Gewissen kann man sich wohl gar nicht leisten, sonst versagt man. Das Einzige, wovor Hochstapler wirklich Angst haben: aufzufliegen. Wenn sie auffliegen, ist alles vorbei.

Arroganz gehört dazu

Für den ehemaligen „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius ist die Journalistenkarriere vermutlich zu Ende. Seine erfundenen, hochliterarischen und mit unzähligen Preisen gekrönten Werke hielt sein Kollege Juan Moreno irgendwann nicht mehr für glaubhaft. Ein grober Anfängerfehler für Profi-Hochstapler!

So ließ sich zum Beispiel der gelernte Postzusteller Gert Postel aus Bremen kaum davon abschrecken, dass seine erfolgreiche Karriere als Psychiater – ohne jemals ein medizinisches Studium abgeschlossen zu haben – zeitweise aufflog. Postel liegt das Hochstapeln, Gerüchten zufolge, quasi im Blut. Wohl schon als Jugendlicher, so erzählte er selbst, habe er sich einen Spaß daraus gemacht, den regionalen „Weser-Kurier“ mit kleinen Falschmeldungen aufs Glatteis zu führen. Noch im selben Jahr bewarb er sich mit einem falschen Abiturzeugnis beim Oberlandesgericht Bremen für eine Ausbildung zum Rechtspfleger, flog aber schon nach vier Monaten auf.

Meistens finden sich Hochstapler gerade deshalb so besonders genial, weil alle ihre Geschichten glauben. Werden sie ertappt, umgehen sie gerne kritische Fragen auf unendlich arrogante Weise, legen sogar weitere Lügen als Bestätigung ihrer Glaubwürdigkeit vor. Eine Strategie beispielsweise ist es, die Kritiker selbst als Lügner zu bezeichnen. Ein schönes Beispiel für dieses Vorgehen ist US-Präsident Donald Trump. Er hat das perfektioniert. Stichwort: alles Fake News!

Sie können nicht aufhören

Der renommierte deutsche Psychiater Borwin Bandelow hat sich in seinem Buch „Wer hat Angst vorm bösen Mann?“ ausführlich damit beschäftigt, warum uns Täter so faszinieren, unter anderem eben auch Hochstapler. Dazu hat er sich mit Gert Postel getroffen.

Der hat nämlich keineswegs nach seiner ersten Verurteilung seine Karriere als Hochstapler beendet. Im Gegenteil, er hat sie beachtlich ausgebaut, arbeitete später als Oberarzt in der psychiatrischen Klinik in Zschadraß. Immer wieder flog der falsche Arzt auf, immer wieder machte er an einem anderen Ort weiter: Stabsarzt bei der Bundeswehr, Rentengutachter im Berufsbeförderungswerk in Brandenburg und in der Landesversicherungsanstalt Stuttgart.

Als Pseudologia phantastica bezeichnet die Psychiatrie seit Anton Delbrück den chronischen Drang zum krankhaften Lügen und Übertreiben. Man geht davon aus, dass die meisten krankhaften Lügner an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden. Viele Narzissten empfinden ihre Lügen gar nicht so sehr als etwas Unanständiges. Sie besitzen dafür oft schlicht nicht genug Empathie.

Flucht in eine Fantsasiewelt

Doch wie wird man zum chronischen Lügner? Oft sind das Menschen, die als Kind außergewöhnliche Entbehrungen erlebten. Um einer allzu schmerzhaften Realität zu entkommen, fliehen sie in eine Fantasiewelt. Andere fangen mit Lügen an, weil sie aus ihrer Sicht an etwas brachial gescheitert sind wie zum Beispiel einem nicht bestandenen Studienabschluss. Sie erfinden immer wieder Lügen, um das zu vertuschen.

War dies bei Postel auch so? Bandelow wollte es herausfinden und fuhr nach Tübingen, zu einem „Gespräch unter Kollegen“, so schreibt er, „auf der Suche nach dem Geheimnis dieses offensichtlich so geschickten Schwindlers“. Selbst die „arrogante Haltung“ habe er gespielt, weil dies zu einer Rolle des Oberarztes gehöre, hörte er bei dem Gespräch. Postel erklärte ihm, „Psychiater sind nicht sonderlich intelligent. Sie müssen nur die Sprache beherrschen . . . Alles, was sie beherrschen müssen, ist Wortakrobatik . . . auch eine dressierte Ziege kann Psychiatrie ausüben. Ich war nur ein Hochstapler unter Hochstaplern.“

Es geht um Macht-Demonstration

Postel erzählt dem sachkundigen Psychiater allerlei Geschichten, wie er sich durchgeschlagen habe. Währenddessen, so schreibt Bandelow, habe er sich oft gefragt, warum so ein „gewandter, intelligenter, kontrollierter, charmanter und eloquenter Mensch nicht den ‚normalen‘ Weg gegangen ist, den ein Arzt gehen muss“. Bandelow kommt zu dem Schluss, Postel ging es vermutlich um etwas „Größeres, um etwas Wichtigeres als eine angepasste Karriere als Jurist oder Mediziner“. Nämlich „um Macht und Demonstration von Überlegenheit“. Ihm sei es gar nicht darum gegangen, Titel zu erwerben, ihm sei es wohl vielmehr um den Beweis gegangen, Diplome „für lau zu bekommen, für die andere lange schuften mussten“, vermutet Bandelow.

Natürlich gebe es Menschen, die in Postel eben nicht den Spaßvogel sehen, sondern einen Selbstverliebten, der andere Menschen hinterlistig täuschte und beschämte – was Postel letztlich auch einen Gefängnisaufenthalt eingebrockt hatte. „Aber er passte nicht in die Reihe der bösartigen, verbrecherischen Manipulatoren“, schreibt Bandelow. „Vielleicht haben wir Gert Postel viel zu verdanken: Er führte uns vor, wie leicht wir uns täuschen lassen. Sein Fall kann ein Lehrstück sein, das uns wachsamer macht“, schreibt der Psychiater, der nach diesem Gespräch „nachdenklich nach Hause“ gefahren sei – und sich fragte, ob denn dieser sympathische Mensch eine narzisstische Störung habe. „Er erfüllt so gar nicht die Klischees“, schreibt Bandelow. Und dann die Befürchtung: „Bin ich gerade einem gerissenen Verführer auf den Leim gegangen?“

Menschen wollen Geschichten hören

Berühmte Hochstapler sind deshalb berühmt geworden, weil sie es geschafft haben, ihre Umwelt über eine lange Zeit hinweg zu täuschen, ohne aufzufallen – oft als Arzt oder anderer Experte. Häufig genießen sie in ihrem Umfeld durchaus Sympathien. Weil sie immer auch faszinierende Persönlichkeiten sind. Wenngleich Enttäuschung und Wut bei den Opfern riesig sind, wenn sie merken, einem Betrüger aufgesessen zu sein, gibt es doch immer vorher den Lügner und den Belogenen. Der eine erzählt die Geschichten, der andere wollte sie vielleicht eben auch hören?

Hochstapler erzählen immer ein bisschen etwas über die Gesellschaft, in der sie aktiv sind. So gaben sich notorische Lügner früher gerne als Adelige aus oder waren Heiratsschwindler. In der Literaturgeschichte greift der Don-Juan-Mythos diesen Typus immer wieder auf.

Neu im Programm: das Opfer

Heute wählen Pseudologen dagegen oft die Rolle des Traumaopfers. Erfinden große Geschichten, die Mitleid erregen. Davon lassen sich oft Menschen manipulieren, die ein ausgeprägtes Helfersyndrom haben. Aber ja, manchem schmeichelt es auch, einen Menschen zu kennen, der Aufregendes, gar wahnsinnig Schlimmes erlebt oder überlebt hat.

Doch irgendwann stoßen auch die besten Pseudologen an die Grenzen ihrer Kunst. Manche Hochstapler verstricken sich gar so sehr in ihre Lügen, dass sie diese selbst quasi leben. Der Freund aus dem Sportverein ist aufgeflogen, weil er jedem erzählt hatte, er habe durch den Tod der Eltern viel Geld geerbt und kaufe nun eine Wohnung. Er ging zum Notar und unterschrieb tatsächlich einen Kaufvertrag über eine halbe Million Euro. Nur, es gab ja kein Erbe. Aus der Nummer kam er dann wirklich nicht mehr raus.