Es brodelt an der Ludwigsburger Beamtenschmiede. Bis Ende Oktober soll eine externe Kommission einen ersten Zwischenbericht vorlegen, um einen Weg aus der Krise zu weisen. Die Rektorin Claudia Stöckle ist zum Kämpfen entschlossen. Foto: Hochschule für Verwaltung und Finanzen Ludwigsburg

Seit Monaten tobt an der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg ein Streit über die Rektorin und ihren Führungsstil. Eine externe Kommission soll nach einer Lösung suchen.

Ludwigsburg - Es ist ein bisschen wie im Fernsehfilm „Der Große Bellheim“. Wenn die Lage völlig verfahren erscheint, wenn die Jüngeren nicht mehr weiterwissen, dann müssen die Alten noch einmal ran. Die Alten, das sind im Fall der Hochschule für öffentliche Verwaltung und Finanzen in Ludwigsburg drei Herren um die siebzig: vorneweg Gerhard Stratthaus (72), der Ex-Finanzminister, Ex-Brauereichef und Ex-Präsident der Führungsakademie, dazu ein pensionierter Ministerialdirigent (67) und der einstige Rektor der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg (74). Das Ehemaligen-Trio bildet eine externe Kommission, die im Auftrag von Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) die schwere Führungskrise an der Beamtenschmiede analysieren und Auswege weisen soll. Gerade Stratthaus, lobt die Ressortchefin, sei „im Erkennen und Bewältigen von Konfliktlagen sehr erfahren“.

Seit Anfang September machen sich die drei „Bellheims“ ein Bild von den Verhältnissen in Ludwigsburg, wälzen Akten und führen Gespräche. Bis Ende Oktober sollen sie einen Zwischenbericht vorlegen. „Konfliktlage“ klingt fast zu harmlos für die Turbulenzen an der Hochschule, die den Nachwuchs für die Rathäuser und Finanzämter im Südwesten ausbildet – und schon deshalb ein gutes Vorbild abgeben sollte. Sie versinke „im Chaos“, lautete, kaum übertrieben, eine der Schlagzeilen der vergangenen Monate. Tatsächlich herrschte ein solches Hauen und Stechen – meist hinter den Kulissen, selten auf offener Bühne –, dass der Betrieb ernsthaft gefährdet erschien. Rektorat, Dekane, Professoren, Hochschulrat, Personalvertreter, Studenten: der Konflikt hat alle Akteure erfasst, selbst untereinander bekriegt man sich.

Die Rektorin sollte frischen Wind bringen

Auslöser, aber nicht einzige Ursache der Querelen ist eine Frau, auf der viele Hoffnungen ruhten: Claudia Stöckle, die Rektorin. Als die promovierte Juristin 2012 ihr Amt antrat, sollte sie frischen Wind in die Hochschule bringen, ausdrücklich auch in verstaubte Ecken. Manche Professoren, hieß es, hätten sich allzu behaglich in ihren Privilegien eingerichtet. Eine Externe tue sich auf dem Führungsposten leichter als interne Interessenten. Zudem kenne Stöckle (55), zuletzt Vizelandrätin in Calw, die Verwaltung aus vielen Perspektiven. Protegiert wurde sie vom Vorsitzenden des Hochschulrates, dem früheren Öhringer Oberbürgermeister und CDU-Landtagsabgeordneten Jochen Kübler. Kritik am Auswahlverfah­ren  bügelte dieser ab, „schlicht Dummgeschwätz“ sei das, ja „hirnrissig“. Inzwischen ist der sonst überaus selbstbewusste Kübler (Motto: „klein, stark, schwarz“) ziemlich kleinlaut geworden und von seiner Kandidatin erkennbar abgerückt.

Schon Stöckles Vita hatte in Ludwigsburg Argwohn geweckt. Auffällig viele Stationen mit relativ kurzer Verweildauer – ob da etwas nicht stimme? Bald darauf sahen sich die Skeptiker bestätigt: Es hapere am

Die Rektorin Claudia Stöckle kämpft um ihren Posten. Foto: privat
„Führungsverhalten“, und zwar gewaltig. Lang und länger wurde das Sündenregister, das die Dekane der beiden Fakultäten im März an die Hochschulgremien schickten. Stöckle pflege einen „völlig unangemessenen Umgangsstil“, hieß es darin, sie agiere selbstherrlich und pfeife auf die Kompetenz anderer, trotz anhaltender „Unkenntnis der Prozesse und Abläufe an der Hochschule“. Entscheidungen treffe sie „willkürlich und uninformiert“ oder verschleppe sie so lange, „bis Zustände unhaltbar geworden sind“; stattdessen entfalte sie fragwürdige neue Aktivitäten wie eine Preisverleihung für „Frauen in der Kommunalpolitik“. Beigefügt waren Auszüge aus internen Mails, die die Vorwürfe belegen sollten – darunter sogar ein Irrläufer. „Sie ist voll auf Kampf gebürstet“, schrieb die Rektorin da einem Vertrauten über eine Kritikerin – „Ich amüsiere mich gerade“. Stets müsse diese „das letzte Wort haben“, aber damit komme sie „nicht zum Ziel mit uns“.

Über die Jahre hat sich so manches Privileg eingeschliffen

In ihrer Erwiderung wies Stöckle die Beschwerden Punkt für Punkt zurück. „Betroffen“ zeigte sie sich über die Form des Protests, befremdet über den Inhalt. Aus Sicht des Rektorats, so ihr Fazit, stellten sich die Vorgänge „gänzlich anders dar“. Erst später wurden Stimmen laut, die noch andere Gründe für den Widerstand anführten. Angefeindet werde die Rektorin wohl auch deshalb, weil sie in Ludwigsburg wirklich „aufräumen“ wolle. Da habe sich über die Jahre manches eingeschliffen, vor allem bei den Nebentätigkeiten. Deutlich mehr Engagement als in ihrem Hauptjob zum Beispiel entwickelten manche Professoren bei der lukrativen Ausbildung von Steuerberatern, gerne auch in Hochschulräumen. Die Vorlesungen für die Studenten würden dagegen eher pflichtschuldig absolviert und zeitlich so gelegt, wie es den Dozenten am besten passe. Intern wurden solche Vorwürfe brüsk zurückgewiesen.

Ein Professort war genervt, weil er woanders parken musste

Die Professoren zeigten sich überhaupt höchst sensibel, wenn es um ihre Privilegien ging. Einer echauffierte sich etwa darüber, dass er seinen Privatwagen nicht mehr dort auf dem Hochschulgelände parken durfte, wo er es jahrelang gewohnt war. Von der Rektorin fühlte er sich deshalb persönlich drangsaliert, der Vorgang soll sogar die Justiz beschäftigt haben. „Wie im Kindergarten“ gehe es in Ludwigsburg bisweilen zu, stöhnten kritische Gremienmitglieder. Mehr als einmal musste Stöckle mahnen, es seien „doch alle erwachsen“. In einer Strafanzeige aus der Hochschule, die nach einigem Hin und Her doch noch Ermittlungen der Staatsanwaltschaft wegen Korruption auslöste, sieht sie eine „weitere Diffamierung“. Die darin monierten Zahlungen an sie und Kübler seien durch Gremienbeschlüsse gedeckt und vom Ministerium abgesegnet worden. Es gehe nur darum, sie nach den „fehlgeschlagenen Abwahlversuchen zum Rücktritt zu zwingen“.

Tatsächlich scheiterten zwei Anläufe des Hochschulrates, die Rektorin vorzeitig loszuwerden. Es habe keinen Zweck mehr mit ihr, sie müsse weg, postulierte der Ludwigsburger Landrat Rainer Haas als Wortführer der Kritiker. Doch beim ersten Mal wurde die für die Abwahl nötige Mehrheit knapp verfehlt, beim zweiten Versuch konnte wegen schwerer Formfehler erst gar nicht abgestimmt werden. Zuvor hatte der Vorsitzende der Studierenden-Vertretung, Sebastian Kröber, die Aufseher eindringlich zur Vernunft gemahnt: „Ich flehe Sie an, schauen Sie zurück, wohin uns dieser Weg geführt hat.“ Schon heute sei der Wert des Studiums beschädigt, „vermutlich dauerhaft“. Es müssten endlich alle Akteure „persönliche Befindlichkeiten im Sinne des großen Ganzen hintanstellen“. Prompt wurde Kröber aus den Reihen der Studenten angegangen, weil er sich angeblich auf die Seite Stöckles geschlagen habe. In den Diskussionen auf Facebook, hört man, sei seit Wochen „die Hölle los“.

Plädoyer für einen personellen Neuanfang

„Verblüfft und verstört“ beobachtete auch Ministerin Bauer das Treiben. Doch die Rektorin rasch durch einen Staatskommissar zu entmachten, wie es viele von ihr erhofften, kam für sie nicht in Frage. Zum einen hält die Grüne viel von der Autonomie der Hochschulen, die sie gerade erst gestärkt hat. Zum anderen möchte sie wohl ein problematisches Signal vermeiden: Jeder Rektor im Land, der unpopuläre Entscheidungen trifft, müsste fortan befürchten, nach einem vergleichbaren Aufstand davongejagt zu werden. Also soll erst die externe Kommission prüfen, ob die Beamtenschmiede noch funktionsfähig ist. Inwieweit sie auch untersucht, was es dort aufzuräumen gäbe, blieb unklar.

Am Ende, wird allenthalben erwartet, dürfte das Plädoyer für einen personellen Neuanfang stehen. Doch Claudia Stöckle hat bisher nicht erkennen lassen, dass sie freiwillig das Feld räumen würde; sie wirkt eher zum Kämpfen entschlossen. Schon kursiert die Sorge, das Land könne die Krise nutzen, um aus den beiden Verwaltungshochschulen in Kehl und Ludwigsburg eine zu machen. Die Ausbildung der Finanzbeamten, so die Planspiele, könnte dann in eigener Regie fortgeführt werden.

Trotz aller Querelen gibt es auch gute Nachrichten für die Hochschule. Ihr letztjähriger Absolvent Daniel Töpfer wurde im Sommer zum Bürgermeister von Weissach im Kreis Böblingen gewählt – mit 25 Jahren und daher landesweit beachtet. Umgehend erschien auf der Homepage der Hochschule ein Foto, das zeigt, wie Stöckle dem Sieger gratuliert. Die unausgesprochene Botschaft: der Grundstein für den Wahlerfolg wurde in Ludwigsburg gelegt.

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