Rektor Alexander W. Roos ist vor wenigen Tagen für eine dritte Amtszeit bestätigt worden. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Die Landesregierung wirbt mit der Transparenz des Hochschulgesetzes. Doch das Procedere der Rektorwahlen an Stuttgarter Hochschulen zeigt, dass allzu viel Transparenz gar nicht erwünscht ist.

Stuttgart - An der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart ist der amtierende Rektor Alexander W. Roos vor wenigen Tagen für eine dritte Amtszeit bestätigt worden – im ersten Wahlgang und „mit absoluter Mehrheit“, wie die Hochschule in einer Pressemitteilung berichtet. Was die Presse nicht erfahren sollte: Es gab eine interne Gegenkandidatin. Bettina Tabel, seit einem Jahr Professorin mit Schwerpunkt Media-Design an der HdM, hatte ebenfalls ihren Hut in den Ring geworfen, wie sie unserer Zeitung auf Nachfrage bestätigte. Die bei der Wahl unterlegene Herausforderin, die zuvor fünf Jahre als Vizepräsidentin an der Hochschule Mainz amtiert hatte, möchte jedoch nicht nachkarten. „Ich sehe das als sportliches Ereignis“, sagt sie.

Empört darüber, dass die HdM auf Nachfrage unserer Zeitung nur die Zahl der Bewerber – sieben – bekannt gab, nicht aber, wie viele Kandidatinnen und Kandidaten tatsächlich zur Wahl standen, hatte sich eine kritische Leserin unserer Zeitung. Es könne doch nicht sein, dass eine weibliche Gegenkandidatin gegenüber der Öffentlichkeit einfach unterschlagen werde, meinte sie. Eine mit öffentlichen Steuermitteln finanzierte Hochschule dürfe solche wichtigen Vorgänge doch nicht im Geheimen abwickeln, argumentierte sie, derlei würde doch der zunehmenden Politikverdrossenheit weiter Vorschub leisten.

Der Hochschulratsvorsitzende der HdM, Jürgen Rautert, begründet seine Informationspolitik mit der Schutzbedürftigkeit der Kandidaten: „Ob Mann oder Frau, ist doch im Zeitalter der Gleichberechtigung irrelevant“, ob extern oder intern, sei ebenfalls unwichtig, ebenso die Zahl der Kandidaten. „Dem Informationsbedürfnis ist Genüge getan, wenn es heißt, es war eine echte Wahl“, so Rautert, „auch eine Einerliste ist eine echte Wahl.“ Eine Erklärung dafür, weshalb eine Nennung von Zahl und Geschlecht der Kandidaten deren Schutzbedürftigkeit tangieren soll, liefert er nicht.

Eine Ministeriumssprecherin erklärt, weshalb ein Beratungsprozess Vertraulichkeit brauche

Allerdings: Verboten ist die Heimlichtuerei nicht. Auch das Hochschulgesetz gewichtet Vertraulichkeit höher als Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit. Eine Sprecherin des Wissenschaftsministeriums erläutert, weshalb: „Es geht nicht darum, Beratungsergebnisse intransparent zu halten, sondern es ist vielmehr wichtig, das Ringen um gemeinsam getragene Ergebnisse, also einen echten Beratungsprozess, überhaupt erst zu ermöglichen“, argumentiert sie. „Diskursive Entscheidungsprozesse brauchen stets solche geschützten Räume, so dass nicht jeder spontane Gedankengang aus der Diskussion unmittelbar an die Öffentlichkeit getragen wird.“ Wie die Hochschule anschließend über das Ergebnis informiere, stehe ihr frei.

Es könnte sein, dass sich in knapp zwei Monaten bei der Rektorwahl an der Uni Stuttgart Ähnliches abspielt wie an der HdM. Dass nämlich die Öffentlichkeit darüber im Unklaren gelassen wird, wie viele Kandidatinnen und Kandidaten tatsächlich zur Wahl gestanden haben werden. Schon dass der Amtsinhaber Wolfram Ressel für eine dritte Amtszeit kandidiert, ging lediglich aus einer Stellenanzeige hervor.

Bernhard Keimer, der Vorsitzende des Unirats, mag gegenüber unserer Zeitung nicht sagen, ob es neben Ressels Herausforderer und Professorenkollege Michael Resch womöglich noch einen weiteren Kandidaten oder gar eine Kandidatin gibt. Die Findungskommission, deren Vorsitz er hat, habe zwar ihre Arbeit abgeschlossen. „Es wurde aber Vertraulichkeit vereinbart über das gesamte Prozedere – ich möchte diese Vertraulichkeit nicht brechen“, so Keimer. Dies gelte auch für die Zahl der Bewerber. Eines könne er jedoch zusichern: „Es gibt eine echte Wahl mit maximal drei, mindestens zwei Kandidaten.“ Keimer betont: „Wir halten es für sinnvoll, das so vertraulich wie möglich zu machen.“

Zur Vorstellung der Kandidaten ist die Öffentlichkeit nicht erwünscht

Dazu gehören auch die Vorstellungsrunden der Kandidaten innerhalb der Uni. Mit welchem Konzept und welchen Zielen diese die Uni künftig führen wollen würden, soll die Öffentlichkeit nicht erfahren. Während die Rektoren Roos (HdM) und Stephan Dabbert (Uni Hohenheim) ihren Amtsvorteil nutzten, sich und ihre Pläne öffentlich erklärten und somit auch ihre Erfolge ins Spiel bringen konnten, schweigt Amtsinhaber Ressel weiter. Sein Herausforderer Resch gab sich nicht so zugeknöpft und sprach mit unserer Zeitung über seine Pläne. Dass bei der Wiederwahl des Hohenheimer Rektors Dabbert im vergangenen Jahr gar kein Gegenkandidat zur Wahl gestanden hatte, hatte die dortige Uniratsvorsitzende Marion Johannsen hinterher eingeräumt – und auch begründet.

Am 30. Mai werden an der Uni Stuttgart Unirat und Senat in einer gemeinsamen, öffentlichen Sitzung den künftigen Hochschulchef wählen. Das Prozedere, so Keimer, sei dasselbe wie bei der Kanzlerwahl. Die Kandidatenvorstellung findet also zuvor und, wie gehabt, hinter verschlossenen Türen statt. Nur der Sieger offenbart sich nach der Wahl. Oder die Siegerin.

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